Schorndorf

Populismus-Vortrag von Prof. Dr. Brettschneider

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Frank Brettschneider ist Professor für Kommunikation an der Universität Hohenheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Kommunikation bei Bau- und Infrastrukturprojekten, Verständlichkeitsforschung, Wahlforschung und Kommunikationsmanagement. Bei der FDP in Grunbach sprach er über „Wählervehalten und Wahlkampf: Programme, Personen und Populismus“. © Habermann / ZVW

Remshalden. Der Wähler, das wechselhafte Wesen, sollte keinesfalls überschätzt und niemals überfordert werden. Auf diesen Punkt lässt sich der Vortrag von Frank Brettschneider bei der FDP-Kreismitgliederversammlung bringen. Der Hohenheimer Kommunikationsprofessor empfahl, im Wahlkampf klare und einfache Botschaften zu senden.

Video: Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft insbesondere Kommunikationstheorie, zum Thema "Wählerverhalten und Wahlkampf: Programme, Personen, Populismus"

Den Wähler überzeugen zu wollen, sei vergebliche Liebesmüh’, sagte Prof. Dr. Frank Brettschneider den Parteimitgliedern im gut besuchten Landgasthof „Hirsch“ in Grunbach. Schlüssel im Straßenwahlkampf sei deshalb, erst zuzuhören und dann das schlicht gehaltene Parteiprogramm zu erklären.

Brettschneider: Schlechter Wahlkampf von Stoiber 

Brettschneiders Negativbeispiel für einen schlechten Wahlkampf war Kanzlerkandidat Edmund Stoiber anno 2002: „Er wollte recht haben!“, sagte Brettschneider. „Aber doch nicht im Wahlkampf!“

Müntefering und Westerwelle: Mustergültige Wahlkämpfer

Mustergültiger Wahlkämpfer war für den Kommunikationsprofessor hingegen Franz Müntefering (SPD), der seine Botschaften immer einfach, in kurzen Sätzen rüberbrachte – und sich nicht zu schade war, sie unermüdlich zu wiederholen. Richtig so. Auch Guido Westerwelles penetranter Steuer-Wahlkampf führte 2009 zum großen FDP-Erfolg; der sei allerdings in der dilettantischen Umsetzung baden gegangen.

So ticken die Wähler von heute 

Die Wähler von heute seien weit weniger festgelegt als früher und entschieden auch sich weitaus später, wo sie ihr Kreuz setzen, erklärte der Wahlforscher Brettschneider, wie Wähler ticken. Nur noch ein Drittel gelten als Stammwähler. Zehn Prozent der Wähler entschieden sich erst in den letzten zwei, drei Tagen vor der Wahl. Welche Partei sie letztlich wählen, hänge von der allgemeinen Stimmung, den dominanten Themen und von den Machtoptionen ab, die eine Partei biete. Mit Blick auf die Wahlen im Saarland seien die letzten veröffentlichten Umfragen für die FDP, die ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde vorhersagten, womöglich der Todesstoß gewesen.

"Die Wahrnehmung entscheidet, nicht die Realität"

Welche Partei ein Wähler auf dem Stimmzettel ankreuzt, ist das Ergebnis eines komplizierten Wechselspiels zwischen persönlichen Einstellungen, dem Agieren der Parteien und Politikern sowie der Aufbereitung durch die Medien. „Die Wahrnehmung entscheidet, nicht die Realität“, betonte Brettschneider.

Medien beeinflussen das Wahlverhalten 

Den Medien gehe es immer um Themen. Sie beeinflussen schließlich das Wahlverhalten, wies Brettschneider auf das Jahr 2002 hin, als zunächst Wirtschaftsthemen den Wahlkampf dominierten. SPD und Grüne hatten dementsprechend schlechte Karten. Die Elbe-Flut spülte das Thema Wirtschaft weg und der drohende Irak-Krieg rückte in den Fokus – ein Trumpfass für die rot-grüne Koalition von Bundeskanzler Schröder.

Drei Ratschläge für erfolgreichen Wahlkampf 

Brettschneiders drei Ratschläge für einen erfolgreichen Wahlkampf sind: „Agenda Setting“, also erfolgversprechende Themen auf die Tagesordnung setzen, bei denen der eigenen Partei Kompetenzen zugeschrieben werden oder bei denen die anderen Parteien inkompetent wirken. „Agenda Cutting“ ist der Versuch, ungeliebte Themen abzuwürgen. Und schließlich „Agenda Surfing“, worunter Brettschneider das Bemühen versteht, sich von den im Wahlkampf beherrschenden Themen zumindest nicht abhängen zu lassen.

Schwerpunkte setzen und Kernbotschaften formulieren 

Ganz wichtig sei bei der Planung eines Wahlkampfes, sich nicht zu verzetteln und nicht zu viele Themen zu haben. „Da bleibt nichts haften.“ Es gelte, Schwerpunkte zu setzen und Kernbotschaften zu formulieren. Konkret:

  • einfach und durchgängig kommunizieren;
  • auf Kernbotschaften konzentrieren;
  • Botschaften permanent wiederholen;
  • Botschaften visualisieren und
  • verständlich kommunizieren.

„Wahlplakate sind keine Programmauszüge!“

Plakate sind wichtig und werden vom Wähler am häufigsten wahrgenommen, gefolgt von TV-Spots und Zeitungsanzeigen. Plakate sind jedoch tückisch, denn man kann vieles falsch machen. Bleiwüsten, wie sie die Linke bevorzugt, seien das falsche Mittel: „Wahlplakate sind keine Programmauszüge!“ Und Plakate mit dem Konterfei des Kandidaten hält Brettschneider für gänzlich überflüssig – wohl wissend, dass er mit seinem Rat nicht durchkommt.

Keine Wechselstimmung im Land vor Bundestagswahl

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl im September sieht Brettschneider keine Wechselstimmung im Land. Allenfalls den verbreiteten Wunsch, die Große Koalition zu beenden – und bei den Sozialdemokraten herrscht unverhohlene Freude über das Ende der Ära Gabriel. Das erkläre die Schulz-Begeisterung. „Ein Niemand“, ereiferte sich der FDP-Landtagsabgeordnete Ulrich Goll in der Diskussion über den SPD-Spitzenkandidaten. Er könne sich die Euphorie über Schulz nicht erklären. Allenfalls damit, dass er eine Projektionsfläche für alle diejenigen biete, die von Bundeskanzlerin Merkel genug haben („Mutti hat mich enttäuscht“).

Wahlforscher halten Wirkung sozialer Medien überschätzt 

Dass Brettschneider die sozialen Medien bei seiner Analyse des Wählerverhaltens ausblendete, hat einen einfachen Grund. Der Wahlforscher hält die Wirkung von Internet, Facebook oder Twitter für überschätzt. An seinem Institut werde gerade der Umgang mit sozialen Medien untersucht. Die Wählergruppen verwiesen dabei oftmals auf sich selbst – vielfach aber auch auf klassische Medien. AfD-Wähler hingegen befänden sich häufig in der beschworenen „Blase“, in der bloß die eigenen Meinungen verstärkt werden und irgendwelchen Verschwörungstheorien nachgehangen wird (siehe: Der Erfolg der AfD).

Der Erfolg der AfD

Populisten sind auf dem Vormarsch, und zwar weltweit. In Deutschland hat die AfD diesen Part übernommen. Als Anti-Euro-Partei gegründet, hat sich die AfD zur Anti-Establishment-Partei entwickelt, seitdem die Themen Flüchtling und Islam nicht mehr ziehen. Der vermessene Anspruch dieser Populisten laute, „das Volk“ zu vertreten. Verbunden mit dem Gefühl, von Feinden umzingelt zu sein: Lügenpresse, GEZ, TTIP, „Konsensparteien“... Ein Mittel der Inszenierung seien gezielte Tabubrüche. Sie verschaffen Publizität. Politikern wie Medien riet Kommunikationsforscher Frank Brettschneider, „nicht über jedes Stöckchen zu springen, das die AfD hinhält“.