Schorndorf

Rentner fährt Polizist auf Zebrastreifen an

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Er hatte eigentlich schon vor dem Zebrastreifen angehalten und fuhr dann doch weiter: Ein 84-Jähriger erfasste auf der Stuttgarter Straße in Remshalden einen Polizisten mit seinem Auto. Der kugelte sich bei dem Vorfall die linke Schulter aus, erlitt Prellungen und einen Bänderriss. Der Rentner behauptet, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Nun wurde er vor dem Amtsgericht Schorndorf verurteilt.

Er war auf dem Weg zum Bäcker, um Brötchen fürs Frühstück zu holen, als sich der Unfall ereignete. Der Rentner fuhr in normalem Tempo auf den Zebrastreifen zu, sah den Mann am Straßenrand sogar und hielt an, um ihn die Straße überqueren zu lassen. Dann wird es kompliziert: Der 84-Jährige und der Fußgänger fahren beziehungsweise gehen wohl zur fast gleichen Zeit wieder los, der Kraftfahrer erfasst den Polizisten, der sich auf dem Weg zur Arbeit befand, mit seinem Auto. Ein weiterer Fußgänger hörte den Knall des Aufpralls und sah den Polizisten zu Boden gehen. Für den Zeugen sah es sogar so aus, als wäre das Auto noch über den Arm des Opfers gerollt, das war wohl aber nicht der Fall. Erhebliche Verletzungen erlitt der 24-jährige Geschädigte trotzdem.

Polizist war vier Monate dienstunfähig

Eine ausgekugelte Schulter, einen Bänderriss, Prellungen – die Blessuren führten zu vier Monaten Dienstausfall für den Polizisten. Die Schulter musste ihm im Krankenhaus wieder eingekugelt werden. Weil aber die Narkose gerade belegt war, wurde der Eingriff nur mit Schmerzmitteln durchgeführt, was für den Mann besonders schmerzlich war. Operiert werden musste er später auch noch, beim Bewegen des Armes hat er bis jetzt eine kleine Einschränkung. Gegen den Verursacher des Unfalls hegt er aber keinen Groll. „Ich denke, ihn hat das auch sehr mitgenommen“, meinte er.

Angeklagter: Alles nur ein Missverständns

Laut dem Angeklagten handelte es sich bei dem Vorfall lediglich um ein Missverständnis. Er habe eine Handbewegung des Polizisten falsch interpretiert. Weil er dachte, dieser habe ihn weitergewinkt, fuhr er wieder los. „Ich bin Rentner, ob die Brötchen zwei Minuten früher oder später ankommen, spielt keine Rolle“, entgegnete er auf den Vorwurf, zu schnell gefahren zu sein. Das bestätigen die Aussagen des Geschädigten und des Zeugen: Der Mann hatte definitiv angehalten, sei auch nicht zu schnell unterwegs gewesen.

Geschädigter kann sich an keine Handbewegung erinnern

Der Geschädigte kann sich allerdings nicht erinnern, gegenüber dem Fahrer überhaupt eine Handbewegung gemacht zu haben. Er könne sich höchstens vorstellen, dass er sich per Handzeichen beim Fahrer für das Anhalten bedankt habe. Das einzige Indiz gegen ein Missverständnis: Im Polizeibericht zu dem Vorfall heißt es, dass der Angeklagte von sich aus auf den diensthabenden Polizisten, der später am Tatort eintraf, zukam und ihm erzählte, er habe gedacht, er könne noch kurz vor dem Fußgänger vorbeifahren. Daran konnte der Angeklagte sich aber jetzt nicht mehr erinnern.

Staatsanwalt: "Man muss auch das vorgerückte Alter sehen"

Ganz rekonstruiert werden kann der Vorfall wohl nicht mehr. Das Opfer macht dem Angeklagten aber laut eigener Aussage keine Vorwürfe: „Wir haben öfters telefoniert. Es gab ein gemeinsames Treffen, bei dem er sich entschuldigt hat.“

Der Staatsanwalt sah die Sache dagegen nicht ganz so locker. „Man muss auch das vorgerückte Alter sehen“, sagte er. „Da könnte man darüber nachdenken, ob man die kurzen Wege im Ort nicht lieber zu Fuß bewältigt.“ Er bezweifelte, dass die Koordination des 84-Jährigen noch das ist, was sie sein sollte, und äußerte die Befürchtung, dass solche Missverständnisse im Alter noch öfters vorkommen könnten. Der Rentner habe die Situation grob falsch eingeschätzt. Statt den wie in der Anklage ursprünglich geforderten 40 Tagessätzen à 40 Euro und sechs Monaten Führerscheinentzug, plädierte der Staatsanwalt am Ende der Verhandlung auf 70 Tagessätze sowie insgesamt elf Monate Führerscheinentzug.

Vorwurf: Altersdiskriminierung

„Mein Mandant macht auf mich keinen sonderlich gebrechlichen Eindruck“, widersprach der Verteidiger. Er warf dem Staatsanwalt Altersdiskriminierung vor. Der Rentner könne auf eine lange Fahrpraxis ohne Zwischenfälle zurückblicken und habe beim besten Willen nicht grob verkehrswidrig gehandelt. Der Verkehrsunfall habe lediglich auf einem Missverständnis beruht.

Führerschein nach Verhandlung wieder zurück bekommen

Die Richterin bestätigte den Verteidiger in ihrem Urteil: Mit 40 Tagessätzen zu 35 Euro muss der Mann eine Geldstrafe von insgesamt 1400 Euro entrichten. Zusätzlich wird ihm der Führerschein für vier Monate entzogen. Da der Mann den Führerschein allerdings schon vor fünf Monaten abgegeben hatte, bekam er seinen Lappen am Ende der Verhandlung gleich wieder ausgehändigt.