Schorndorf

Ringlösung nur für Lkw und Busse?

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Siegfried Lasch, Sprecher der Bürgerinitiative, gibt seinen Widerstand gegen den Verkehrsversuch so schnell nicht auf. © ZVW/Alexandra Palmizi

Schorndorf-Weiler. Täglich drückt sich der Verkehr durch die enge Ortsdurchfahrt in Weiler, dabei könnte er in einem Einbahnstraßenring auch über die Stettiner Straße in Richtung Winterbach und über die Winterbacher Straße in Richtung Schorndorf fließen. Dagegen hat sich im Ort bereits im Jahr 2015 eine Bürgerinitiative gegründet. Beim Petitionsausschuss des Landtags hatte sie keinen Erfolg und auch den Vorschlag, nur Lkw und Busse kreisen zu lassen, lehnt Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich ab: Im September soll der Verkehrsversuch jetzt, wie geplant, starten.

Die Idee, nicht den gesamten Verkehr, sondern nur Lastwagen und Omnibusse auf dem Einbahnstraßenring durch Weiler zu schicken, kam Siegfried Lasch „in einer Eingebung nachts“. Da bisher als Grund für das vorgesehene Einbahnstraßensystem immer die Verkehrssicherheit an der engen Stelle in der Winterbacher Straße angeführt wurde, wäre die Gefahr aus seiner Sicht doch schon gebannt, wenn sich dort keine großen Fahrzeuge mehr entgegenkämen. Für die Begegnung mit einem Pkw würde die Straßenbreite ausreichen, die nach Messung der Bürgerinitiative in der Winterbacher Straße überall fünf Meter beträgt und nicht 4,5 Meter, wie von der Stadtverwaltung – und in der Ablehnung der Petition – angeführt. Fußgänger wären, bei höchstens 2,55 Meter Lkw-Breite und einer Durchschnittsbreite von 1,80 Meter bei Pkw, im Ausweichverkehr auf den Bürgersteigen also nicht mehr gefährdet. Dass im Gegenzug Busse und Lastwagen bis 7,5 Tonnen dann in der Stettiner Straße, wo sich die Laschs 2003 eine Erdgeschosswohnung gekauft haben, an der Terrasse vorbeidonnern, das würden die Anwohner in Kauf nehmen. Und sie würden auch auf die Tempo-30-Zone verzichten: Mit der Ringlösung könnte die Stettiner Straße Vorfahrtsstraße mit Tempo 30 werden.

Mit dieser Lösung könnte die Bürgerinitiative, die Siegfried Lasch im Jahr 2015 mit 60 anderen Betroffenen aus der Stettiner Straße gegründet hat, leben. Besser als mit der Aussicht, in einer Fahrzeugflut unterzugehen. Mit 400 Prozent mehr Verkehr in der Stettiner Straße und einer Entlastung von gerade mal 24 Prozent in der Winterbacher Straße rechnen sie. Und Lasch wird nicht müde, gegen die Einbahnstraßenregelung an sich zu argumentieren: Immerhin sprechen zwei Gutachten aus den Jahren 2014 und 2016 sowie der Verkehrsentwicklungsplan gegen die Ringlösung. Für die Bürgerinitiative, die einen Faktencheck zur Einbahnstraßen-Regelung und eine Risikoanalyse gemacht hat, würden Ortsvorsteher Klaus Beck, der Ortschaftsrat und auch die Stadt bei einer Umsetzung also „wider besseres Wissen“ handeln.

Für die 180 gefährlichen Meter im engen Ortskern, wo jeden Tag Busse, Lastwagen und Autos im Begegnungsverkehr auf die Gehwege ausweichen, die Verkehrssituation im ganzen Ort umzukrempeln, die Infrastruktur zu gefährden (Metzger- und Bäckerkunden müssten immer kreiseln) und aus einer Ortsdurchfahrt zwei zu machen, das wollen sie partout nicht akzeptieren. „In 33 Jahren gab es dort keinen folgenschweren Unfall“, sagt Siegfried Lasch, einen Unfallschwerpunkt gebe es also nicht. In der Stettiner Straße, wo die Südterrassen bis zum Gehweg gebaut sind, hingegen würde es aber zu einer deutlichen Verschlechterung der Wohn- und Lebensqualität kommen. Denn die Zahlen, von denen einst ausgegangen wurde, hat Weiler längst getoppt: Von 2000 Fahrzeugen hat sich der tatsächliche Durchgangsverkehr trotz B-29-Umfahrung auf 5500 am Tag gesteigert.

Anwohner wollen gegen Verkehrsversuch klagen

Doch die Stadt scheint entschlossen, den seit langem geplanten und durch die Petition verzögerten Verkehrsversuch in Weiler jetzt tatsächlich durchzuziehen. Den Vorschlag, von der Bürgerinitiative vor den Pfingstferien ins Rathaus geschickt, „werden wir so nicht umsetzen können“, sagt Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich auf Anfrage. Er sieht im Einbahnstraßenring, der für den Lkw- und den Pkw-Verkehr gelten soll, den einzigen Weg, eine Lösung für die schwierige Verkehrslage und das hohe Verkehrsaufkommen in Weiler zu finden. „Wir wollen die Verkehrssituation verbessern“, und das geht für Hemmerich nur, wenn alle Fahrzeuge der Einbahnstraßenregelung folgen. Bis zum Start des auf ein Jahr anberaumten und vom Regierungspräsidium mitgetragenen Modellversuchs werden noch einige Ortstermine mit der Polizei, den zuständigen Fachbereichen und den Zentralen Diensten stattfinden, schließlich müssen die Radwegeführung, die Parkplätze und Fußgängerüberwege geplant werden. Außerdem soll im Ortschaftsrat über die Pläne informiert werden.

Für Siegfried Lasch und die Bürgerinitiative ein Unding. „Es gibt Anwohner“, sagt Lasch, „die sagen, sobald die ersten Schilder aufgestellt werden, wollen sie klagen.“ Widerspruch wird die Bürgerinitiative aber bestimmt einlegen. Im Frühjahr 2018 haben sie sich – „aus der Not heraus“ – einen Anwalt genommen. Sie können das Argument, dass nur mit einem für alle Verkehrsteilnehmer geltenden Einbahnstraßenring die Verkehrssicherheit verbessert werden könne, nicht akzeptieren. Vielmehr rechnen sie mit noch mehr Durchgangsverkehr, dessen Anteil bereits jetzt bei 64 Prozent liegt. Sie befürchten mehr innerörtlichen Verkehr und mehr Emissionen, Einbahnstraßen-Raserei und sehen die Hälfte der Parkplätze in Gefahr.

Bürgerinitative will Widerstand aufrecht erhalten

Obwohl auch der Petitionsausschuss des Landtags ihre Eingabe im Frühjahr 2019 abgelehnt hat, sieht die Bürgerinitiative keinen Grund, ihren Widerstand aufzugeben. Und nicht nur, weil sie in der Schilderung des Sachverhalts zu viel städtische Formulierung wiedergefunden hat, sondern weil der Sachverhalt aus ihrer Sicht in einigen Punkten auch nicht richtig dargestellt ist. Vor allem aber sieht Siegfried Lasch nicht, welches Ziel der Verkehrsversuch haben soll, und befürchtet, dass nach den zwölf Versuchs-Monaten ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist.

Eine echte Entlastung, das hat die Bürgerinitiative schon des Öftern konstatiert, würde nur eine Umgehungsstraße entlang der Bahnlinie bringen: laut Verkehrsentwicklungsplan von 5500 Fahrzeugen auf 2200 täglich. Oder Tempo 30 in der gesamten Ortsdurchfahrt, was das Regierungspräsidium aber wegen mangelnder Lärmbelastung bereits abgelehnt hat. Stattdessen trägt die Stuttgarter Behörde jetzt den Modellversuch mit. Angeordnet, diese Unterscheidung ist Siegfried Lasch wichtig, hat sie die Ringlösung aber nicht: „Das kann nur die Straßenverkehrsbehörde.“