Schorndorf

Razzia – es sind Flüchtlinge im Zug

1/3
fd372fec-1081-47d2-ac5d-ce3180c15174.jpg_0
18 Kilo auf dem Buckel, aber noch unbeschwert: Marielle Saunders, li., und Nora Nolle. © Sabine Reichle
2/3
Flüchtlinge suchen Glück in Europa
Sehnsuchtsvoller Blick nach draußen: Flüchtlinge im Zug in Italien. © Nicolas Armer
3/3
_2
So schön kann es direkt neben dem Gleis sein. Hier in Südfrankreich. © Nora Nolle

Zwei Mädchen, per Interrail in diesen Zeiten in Südeuropa unterwegs. Und zwei Stunden vor dem Anschlag in Barcelona. Ein Protokoll. 

Schorndorf, Freitag, 4. August, 6 Uhr

Wir stehen am Bahnhof und warten auf den Zug. Die Vorfreude nach der scheinbar grenzenlosen Freiheit, die wir die nächsten 15 Tage genießen dürfen, scheint größer zu sein als die Last auf unseren Schultern. Unsere Rucksäcke. Fast halb so groß wie wir, gefühlt halb so schwer. Gefüllt mit Dingen, die wir für überlebenswichtig halten. Links die Isomatte, rechts den Schlafsack und hinten das Zelt festgeschnallt. Es kann also losgehen, denken wir und schauen auf unseren Interrail-Pass. Heute soll es noch nach Mailand gehen, jedoch wird die Modestadt für uns nur ein Zwischenstopp sein. Morgen früh geht es weiter. Wohin? Wissen wir selber noch nicht, aber ans Meer! So viel steht fest.

Mailand, Freitag, 17 Uhr

Nach einer entspannten Zugfahrt durch die schöne Alpenlandschaft und italienische Weinbaugebiete kommt der Zug schließlich in Mailand zum Stehen. Wir hieven unsere Rucksäcke auf die Schultern und öffnen gespannt die Zugtür. Stickige Bahnhofsluft und 37 Grad schlagen uns entgegen, aber das ist egal, wir sind an unserem ersten Interrail-Stopp angekommen. Doch ein Problem haben wir noch, wir haben keine Unterkunft. Irgendwo wird sich aber sicher ein billiges Hotel oder ein Hostel auftreiben lassen. Wir laufen zu einem Infostand im Bahnhof. Die Bahnangestellte findet schnell ein Hotel in der Nähe für uns, zwar nicht ganz nach unseren Preisvorstellung, aber wir brauchen dringend einen Schlafplatz für heute Nacht. Wir beschließen, uns die Straßen Mailands anzuschauen.

Mailand, Samstag, 9 Uhr

Wir sitzen auf dem Hotelbett und frühstücken Müsli, die Europakarte vor uns ausgebreitet. Wir nehmen die Küste Südfrankreichs genauer unter die Lupe. Irgendwo dort soll es heute hingehen. Doch immer, wenn wir uns für eine Stadt entscheiden und nahegelegene Campingplätze anrufen, werden wir enttäuscht. Belegt. Nach unzähligen Telefonaten schauen wir uns an und entscheiden, einfach loszufahren. Irgendwo muss doch ein Platz für zwei Mädchen und ihr winziges Zelt sein. Martigues soll heute unser Ziel sein. Der Zug fährt um 11 Uhr. Um 21 Uhr sollen wir dort ankommen. Laut den Bildern aus dem Internet soll es eine schöne Küstenstadt direkt am Meer sein, also genau das, was wir uns vorstellen

Ventimiglia, Samstag, 16:30 Uhr

Wir sind nun schon fünfeinhalb Stunden unterwegs. Ohne irgendwelche Zwischenfälle kommen wir in Ventimiglia an. Eine italienische Stadt, kurz vor der Grenze zu Frankreich. Hier müssen wir umsteigen und den Zug nach Marseille nehmen. Wir laufen die Bahnhofstreppe runter zum nächsten Gleis. Was uns sofort auffällt: sehr viele Schwarzafrikaner, die einfach nur am Bahnsteig sitzen. Wir steigen in unseren Zug, der planmäßig weiterfährt. Doch nach zehn Minuten Fahrt bleibt er an einem Bahnhof stehen. Italienische Polizisten laufen durch die Abteile und schauen unter jeden Sitz. Jeder Reisende, der in irgendeiner Form nach einem Flüchtling aussieht, muss sich ausweisen können. Die Polizisten sind schroff zu ihnen, der ganze Prozess dauert mehr als 20 Minuten. Insgesamt holen sie mindestens ein Dutzend Flüchtlinge aus den Waggons. Sie werden am Bahnhof von der Polizei zusammengedrängt. Sieht so ein provisorisches Abschiebelager aus? Wie viele gibt es davon noch? Klar, Italien trägt die ganze Last, mit den Überlebenden einer selbstmörderischen Flucht übers Meer klarzukommen.

Kurz vor Marseille spricht uns ein Einheimischer an. Er zeigt mit einer versteckten Geste zu einer Frau, die auffällig ihre Augen im Abteil wandern lässt. Für Schönheiten der Landschaft hat sie keinen Blick. Der Mann erklärt, dass er jeden Tag die gleichen verdächtigen Personen im Zug sehe, die an großen Bahnhöfen die Menschen im Gedränge an den Zugtüren beklauen würden. Wir sollen bloß nicht schlafen, macht er uns klar. Sondern ständig unser Gepäck im Auge behalten.

Martigues, Samstag, 21 Uhr

Mit mehr Fragezeichen im Kopf steigen wir aus dem Zug. Das soll die schöne Küstenstadt sein, die uns die Bilder im Internet versprochen hatten? Statt schöner Häuschen und Bäumen sehen wir Ölraffinerien und Industriegebiete, so weit das Auge reicht. Leicht panisch schauen wir uns an und dann den Zugplan. Mist! Das war der letzte Zug, der heute diesen Bahnhof passiert hat. Erst morgen um 8.45 Uhr fahren sie wieder. Wo sollen wir heute schlafen? Wir laufen die Straße herunter, laufen einen kleinen Kiesweg entlang. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter dem Horizont, langsam wird es dunkel. Außer dem Grillenzirpen hören wir nur noch Autos in der Ferne. Wir kommen an einer stillgelegten Zugbrücke an und entscheiden uns, das Zelt hier aufzuschlagen. Nur für eine Nacht, reden wir uns die ganze Zeit ein, während wir in Windeseile aufbauen. Es ist stockdunkel, wir kriechen ins Zelt. Drinnen ist es sehr gemütlich, okay, doch das Herz pocht bis zum Hals. Die Angst hält stundenlang wach. Es fängt auch noch an zu stürmen. Irgendwann schaffen wir es einzuschlafen. Aber waren da nicht Schritte zu hören, die sich dann wieder entfernt haben? Nur ein schlechter Traum?

Martigues, Sonntag, 5 Uhr

Länger halten wir es hier nicht mehr aus, wir kriechen aus dem Zelt, draußen ist es dämmrig. So schnell wie wir gestern Abend aufgebaut hatten, bauen wir jetzt wieder ab. Der Zug fährt zwar erst in drei Stunden, aber am Bahnhof fühlen wir uns sicher. Wir wissen auch schon genau, wo es heute hingehen soll. Niolon ist unser neues Ziel. Durch das kleine Küstendorf waren wir gestern mit dem Zug gefahren. Es gefiel uns sehr gut.

Niolon, Sonntag, 10 Uhr

Wolken am Himmel, immer mal wieder fängt es an zu nieseln, aber wenigstens haben wir jetzt ein schönes Dorf gefunden. Niolon besteht aus vielen kleinen Häusern, einem kleinen Dorfladen und ein paar Restaurants. Es liegt auf Kalkfelsen in der Bucht von Marseille. Wir haben einen exklusiven Blick aufs Meer. Unverbaubar.

Im Laden stocken wir unseren Proviant auf, decken uns mit genügend Wasser ein. Dann klettern wir lange Zeit an den Kalkfelsen entlang. Wir suchen einen geeigneten Platz für unser Zelt, doch leider zu steil oder zu steinig. Da sehen wir von oben eine wunderschöne Bucht. Das Wasser ist glasklar. Hier wollen wir bleiben. Wir klettern runter, mit all dem Gepäck. Da: ein idealer Felsvorsprung. Hier kann man ein paar Tage verbringen. Wir schlagen das Zelt auf. Schnell wird es warm. Schwimmen wäre jetzt eine Option. Nach ein paar schönen Stunden am Meer klettern wir zurück zu unserem Zelt und holen unseren Gaskocher raus. Unser Abendessen, das wir zum Sonnenuntergang am Meer essen, besteht aus Quiche und Tomatensuppe. Schöner hätte der Tag nicht zu Ende gehen können.

Niolon, Freitag, 8 Uhr

So lebten wir die letzten Tage dahin, lagen in der Sonne, gingen schwimmen oder saßen auf den Felsen und beobachteten das Glitzern des Mondes im Wasser. Doch die Sehnsucht nach Neuem treibt uns weiter. Heute um 10 Uhr nehmen wir den Zug nach Figueres in Spanien. Wir wissen, dass Wildcampen in einigen Gebieten Frankreichs verboten ist, wir wollen unser Glück nicht weiter aufs Spiel setzen. Also packen wir unser Hab und Gut zusammen und klettern aus der Bucht raus. Freilich, da, ein Polizist kommt uns entgegen. Er weist uns freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass das Wildcampen verboten ist. Waldbrandgefahr! Aber klar doch, versichern wir, wir ziehen weiter.

Figueres, Freitag, 19 Uhr

Drei Tage auf einem Campingplatz halb in den Pyrenäen bringen uns der Zivilisation wieder näher. Lagern auf einem dafür vorgesehenen, gemieteten Platz kann so entspannend sein. Am Montag wollen wir nach Barcelona, unserem letzten Stopp. Für Barcelona haben wir uns eine Airbnb-Wohnung bei einer einheimischen jungen Frau organisiert.

Barcelona: Stunden vor dem Anschlag

Barcelona, Dienstag, 17 Uhr

Barcelona ist eine wunderschöne Stadt, auch über unsere Unterkunft können wir nicht klagen. Gerade kommen wir von einer kleinen Sightseeing- und Shopping-Tour wieder. Heute Abend werden wir uns eine gemütliche Bar suchen und den Abend ausklingen lassen. Niemand ahnt irgendetwas. Wie auch. Wir sind Touristen in einer Touristenhochburg.

Barcelona, Donnerstag, 17 Uhr

Wir packen unsere Sachen am Strand zusammen, vorhin waren wir auf der Rambla, Mitbringsel für unsere Familien kaufen. Wir laufen zur nächsten Metrostation. Plötzlich sehen wir überall Polizei und Krankenwagen. Was ist bloß los? Zurück in der Unterkunft schauen wir auf unsere Handys. Zahlreiche verpasste Anrufe und Nachrichten. „Geht es euch gut? In Barcelona soll es einen Anschlag gegeben haben.“ Wir schauen uns an und verstehen erst jetzt, was wir eigentlich gerade miterleben müssen. Die Angst überkommt uns, weil die Täter noch auf der Flucht sind.

Barcelona, Freitag, 4:30 Uhr

Heute geht es nach Hause. Noch immer müssen wir schlucken, wenn wir an die Ereignisse von gestern denken. Unvorstellbar.

Wir werden bis heute Abend um 23 Uhr im Zug sitzen. Genug Zeit eigentlich, die letzten 15 Tage noch einmal Revue passieren zu lassen. Aber wie bekommt man das auf die Reihe: Das Gefühl, selbst Glück gehabt zu haben. Einerseits. Aber schon versammelt sich ganz Spanien, eigentlich die ganze westliche Welt, zum Staatsakt. Trauern um Opfer in einer Stadt, die vor allem eines kann: Glücksucher anziehen.


Kommentar: Grenzenlos? Nur für uns!

Warum wir uns für diese Art von Reise entschieden haben? Weil wir den Süden Europas auf eigene Faust entdecken wollten.

Wie hautnah wir dann Europa erlebt haben, hätte keiner von uns beiden erwartet. Europa bedeutet für uns die Vielfalt der Länder, die Freiheit, grenzenlos zu reisen. Aber vor allem das Gefühl, zu einer großen bunten Gemeinschaft zu gehören. Wir sind nicht nur Deutsche, wir sind genauso Europäerinnen.

Ohne die Europäische Gemeinschaft und ihre Idee der grenzenlosen Verbundenheit gäbe es Interrail überhaupt nicht und allein dafür sind wir ihr dankbar. Doch auf unserer Reise durch den Süden mussten wir uns einer Frage stellen, wie grenzenlos ist unser Europa eigentlich noch und bedeutet Europa wirklich diese große Freiheit, wie wir es uns vorgestellt haben?

Wir persönlich erlebten Europa als grenzenlos auf unserer Reise, wurden wir doch nie beim Überfahren einer Grenze kontrolliert. Und doch haben wir erleben müssen, wie Menschen auf der Suche nach Freiheit in Europa scheitern. Beim Grenzübergang von Italien nach Frankreich ist uns das erschreckend klar bewusst geworden. Wie die Flüchtlinge selbst in den engsten Verstecken im Zug von der Polizei gefunden wurden und aus dem Zug herausbeordert wurden, war schrecklich mit anzusehen. Keiner der Flüchtlinge wehrte sich auch nur eine Sekunde. Ihnen war sofort klar, dass ihre Reise hier zu Ende sein wird.

In uns machte sich ein Gefühl der Bestürztheit breit, denn wir wussten nicht, wie mit dieser Situation umgehen. Sehen wir es doch täglich in den Nachrichten, aber da ist es so weit weg. Doch wenn es vor den eigenen Augen abläuft, wird man sich einmal mehr klar, was für ein riesengroßes Glück es bedeutet, in Frieden leben zu dürfen. Einem wird klar, wie unterschiedlich die Suche nach Freiheit sein kann. Waren doch auch wir, und sind es eigentlich immer, auf der Suche nach Freiheit.

Aber es ist eine andere Form der Freiheit. Wir suchen nach einer Freiheit außerhalb unseres geregelten Alltags. Wir packen dafür freiwillig unseren Koffer. Diese Menschen hingegen sind auf der Suche nach einem Ort, an dem ihr Leben nicht ständig unter Bedrohung steht, das bedeutet für sie Freiheit. Europa steht für diese Menschen, mehr als für uns Europäer selbst, für diese Freiheit. Und deshalb müssen sie ihr Leben riskieren, um ihr Leben behalten zu können.

Für uns fuhr der Zug nach diesem kurzen, aber eindrucksvollen Moment einfach weiter, näher an den Ort, an dem wir unsere persönliche Freiheit gesucht und gefunden haben. Doch für viele Fahrgäste war dieser Stopp die Endstation.

Zu einem späteren Zeitpunkt unserer Reise war dann plötzlich auch unsere eigene Freiheit gefährdet. Es war der 17. August, an dem sich der Anschlag in Barcelona ereignete und wir uns genau zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der Stadt befanden. Am Vormittag liefen wir über die Rambla wie viele andere Touristen und Einheimische.

Nur zwei Stunden später fuhr der Attentäter genau an diesem Ort in die Menschenmenge und riss 13 Menschen in den Tod und verletzte Hunderte. In dem Moment, als wir es erfuhren, hielten wir den Atem für einen kurzen Augenblick an, wie wahrscheinlich die gesamte Welt es tat. Zum zweiten Mal auf unserer Reise erlebten wir nun, wie begrenzt die Freiheit heutzutage in Europa sein kann.

Die Opfer dachten in ihren letzten Minuten sicher nicht darüber nach, dass es Freiheit bedeuten kann, ohne Angst über die Straße zu laufen. Im nächsten Moment hat man ihnen ihr Leben genommen aus für uns unverständlichen Gründen.

Wir entschieden uns dann, ganz bewusst abends noch einmal rauszugehen. Wie groß war unser Glück und wie schrecklich für die, die einen geliebten Menschen verloren haben. Ist das das neue Europa? Müssen wir nun ständig Angst haben, dass in der nächsten Sekunde etwas passieren könnte? Müssen wir nun Plätze mit vielen Menschen, Fußballstadien oder Konzerte meiden? Ich denke, das ist der falsche Weg.

Wir dürfen uns nicht verstecken und wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Man kann nicht verleugnen, dass es immer häufiger zu solch Schrecklichem kommt, wir dürfen es auch nicht kleinreden. Aber wir müssen mehr denn je als Gemeinschaft zusammenstehen und der Welt demonstrieren, dass man Europa niemals die Freiheit nehmen kann.


Interrail? Gibt es noch


Früher sind ganze Generationen von jungen Menschen mit dem Zug für wenig Geld unterwegs gewesen in ganz Europa. Das Interrail-Ticket ist auch ein famoses Mittel, jungen Europäern Nutz und Frommen der Staaten- und Wertegemeinschaft zu vermitteln – einfach mit dem Zug reisend Erfahrungen machen. In Brüssel wurde das erkannt, freilich rang sich die EU nicht dazu durch, wenigstens das Zwei-Wochen-Ticket kostenlos an jeden jungen EU-Bürger zu vergeben. Marielle Saunders, 19, und Nora Nolle, 18, haben sich das günstigste Ticket gekauft – 206 Euro. Sind, ohne groß vorzubuchen, in Schorndorf in den Zug nach Italien gestiegen. Es ging weiter nach Frankreich und Spanien. Nach Barcelona, wo sie zwei Stunden vor dem Attentat noch an derselben Stelle die Rambla entlangliefen. Aber auch beim Grenzübertritt von Italien nach Frankreich überfällt sie die politische Wirklichkeit. Züge werden von Polizisten durchkämmt nach Flüchtlingen.