Schorndorf

Reallabor: Von Woche zu Woche besser

Reallabor: Von Woche zu Woche besser_0
Nicht nur für die Nutzer im Testgebiet Südstadt, sondern auch für die Busfahrer bedeutet das Reallabor-Projekt eine Umstellung. © Schneider / ZVW

Schorndorf. Dass es erst mal „knirschen“ würde bei der praktischen Umsetzung des Reallabor-Projekts „Bus auf Bestellung“ in der Südstadt, das hatte Oberbürgermeister Matthias Klopfer geahnt. Und in der Tat: Der Start war holprig und für manche potenziellen Nutzer ein regelrechtes Ärgernis. Nach sechs Wochenenden Testbetrieb lässt sich aus Sicht der Verantwortlichen aber auch sagen: Die Anfangsschwierigkeiten sind größtenteils überwunden, „es wird von Woche zu Woche besser“.

Der Testbetrieb, der sehr gut geklappt hat, ist das eine, der reale Betrieb etwas ganz anderes: Diese Erfahrung haben beim Start nicht nur manche Nutzer gemacht, deren Fahrtwünsche nicht berücksichtigt wurden oder die vergeblich auf den bestellten Bus gewartet haben, sondern auch die Verantwortlichen im Projektteam und im Schorndorfer Rathaus, die sich das auch etwas reibungsloser und – was die Rückmeldungen betrifft – positiver vorgestellt hatten.

„60 Prozent der Aufträge konnten realisiert werden“

Der Fehler freilich, so der Leiter des städtischen Fachbereichs „Stadtplanung und Baurecht“, Manfred Beier, und die bei der Stadt für das Projekt zuständige Diana Gallego Carrera, lag nicht nur im System, das bezüglich seiner Leistungsfähigkeit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, sondern auch daran, dass ganz viele die Bestell-App ausprobieren wollten und damit, obwohl sie den Bus im konkreten Fall gar nicht nutzen wollten, einen Bestellvorgang ausgelöst haben, ohne ihn anschließend auch wieder zu stornieren.

„60 Prozent der Aufträge konnten realisiert werden“, sagt Diana Gallego Carrera, die Schwachpunkte sowohl bei der für manche Nutzer auf Anhieb sehr verwirrenden App, auf der das ganze VVS-Gebiet abgebildet wird, als auch bei dem für die Routenbündelung verantwortlichen Algorhythmus ausgemacht hat.

„Die App war am Anfang nicht so stabil und leistungsfähig, wie wir gedacht haben, und der Algorhythmus musste so angepasst werden, dass mehr Buchungen aufgenommen und durch eine intelligente Routenbündelung mehr Fahrgäste transportiert werden können“, sagt Daniela Gallego Carrera. Wobei die einzelnen Routen immer danach ausgerichtet sein müssen, dass der Bus wegen der Anbindung an die S-Bahn nicht länger als 25 Minuten unterwegs ist. Weshalb es durchaus auch vorkommen kann, dass das System einem Besteller sagt, dass er bei der nächsten Runde nicht mehr mitfahren kann, sondern sich bis zur darauf folgenden gedulden muss.

Der Bus kann nur noch drei Tage vorher gebucht werden

„Das Ganze ist und bleibt ein Labor: Man stellt fest, was funktioniert, und wenn etwas nicht funktioniert, wird korrigiert und nachgebessert“, sagt Manfred Beier. Und an diesen Verbesserungen werde nach jedem Wochenende – das Projekt Bus auf Bestellung in der Südstadt läuft jeweils von Freitagnachmittag, 15 Uhr, bis Sonntagabend – unter Berücksichtigung der jeweiligen Rückmeldungen gearbeitet.

Damit das klappt, sind zwei organisatorische Korrekturen vorgenommen worden. Zum einen ist der Einsatz der Lotsen, die nur am ersten Wochenende im Einsatz sein sollten und die jeweils die Fragen und Nöte der Fahrgäste ans Projektteam zurückspiegeln, auf unbestimmte Zeit verlängert worden, und zum andern ist die Frist, innerhalb der man einen Bus im Voraus ordern kann, von zunächst fünf auf jetzt nur noch drei Tage verkürzt worden.

So bleibt dem Projektteam jeweils am Montag und Dienstag Zeit, die Kritikpunkte aufzuarbeiten und die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Mit wachsendem Erfolg, wie Daniela Gallego Carrera feststellt: Zuletzt konnten schon rund 90 Prozent aller Buchungsanfragen aufgenommen und praktisch umgesetzt werden. Übrigens: Nachdem am Anfang Fahrten vorzugsweise telefonisch gebucht wurden, hat der Anteil von App-Nutzern mittlerweile so stark zugenommen, dass die Hälfte der Fahrten über die App gebucht werden. So gut wie keine Rolle spielen Buchungen übers Internet.

Ein Laborversuch, der ständig optimiert werden kann

Rückmeldungen kommen regelmäßig auch von den zehn Testnutzern, die regelmäßig mit dem Bus auf Bestellung fahren und außer ihren eigenen Erfahrungen natürlich auch einiges von dem mitbekommen, was anderen so widerfährt – im Negativen wie im Positiven. Wobei Manfred Beier davon überzeugt ist, dass es auch beim Reallabor so ist, dass sich vor allem die zu Wort melden, die Negatives zu berichten haben – oder die dem Experiment von Anfang an ablehnend gegenüberstanden.

„Ein Mittelding gibt es nicht: Es gibt die Befürworter und es gibt die Kritiker, die schon ein Problem mit der Grundidee des Projekts haben“, sortiert Beier die Rückmeldungen und Reaktionen der vergangenen Wochen ein. Und gibt noch einmal zu bedenken, dass es um einen Laborversuch geht, was unter anderem den Vorteil hat, dass ständig optimiert werden kann.

So werde jetzt zum Beispiel an den Problemen gearbeitet, dass es auf der Reallabor-App bislang keine Bezahlfunktion gebe, weshalb Nutzer, die nicht erst beim Einsteigen bezahlen wollten, auf die VVS-App wechseln müssten, und dass es noch keine Möglichkeit etwa für am Freitagnachmittag ankommende Pendler gebe, eine Dauerbuchung für eine bestimmte Uhrzeit vorzunehmen.

Beier hält nichts davon, den Freitagnachmittag auszuklammern

Eine Alternative könnte sein, den vergleichsweise stark frequentierten Freitagnachmittag aus dem Laborversuch herauszunehmen und mit dem Bus auf Bestellung jeweils erst ein paar Stunden später zu starten. Manfred Beier hält von solchen Überlegungen nichts: „Was wäre das denn für ein Versuch, wenn wir alle Schwierigkeiten von vornherein ausblenden?“, fragt er und verweist darauf, dass auch der Samstagvormittag, wenn viele Menschen auf den Markt und anschließend wieder heim wollen, ein stark frequentierter Zeitraum ist.

Wie’s überhaupt so aussieht, als würden in den beiden Bestellbussen mehr Fahrgäste mitfahren, als das zuvor bei den regulären Linien 242 und 247 der Fall war – mal ganz davon abgesehen, dass die großen Busse am Sonntag teilweise nur alle zwei Stunden gefahren sind. Daraus aber schon Schlussfolgerungen auf ein verändertes Nutzerverhalten – weg vom Auto, hin zum ÖPNV – zu ziehen, wäre verfrüht, sind sich Daniela Gallego Carrera und Manfred Beier einig.

Weil’s durchaus sein könnte, dass manche das neue System einfach mal eine Zeit lang ausprobieren wollten, und weil auch nach Einschätzung des wissenschaftlichen Beirats, der das Projekt begleitet, selbst neun Monate eine zu kurze Zeit seien, um das Nutzerverhalten grundlegend zu ändern.


Lob für die Fahrer

  • Ein ausdrückliches Lob verdienen aus Sicht von Manfred Beier und Daniela Gallego auch die Fahrer der beiden Bestellbusse, die nicht mehr nur wie früher bei einer immer gleichen Route die Türen auf- und zumachen und kassieren müssen, sondern die sich auf die flexibel zusammengestellten Routen einlassen und diese und die vielen virtuellen Haltepunkte, die es zusätzlich zu den regulären Haltestellen gibt, dann auch finden müssen. Was bedeutet: Sie müssen auch Nebenstrecken und Verbindungen, auf denen vorher kein Bus gefahren ist, gut kennen.
  • „Die Stimmung bei den Busfahrern ist gut“, glaubt Manfred Beier zu wissen. Und damit das so bleibt, sollten die noch vorhandenen Probleme möglichst schnell beseitigt werden. „Denn natürlich“, so Beier, „kriegen zunächst einmal die Fahrer es ab, wenn’s nicht klappt“.