Schorndorf

Rafik Schami leidet mit seinem Land

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Rafik Schami beim Aufzählen all dessen, was nicht sein darf, wenn die Kulturen friedlich zusammenleben sollen. © Mathias Ellwanger

Schorndorf. Am Rande einer Lesung in der Künkelinhalle sprachen wir mit Rafik Schami. Was der in Damaskus geborene Schrifsteller zur Flüchtlingsfrage zu sagen hat - und wie er für sein Land hofft.

Herr Schami, muss man den Muslimen nicht deutlich sagen, dass sie die Religion zurückzustellen haben. Dass der Glauben nicht absolut gesetzt werden darf. Und dass die Menschenrechte zu gelten haben.

Das ist deshalb schwierig, weil der Islam von Anfang an eine Staatsreligion war. Nicht wie beim Christentum, bei dem es erst 300 Jahre später geschah. Wir Christen waren ja zuerst eine Religion des Untergrunds. Wir können den Muslimen nicht sagen, sie sollen ihre Religion weniger absolut setzen. Das können nur die Reformer in ihren eigenen Reihen. Wie weit das fruchten wird, das weiß ich nicht.

Muss nicht unser 30-Jähriger Krieg zwischen Katholiken und Protestanten allen eine Lehre sein?

Es war der große Augustinus, der das Wort „Heiliger Krieg“ eingeführt haben. Die Kreuzzüge waren die hässliche Frucht dieser Ideologie. Zweihundert Jahre übten die Krieger barbarischen Mord und Totschlag im Namen des Kreuzes. Und am Ende verloren außer dem Vatikan alle, er stieg auf zu einer Macht. Jerusalem und Konstantinopel erlebten ihren Niedergang. Man muss an den Islam auch lobende Worte richten. Die muslimischen Herrscher haben uns Christen nicht vernichtet. Obwohl es damals keinen Begriff von Nation gab. Wir waren als Minderheit zwar Bürger zweiter Klasse, aber wir haben überlebt. Ich bin ein Aramäer, ein Urchrist, aber meine Kultur ist arabisch-islamisch geprägt in einem Nebeneinander von vielen Kultur und Religionen.

Zur aktuellen Lage. Werden die Geschehnisse in Köln die Republik verändern? Sie machten sich ja immer stark für mehr gegenseitiges Verstehen?

Ich gehe nach wie vor davon aus ohne große Spekulation, dass es das Werk einer Bande war, die ein organisiertes Verbrechen verübt hat. Das war nicht die spontane Geilheit von Männern. Der Flüchtling, der voller Angst ist, plant nicht einen solch generalstabsmäßigen Angriff. Gleichzeitig muss man sagen, dass die Politik versagt hat. Die Merkel-Politik war von Anfang an chaotisch: Grenzen öffnen und dann sagen, seht wie ihr damit klar kommt. Ich habe auf meinen Lesereisen an den Bahnhöfen unbeholfene hilfsbereite großartige Menschen gesehen, die Gummibärchen, Spielzeug und Decken verteilt haben. Und die Regierung? Sie spricht von ihrem Plan. Was ist das für ein Plan? Oder sollte er geheim bleiben? Da lobe ich mir diesen oder jenen kleinen Verband, der einfach hilft, indem er einen Leitfaden über Verkehrsregeln, die hier gelten, rausbringt. Es geht doch nicht, dass man 200 Syrer und andere in ein Dorf schickt, ohne irgendwelche Hilfen, Richtlinien an die lokalen Verwaltung, obwohl dort noch niemand Syrer gesehen hat. Das Schlimmste ist, dass die Ankommenden nicht arbeiten dürfen. Dann heißt es immer, nach dem Völkerrecht dürfen sie nicht arbeiten, aber das stimmt nicht. Dies alles mindert freilich nicht die Schuld der Täter.

Aber es muss ihnen als Mensch aus Damaskus das Herz brechen, wenn sie das Schicksal der Syrer sehen. Wenn Deutschland die Flüchtlinge nicht aufnimmt, was dann?

Mir bricht das Herz, glauben Sie es mir. Aber ich muss dann auch dafür sorgen, dass die Syrer, die hier ankommen, gut behandelt werden. Die EU war es, die jene Länder, die bisher am meisten aufgenommen haben, im Stich ließ: Türkei, Libanon, Jordanien. Hinzu wirkte die gewisse Propaganda: Kommt, ihr habt es besser in Europa. Wenn jetzt die Stimmung hier im Land umschlägt, dann sollte das nicht auf Kosten der Flüchtlinge gehen. Die EU hat zu handeln, damit es nicht zu einer Überbietung kommt: Deutschland sei ein Musterschüler, humanistischer als Frankreich und andere. Ich nehme es den Verbrechern von Köln übelst, dass sie mehr als alles andere zur Diffamierung der Flüchtlinge beitragen. Was hilft das, wenn jetzt die Bevölkerung aggressiv wird..

Ihre Bücher sind eine einzige Aufforderung, die Waffen nieder zu legen. Aber plagt sie keine Gewaltfantasie? Also Assad entführen und zum Frieden zwingen?

Gewaltfantasien hatte ich mit 14. Damals habe ich alle Diktatoren besiegt. Es ist aber in der Wirklichkeit komplizierter. Wenn Assad weg ist, kommt sein Bruder, sein Cousin oder irgendeiner, den die fünfzehn Geheimdienste bestimmen, an die Macht. Ich plädiere für eine Handreichung an die zweite Reihe im Clan. Eine absolute Bedingung eines Friedens für mich wäre die Auflösung der Geheimdienste. Die Supermächte müssen jetzt zusammenkommen und die Übergangsphase strikt kontrollieren – das wird fünf, zehn Jahren dauern. Es muss auch weiter eine Armee geben und eine Polizei, sonst versinkt das Land in der Anarchie. Die sozialen, wirtschaftlichen, gewerkschaftlichen, politischen und kulturellen Einrichtungen werden frei und demokratisch aufgebaut, so dass sie die Sippenherrschaft abbauen.

Wie können Sie bei der Lage optimistisch sein? Die Nationalisten und Militaristen triumphieren, siehe Türkei und Russland.

Ich bin nach wie vor optimistisch, dass dieser herrschende Islamismus die Reformkräfte des Islams auf den Plan ruft. Ich bin mir sicher, dass der türkische Machthaber Erdogan scheitern wird. Und Putin geht die ökonomische Kraft aus.


Schorndorf. Es gibt Freunde der Literatur, die schätzen den Erfolgsautoren Rafik Schamir fürs Mündliche, nicht fürs Schriftliche. Das Erzählen frei von der Bühne weg macht den Zauber aus bei seinen Erzählungen aus dem Land zwischen Euphrat und Tigris. Die Künkelinhalle war schon Monate vorher ausverkauft.

Das muss man schon können, so wie er es jetzt wieder anhand seines neustens Romans „Sophia“ exemplifizierte. Im Auf- und Abgehen vier Handlungsstränge, mindestens, kunstvoll geknüpft zu halten. Rote Fäden aufzunehmen und wieder abzulegen, auf dass sie zusammenwirkt eine wohlige Umhüllung geben. Dann stellt er eine Figur ab, legt sie schlafen, alles nur mit der Kraft seiner Erzählweise in Schleifen, um sie zwei Geschichten weiter wieder wach zu rufen: „Salman, erinnern Sie sich noch an ihn?“

Es geht um vier Familien mindestens und 16 Leben sowieso, die bei Rafik Schami immer auch Lieben sind. Unmögliche, gefährliche, mal totalunglückliche und dann wieder vogelschwingenleichte Lieben und Versprechungen auf Ewigkeit. Unkompliziert sind sie nie, und damit kommt die Wirklichkeit ins Spiel, die spezifische, die speziell syrische, aber es ist auch das Schisma von ganz Arabien: Der Clan bestimmt, nicht das Individuum. Das sei das größte Problem überhaupt in den muslimischen Ländern, verschärft er zwischendurch den Fabulierton.

Um dann rotschnurstracks Wege aufzuzeigen, wie sich der Mensch doch befreien kann. Die Frau, die starke, zumal. Sie geht dann einfach in das von Männern besetzt gehaltene Café. Und wenn sie beim ersten Mal nicht bedient wird, ködert sie die Bedienung mit Geld. Man muss die Gepflogenheiten mitspielen, um irgendwann doch die Regeln zu bestimmen.

Aber zwischendrin scheint da kein gutes Geschichtenende auf. Die Häscher, die perfiden Geheimdienstler in Diensten des Assad-Clans treiben die Menschen in den Verrat, sei’s der Allernächste. Und der Clanobere, ein Muslim, schickt den Bruder, um die eigene Schwester zu ermorden. Es hilft die unmögliche Geliebte von einst, eine Christin.

Es sind Stränge voller Versöhnungsenden. Schami muss all dies aus innerer Notwendigkeit schreiben, das wird klar, wenn man diesem 70-jährigen Aramäer zuhört, der vor dem früheren Assad-Regime nach Deutschland floh.

Es sind Erzählfiguren, die aus der Archaik, aus Tradition und Religion, ausbrechen. Emanzipationen ohne eine soziale Bewegung dahinter, die schiebt und schubst. All dies muss gelesen werden wie eine Kontrastfolie zur Situation heute im Land. Es ist dort nicht mehr ans Lieben zu denken. Nur ans Überleben. Dabei sind die Syrer ein solch zur Liebe befähigtes Volk, flüstert uns Rafik Schami ein.

Den Kindern helfen

Rafik Schamir schaut nicht einfach zu, wie sein Volk verblutet. Er hat mit anderen Aktiven in Tübingen Schams e. V. gegründet. Seit drei Jahren fließen all Jahr 100 000 Euro in Schulen in der Türkei, Libanon, Jordanien. Dort werden die syrischen Flüchtlingskinder gefördert, sie bekommen Unterricht und psychologische Betreuung. 1500 Kinder werden so erreicht mit Spenden aus Deutschland, der Schweiz und Holland. Dabei wird nicht auf die Konfession geschaut.