Schorndorf

Schöner scheitern mit Tocotronic

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„Songs für Leute, die das Gefühl haben, nicht so recht dazuzugehören.“ Tocotronic in der Schorndorfer Manufaktur. © Schneider / ZVW
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Tocotronic in der Manufaktur.

Schorndorf. Dass es das nicht schon viel früher gab: Tocotronic spielen in der Schorndorfer Manufaktur. Zum ersten Mal, wohlgemerkt. Die vier Mannen aus Hamburg gratulieren recht herzlich zum 50. Geburtstag – mit einer grandiosen, schweißtreibenden Performance und einer Setlist, die kaum Wünsche offenlässt.

Es ist dunkel. Nebel wabert über die Bühne, durchstoßen von Scheinwerferlicht. An der Rückwand hinter dem Schlagzeug strahlen Sterne von einem Banner - das Artwork zur neuen Platte „Die Unendlichkeit“ wacht über den Saal und die Menschen. Dann ertönt Prokofjews „Rittertanz“, zu dem das Quartett die Bühne betritt und die Instrumente bemannt. Dirk von Lowtzow macht einen kleinen Knicks gen Publikum, wünscht der Manufaktur alles Gute und los geht die Reise. Mit dem titelgebenden Opener des neuen Albums starten die vier Musiker in den Abend. Jan Müllers Bass macht es sich vom ersten Ton an in den Eingeweiden bequem, die Gitarren schnarren und von Lowtzows sympathisch-exzentrische Performance am Mikrofon tut ihr Übriges.

Der zweite Song des Abends, „Electric Guitar“, zeigt, was Tocotronic wohl am besten können: Songs für Leute schreiben, die das Gefühl haben, nicht so recht dazuzugehören. Die Wonnen und Leiden der Pubertät zwischen „Teenage Riot“ und „Manic Depression“, zwischen Aufbruchstimmung und Verzweiflung. Die Kleinstadt als Gefängnis, als toter Ort, die elektrische Gitarre als Trostpflaster, als Gefährtin, als Zuhörerin.

Neben Stücken vom neuen Album werden selbstredend auch zahlreiche ältere Gassenhauer geboten. „Let there be Rock“, „Drüben auf dem Hügel“ oder „Hi Freaks“ sind nur einige der Konstanten auf der Setlist, die den Stücken des neuen Albums ganz wunderbar die Hand geben. Nie war Scheitern schöner als in „Kapitulation“. Nie war Rebellion gegen regressive Kleinstadt-Attitüden cooler als in „Hey du“. Tocotronic sind stets in Bewegung: nach vorne strebend und gleichzeitig back to the roots.

Die Band präsentiert sich generell wie aus einem Guss, ein Organismus mit vielen Gliedmaßen und einem einzigen Mund. Dirk von Lowtzow ist das Sprachrohr, der Mann für große Worte und Gesten. Knallende Parolen, schonungslose Selbstoffenbarung, poetische Wortgymnastik - von Lowtzow singt und leidet und schreit und keift und säuselt und man möchte, dass er niemals damit aufhört.

Live so gut wie auf Platte

Das Quartett Zank, von Lowtzow, Müller, McPhail funktioniert live letztendlich genauso gut wie auf Platte, auch wenn die Energie eine andere ist. Die Songs sind direkter, kompromissloser, ohne Synthie-Schnörkel und teils auch etwas flotter. Aus Lageenergie wird sozusagen kinetische.

Als zweite Zugabe gibt es schließlich den obligatorischen Rausschmeißer: „Freiburg“, die Anti-Fahrradfahrer-Hymne, die schlussendliche Zelebrierung des Prinzips „einer gegen alle“. Wenn man sich aber umblickt und merkt, dass man von verschwitzten, freudestrahlenden Menschen umgeben ist, die die zeitlosen Zeilen gemeinsam mit von Lowtzow im Chor singen, dann realisiert man, dass man ja gar nicht alleine ist. Im Gegenteil. Tocotronic verbindet.