Schorndorf

"Remsus lauscht": Sommernachtslesung mit 100 Zuhörern im Schorndorfer Röhm-Areal

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Einen stimmungsvolleren Ort kann es für eine Sommernachtslesung kaum geben: „Remsus lauscht“ im Röhm-Areal. © Büttner

Zwischen Rems und alten Backsteingebäuden, auf dem Platz an der Ohrengrube, dessen Pflaster mit den Jahren ganz faltig geworden ist, und an einem der vielleicht letzten schönen Sommerabende: In diesem einzigartigen Ambiente konnte nach zwei Jahren Corona-Pause endlich wieder eine Sommernachtslesung der Schorndorfer Nachrichten stattfinden. Mit „Remsus lauscht“ ist die Veranstaltung überschrieben, die Dr. Jürgen und Andrea Groß vom Röhm-Areal schon zum siebten Mal ermöglicht haben.

Doch es lauschte nicht nur der steinerne Flussgott, der vor 15 Jahren aus dem Sindelfinger Herrenwäldle ans Remsufer kam, gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgten gespannt, welche Bücher die vier Vorleserinnen und Vorleser für diesen Abend mitgebracht haben.

Und obwohl die Auswahl dem Zufall überlassen bleibt, es keine Absprachen gibt: Letztendlich gab es mit der Mathematik doch ein verbindendes Element oder besser: einen gemeinsamen Nenner. Und welcher Zauber Zahlen, Gleichungen, Wurzeln und Brüchen innewohnen kann, das hat gleich zu Beginn Gabriele Schmidt-Klering mit ihrer Buchauswahl bewiesen: Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“. Was auch immer hinter dieser Gleichung stecken mag, können Mathematiklehrer bestimmt erklären. Und ihnen ist der Roman auch wärmstens ans Herz gelegt: Wie poetisch und hintergründig die japanische Autorin über die Kraft der Zahlen schreibt, welches verbindende Element Rechnungen innewohnt, begeistert auch diejenigen, die mit Mathe wenig bis nichts am Hut haben.

„Mit Wonne“, bekennt Gabriele Schmidt-Klering, hat sie das 2012 erschienene Buch gelesen. Zweimal hat sie, die bis zu ihrem Ruhestand Leiterin der Kita Stadthaus war und seit Jahren Trauergruppen für Kinder und Jugendliche leitet, es schon an Freunde verschenkt. So begeistert hat sie die Geschichte über einen Mathematikprofessor, dessen Gedächtnis nach einem Unfall nicht länger als 80 Minuten währt und der Zahlenspiele als Geste nutzt, um anderen Menschen die Hand zu reichen – und zugleich als schützenden Mantel.

„Das großartigste Buch der Welt“ und ein echter Familienroman

Und wie es der Zufall will, entführt Kinderarzt Dr. Ralf Brügel, als zweiter Leser des Abends, mit seiner Buchauswahl ausgerechnet in eine Rechenstunde in einer Volksschule in Berlin-Wilmersdorf in den 1930er Jahren: Hier sitzt Heini Kamke mit seinen Freunden aus der Fußballmannschaft und interessiert sich weniger für den Mathematikunterricht von Lehrer Peters als vielmehr für das Tor- und Punkteverhältnis der Berliner Fußballvereine – und für den Sieg bei den Schulmeisterschaften.

Für Brügel ist der Jugendroman, den Sammy Drechsel – bis zu seinem Tod in den 1980er Jahren Sportreporter beim Bayerischen Rundfunk und mit Dieter Hildebrandt Mitbegründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft – in den 1950er Jahren unter dem Titel „Elf Freunde müsst ihr sein“ veröffentlicht hat, „das großartigste Buch der Welt“. Sein Vater hatte das Fußballbuch in der Jugend schon im Regal stehen, 20-mal hat es Brügel bestimmt schon gelesen und selbst eine seiner Töchter hat es in der Grundschule für eine Buchvorstellung ausgewählt.

Am alten Holztisch, im Schein einer Schreibtischlampe, die schon im Kontor des Lederfabrikanten für Licht sorgte, nimmt als Dritte in der Runde Stefanie Grünes Platz: Die Geschäftsführerin des Schorndorfer Kulturforums, die ansonsten gerne amerikanische Literatur liest, hat Ahmet Altans Erinnerungen aus dem Gefängnis mitgebracht. Der türkische Journalist und Mitbegründer einer nach dem Putschversuch verbotenen Zeitung, wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt. Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Türkei für dieses Urteil gerügt hat, kam er nach vier Jahren frei: Doch als er an seinem Buch „Ich werde die Welt nie wiedersehen“ schrieb, war damit nicht zu rechnen. In Büchern fand er eine Kraft, aus dem Gefängnis auszubrechen, „auf den Flügeln seiner Vorstellungskraft, die Welt zu bereisen“. Und so sind Altans Erinnerungen für Stefanie Grünes nicht nur Beleg dafür, wie wichtig eine freie Presse für die Demokratie ist, sondern auch ein Zeugnis, welche Macht in Worten und im Schreiben steckt, welche Kraft in der Literatur.

Ein Wortgewaltiger, der einst sogar Mathematik studiert hat

Und am Ende der Sommernachtslesung, als der Mond langsam hinterm Röhm-Areal aufgeht, hat Dr. Peter Hocke-Bergler, Mitglied der Sektion Literatur im Kulturforum, die Zuhörer mitgenommen zu einem Wortgewaltigen, der einst nicht nur Philosophie, sondern – man staune – auch Mathematik studiert hat. Die Rede ist von Wolf Biermann und seinem 2021 erschienen Buch „Mensch Gott!“. Aus dieser Sammlung von Lied- und Erinnerungstexten aus fünf Jahrzehnten hat Peter Hocke-Bergler mehrere Passagen vorgelesen und damit eine ganz neue Seite des Liedermachers offenbart. Biermann, der als Jugendlicher von seiner kommunistischen Mutter auf ein Internat in die DDR geschickt wurde, lange fest an den Sozialismus glaubte und in den 1970ern doch als zu kritischer Geist ausgewiesen wurde, setzt sich hier mit seiner Gläubigkeit auseinander und mit seinem Jüdischsein.

Zwischen Rems und alten Backsteingebäuden, auf dem Platz an der Ohrengrube, dessen Pflaster mit den Jahren ganz faltig geworden ist, und an einem der vielleicht letzten schönen Sommerabende: In diesem einzigartigen Ambiente konnte nach zwei Jahren Corona-Pause endlich wieder eine Sommernachtslesung der Schorndorfer Nachrichten stattfinden. Mit „Remsus lauscht“ ist die Veranstaltung überschrieben, die Dr. Jürgen und Andrea Groß vom Röhm-Areal schon zum siebten Mal ermöglicht

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