Schorndorf

Protomartyr prangern an mit bissigem Witz

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Sieht nur aus wie ein Versicherungsvertreter – ist aber Joe Casey, Frontmann bei Protomartyr. © Habermann/ZVW

Schorndorf. Es sind harte Zeiten. Das Klima geht vor die Hunde, die weltpolitischen Spannungen sind straff wie Gitarrensaiten. Innergesellschaftliche Differenzen entwickeln sich zu Grabenkriegen, entladen sich in Vorurteilen, Ablehnung und Gewalt. In Zeiten wie diesen kann man froh sein, dass es Bands wie Protomartyr gibt, die alles anprangern, was ihnen gegen den Strich geht. Und das ist einiges.

Wie eine klassische Band sehen sie ja nicht unbedingt aus, die vier Herren aus der Motor City. Drei davon würden auch als faule Langzeitstudenten durchgehen, mit Strubbelfrisur und nerdigen T-Shirts. Der vierte im Bunde, Sänger Joe Casey, sieht mit seinem Hemd und Sakko aus wie ein Versicherungsvertreter, der regelmäßig ein paar Bier über den Durst trinkt und von den übrigen Kids überredet wurde, als Sänger in ihrer Punk-Band auszuhelfen. Die Gelegenheit nutzt der grummelige Typ dann, um sich den Frust von der Seele zu singen. Wobei es kein Gesang im herkömmlichen Sinne ist, den Casey dem Publikum in der Manufaktur entgegenschleudert. Mal bellt er seine Lyrics wie ein Mastiff ins Mikro, mal sprechsingt er sich murmelnd durch die Strophen.

Ein perfektes Fundament fürs Wutgebaren

Die Texte, die schon auf Platte kryptisch daherkommen, sind live oftmals nicht so recht auszumachen. Zwar geht dadurch der bissige Witz, der Caseys Lyrics innewohnt, an einigen Stellen durchaus verloren, der Intensität der Darbietung tut das aber wahrlich keinen Abbruch. Der reduzierte, frostige Post-Punk der Band reißt das Publikum in der Manufaktur in ungeahnte Tiefen, in einen Sog aus Lärm und Tristesse.

Die drei Instrumentalisten legen das perfekte Fundament für Caseys Wutgebaren. Gitarrist Greg Ahee hat sich vom klassischen Riff weitestgehend liberalisiert. Dissonante Akkorde und gelegentliche schwirrende Läufe bestimmen sein Spiel, Distortion walzt unaufhaltsam durch den Saal. Das Spiel des Drummers Alex Leonard ist von einer Prägnanz, die man gar nicht mehr so recht gewohnt ist. Seine Beats rucken und zucken abseits jeglicher Kick-Snare-Kick-Kick-Snare-Langeweile, ohne jemals in Hektik zu verfallen, was von Scott Davidsons stoischem Bassspiel perfekt ergänzt wird.

Große Posen? Fehl am Platz!

Große Posen sucht man nicht nur vergeblich, sie wären auch irgendwie fehl am Platze. Joe Casey hat stattdessen die Anti-Pose perfektioniert: Mit einer Hand hält er sich am Mikrofonständer fest, in der anderen hat er ein Bier, um nicht zu dehydrieren. Sonst bewegt er sich kaum, starrt ab und zu mit fiesem Blick in die Menge. Mehr braucht es nicht.

Vor der Zugabe gibt es dann endlich „Why does it shake?“ auf die Ohren, den wohl besten Song, den die Band bisher geschrieben hat. In kargen, rätselhaften Versen beschreibt Casey die Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter, er lässt sich über das ewige Leben aus, über Glückseligkeit, über Hoffnung. Der große Drop in der Mitte des Stücks zerschmettert das Wunschdenken mit einer Wucht, die einem selbst dann Schauer über den Rücken jagt, wenn man den Song schon hundertmal gehört hat. Willkommen zurück in der grausamen Realität.


Zum Ende hin sind Casey und Co. tatsächlich noch für ein unerwartetes Schmunzeln gut: Eine Besucherin wünscht sich einen Song, was Casey prompt abschmettert - die restliche Band eilt der Dame zur Hilfe und überstimmt ihren Sänger, der sich grinsend geschlagen gibt. Cheerfulness made in Detroit.


In Worte fassen

Seit jeher plagen sich Musikredakteure aller Herren Länder damit herum, Joe Caseys Eigenarten in Worte zu fassen. Ein Blog hat die absurdesten Versuche gesammelt: descriptionsofjoecasey.tumblr.com