Schorndorf

„Pulse of Europe“-Demonstration

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Karl-Otto Völker (links), einer der Initiatoren der Demonstration, im Gespräch mit Klaus Reuster, dem Vorsitzenden der Naturfreunde, der passend zum Anlass mit Flaggen der Staaten der Schorndorfer Partnerstädte gekommen war. © Leonie Kuhn
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Mehr als 100 Teilnehmer sind am Sonntagnachmittag dem Aufruf gefolgt, für den europäischen Gedanken zu demonstrieren. © Leonie Kuhn

Schorndorf. Sie wollen keine Grenzkontrollen zurück, wollen die Reisefreiheit behalten, sie wollen weiterhin freundschaftliche Kontakte zwischen Menschen und ein friedliches Zusammenleben der Nationen in Europa: Viele Gründe hatten die rund 100 Besucher für die Teilnahme an der ersten „Pulse of Europe“-Demonstration. Die Idee der überparteilichen unabhängigen Bürgerinitiative für den europäischen Gedanken ist in der Daimlerstadt angekommen.

Die amerikanische hat er daheimgelassen, sonst aber hat Klaus Reuster alle Flaggen der Länder der Schorndorfer Partnerstädte an seinem Rucksack befestigt. Für Europa zu demonstrieren, das ist ihm wichtig, in Anbetracht dessen, dass der europäische Gedanke auch viele Gegner hat, erzählt der Vorsitzende der Schorndorfer Naturfreunde. Nicht nur die Reisefreiheit schätzt er, der noch das Warten an Ländergrenzen erlebt hat. Die hat die Europäische Union ermöglicht. Aber Klaus Reuster denkt ebenso an die wirtschaftliche und sozialgesellschaftliche Dimension des Themas, etwa an die Angleichung von Standards, an Arbeitnehmer-Rechte und anderes. Europa, das heißt nicht nur, „dass man Kohle macht“, greift Reuster populistische Gedanken auf.

Sein Nachbar kommt mit ins Gespräch. Er erinnert sich noch an die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 und daran, „mit welcher Begeisterung man Partnerschaften ins Leben rief“. Freundschaftliche Kontakte wurden aufgenommen, Freundschaften mit anderen europäischen Völkern entstanden, erzählt er. „Heute ist das selbstverständlich.“ Und wenn sich jemand gegen Europa ausspricht, „wird nichts gesagt“.

Ziel: „Den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar machen“

Auch für den älteren Herrn ist’s Grund genug, am Sonntagnachmittag dem Aufruf der Schorndorfer Künstlerin Dorothea Schütz und des Alt-Stadtrats Karl-Otto Völker zur „Pulse of Europe“-Demonstration auf den Marktplatz zu folgen. „Pulse of Europe“, so heißt eine überparteiliche und unabhängige Bürgerinitiative, die „den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar machen“ will. In etlichen deutschen Städten sind Befürworter der Initiative bereits aktiv.

Karl-Otto Völker begrüßt die rund 100 Teilnehmer der Demonstration, freut sich über deren Zahl. Das zeige, „dass die europäische Idee in Schorndorf lebt“.

Zum Beispiel im Partnerschaftsverein. Dessen Vorsitzenden Thomas Röder hatten die Initiatoren als Redner eingeladen. Er spricht nicht in seinem Amt zu den Besuchern, sondern stellt persönliche Beweggründe in den Vordergrund. 1972 war Röder das erste Mal in Tulle, der französischen Partnerstadt von Schorndorf, wo es noch große Animositäten gab. Im Zweiten Weltkrieg hatte eine SS-Division furchtbares Leid verursacht.

„Es wird nicht besser durch Abschottung.“

Thomas Röder weist auf die Vorzüge des heutigen Europas hin: „Wir können uns innerhalb von Europa frei bewegen, frei wählen, wo wir wohnen und arbeiten.“ Und: „Wir haben seit 70 Jahren in Europa keinen Krieg gehabt.“ Dazu führt er den freien Handel an, den großen Wirtschaftsraum. „Dadurch geht es uns sehr gut in Europa.“ Nicht alles ist Gold, was glänzt, gibt Röder in Sachen EU zu. Aber: „Es wird nicht besser durch Abschottung.“

Die Freunde in der englischen Partnerstadt Bury seien traurig über den „Brexit“, berichtet Thomas Röder und unterstreicht: „Wir werden weitermachen mit der Partnerschaft mit Bury.“

Oberbürgermeister Matthias Klopfer reiht sich in die Europa-Befürworter ein. Schorndorf sei eine weltoffene Stadt mit mehr als 100 Nationen, sagt er. „Es gibt auch in unserer Stadt schwierige Diskussionen“, räumt er ein und verweist auf die Abstimmung zum Referendum in der Türkei. Klopfer spricht von einem „Signal, dass wir intensiver miteinander ins Gespräch kommen“. Es gelte aber auch, „unsere Grundwerte zu betonen“.

Kindern das Wort „Frieden“ näherbringen

Städtepartnerschaften in Zeiten der EU-Krise: Klopfer rät, weiterhin zu schauen, wie man partnerschaftlich zusammenkomme, auch in schwierigen Zeiten ein verlässlicher Partner zu sein. Er wünsche sich, schließt Klopfer sein Grußwort, „dass Schorndorf eine so weltoffene, liberale Stadt bleibt“ - und viele solcher Nachfolgeveranstaltungen.

Einige treten noch ans Mikrofon, darunter auch Vertreter von Vereinen, und berichten, was sie mit Europa verbinden. Eine ältere Dame, ein „Vorkriegskind“, wie sie sagt, betont: „Europa war ein Friedensprozess für uns alle. Das geht heute unter.“ Sie bittet darum, „dass man Kindern und Jugendlichen das Wort ,Frieden’ näherbringt. Sie wissen nicht, was Krieg bedeutet.“

Mit Europa-Hymne

Das Rathaus in Stuttgart hat ein Glockenspiel, das die europäische Hymne spielen kann, sagte Karl-Otto Völker. „Wie sieht es in Schorndorf aus?“, fragte er in Richtung des Oberbürgermeisters. Matthias Klopfer befürwortete den Einfall. „Eine wunderbare Idee“, sagte er.

Die „Pulse of Europe“-Demonstrationen für Europa sollen auch in Schorndorf von nun an regelmäßig stattfinden. „Das bleibt keine Eintagsfliege“, versprach Karl-Otto Völker.