Schorndorf

Reuiger Dieb nach kuriosem Diebstahl: Rentner sammelt 9000 Euro ein und landet vor Gericht

Geldautomat
Der Bankomat spuckte überraschend viel Geld aus. Symbolfoto. © Gaby Schneider

Er ist ein unbescholtener Ehemann und Familienvater, doch an diesem Tag muss er eine Art Blackout gehabt haben. Anders kann der Rentner die Tat nicht einmal selbst erklären, die ihn vors Amtsgericht geführt hat. An diesem Tag im Sommer hatte der 65-Jährige vor der wohl größten Versuchung seines Lebens gestanden und ihr nicht widerstehen können. Nachgetragen hat ihm das am Ende noch nicht einmal der Geschädigte. Der war vor allem froh, dass er sein Geld wiederhatte.

Was war an diesem Morgen im Juli 2020 passiert? Himal K. (Namen von der Redaktion geändert) hatte am Schalter einer Schorndorfer Bank-Filiale Geld wechseln wollen. Während er dazu auf eine Mitarbeiterin wartete, entschloss er sich, am Bankomaten Geld abzuheben. Was dann geschah, muss sich nach den Erkenntnissen des Gerichts etwa so zugetragen haben: Der Rentner steckte seine Bankkarte in den Automatenschlitz – und der Bankomat spuckte ein dickes Bündel mit Hundert-Euro-Scheinen aus. Himal K. nahm das Geld und probierte es ein zweites Mal: Er steckte seine Karte in den Schlitz und wieder kamen mehrere Hundert-Euro-Scheine heraus – insgesamt 9000 Euro. Himal K. fackelte nicht lange und nahm die Scheine. Dann ging er in den Schalterraum zurück, wechselte wie vorgehabt sein Geld und verließ die Bank. So weit die Schilderung des Geschehens, die vor dem Amtsgericht unstrittig war. Zu Hause steckte er das Geld in einen Umschlag und legte es weg. Gezählt habe er es nicht, sagt er auf Nachfrage von Richterin Petra Freier. Und auf ihre Frage: „Was wollten Sie mit dem Geld machen?“, antwortet er: „Das weiß ich selber nicht.“

Es war schnell klar, wer das Geld mitnahm

Dass Himal K. überhaupt in diese Situation geraten war, ist einem Irrtum geschuldet. Kurz bevor der 65-Jährige an diesem Tag am Bankomaten stand, hatte ein Mann 15 000 Euro abheben wollen. Die Summe kam in drei Tranchen aus dem Bankomaten – doch der Bankkunde steckte nur das erste Geldbündel ein, im Glauben, dass das die ganze Summe sei. Der Schreck muss groß gewesen sein, als er seinen Irrtum bemerkte. Aufgrund der Videoüberwachung und der Bankdaten war aber schnell klar, wer das Geld genommen haben musste.

Fest steht: Schnell hat auch Himal K. ein schlechtes Gewissen bekommen. „Meiner Frau habe ich es nicht erzählt“, sagt er im Amtsgericht. Aber noch am selben Abend sei er zu einem Anwalt gegangen, um sich Rat zu holen. Angetroffen hatte er ihn nicht. Als die Polizei kam, war Himal K. nicht zu Hause – seine Frau rief ihn deshalb an und informierte ihn darüber, dass die Polizei da gewesen sei. „Ich bin dann direkt zur Polizei gegangen und sagte, ja, ich habe das Geld.“ Danach fuhr Himal K. nach Hause und holte den Umschlag mit den Scheinen. Der Betrag war vollständig. Im Polizeibericht liest sich das so: „Der Beschuldigte kam und überbrachte das Geld selbst.“

Angeklagter brachte das Geld selbst zurück

Entschuldigt hatte sich Himal K. bei dem Geschädigten nicht. Das hat er dafür im Gerichtssaal nachgeholt. „Es tut mir leid, was ich gemacht habe“, sagt er. Und dass es ein Reiz war, dem er nicht habe widerstehen können. Für den Geschädigten ist es damit in Ordnung: „Ich habe mein Geld wieder, ich bin glücklich.“

Dass Himal K. sich zwar des Diebstahls schuldig gemacht hat, aber keinesfalls ein schlechter Mensch ist, darüber sind sich alle einig im Gerichtssaal. „Er ist nicht vorbestraft“, sagt der Staatsanwalt. „Er war von der Situation überfordert und jetzt war er geständig.“ Himal K. habe das Geld selbst zurückgebracht und sich entschuldigt. Eine Geldstrafe von 600 Euro hält der Staatsanwalt deshalb für angemessen. Bei so viel Verständnis tut sich sogar der Verteidiger etwas schwer, noch mehr Mitgefühl zu zeigen. Der Angeklagte habe im Blackout reagiert, das Geld einfach eingesteckt - „eine sinnlose Aktion“, so der Verteidiger. Himal K. sei ein grundehrlicher Mann. Ihn und seine Frau, die einen Pizzaservice betreibt, kenne er persönlich: „Sie sind grundsolide und halten sich an jede Absprache.“ Die Familie habe es nicht leicht, es seien aber fleißige Leute.

Schlechtes Gewissen spricht für den Täter

Beim Strafmaß appelliert er an Richterin Petra Freier, „salomonisch zu urteilen und eine milde Strafe“ zu finden. „Noch milder!“ entfährt es da der Richterin, die schon den Antrag des Staatsanwalts „sehr, sehr milde“ fand. Eine geringe Geldstrafe von 600 Euro findet auch sie angemessen. Schließlich habe es sich bei den 9000 Euro um einen hohen Betrag gehandelt, den er am Schalter sofort hätte zurückgeben können. „Dass Sie ein schlechtes Gewissen bekommen haben, spricht für Sie“, sagt die Richterin. Der erleichterte Hilal K. darf die Geldstrafe in Raten abstottern. Noch im Gerichtssaal verzichten er und sein Anwalt darauf, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

Er ist ein unbescholtener Ehemann und Familienvater, doch an diesem Tag muss er eine Art Blackout gehabt haben. Anders kann der Rentner die Tat nicht einmal selbst erklären, die ihn vors Amtsgericht geführt hat. An diesem Tag im Sommer hatte der 65-Jährige vor der wohl größten Versuchung seines Lebens gestanden und ihr nicht widerstehen können. Nachgetragen hat ihm das am Ende noch nicht einmal der Geschädigte. Der war vor allem froh, dass er sein Geld wiederhatte.

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