Schorndorf

Schluss mit dem Gastro-Stress: Der ungewöhnliche Berufswechsel von Roman Grützner aus Schorndorf

Briefmarkenhändler
Briefmarken kauft und verkauft der ehemalige Küchenchef und Autodidakt Roman Grützner. © Benjamin Büttner

Das perfekt gebratene Steak, eine würzige Soße zum Braten, ein fluffiges Soufflé: Wer ein guter Koch sein will, sollte sein Handwerk beherrschen. Darüber hinaus braucht er aber auch Disziplin, Ordnungssinn und Organisationstalent. Genau dasselbe, sagt Roman Grützner, sollte auch ein Briefmarkenhändler mitbringen. Grützner muss es wissen: Nach vielen Jahren als Küchenchef – unter anderem in der Lindhälder Stube in Strümpfelbach, im Krönchen in Beutelsbach, in der Skybar, im Café Hallo und im Himmelreich in Schorndorf – hat er seine Kochmütze an den Nagel gehängt und sich im Juni 2021 selbstständig gemacht. Seitdem handelt er mit Briefmarken und Münzen, zunächst vom eigenen Wohnzimmer aus. Inzwischen betreibt er ein Büro über der Antiquitätenhalle von Kurt Krockenberger in der Rosenstraße.

Seine Ehe blieb auf der Strecke, er selbst erlitt einen Burn-Out

Was bringt einen Koch dazu, sein Geld mit Briefmarken zu verdienen? Auf den ersten Blick könnten zwei Jobs wohl kaum unterschiedlicher sein als der eines Kochs in einer immer hektischen und hitzigen Küche und der eines Briefmarkenhändlers mit Lupe und Wasserzeichensuchgerät im einsamen Büro. Noch heute sagt Roman Grützner: „Ich liebe es zu kochen. Es ist Erfüllung und Bestätigung.“ Schon mit zwölf Jahren habe er Brot gebacken und seine Familie bekocht und viele Jahre seine Arbeit gemocht. Was ihm aber nicht gefallen hat, waren die Sieben-Tage-Wochen, die schlechte Bezahlung, Stress und Druck. Irgendwann, sagt er, sei nicht nur seine Ehe auf der Strecke geblieben, sondern er selbst mit Burn-out im Krankenhaus in Winnenden gelandet. Anfangs habe er mühsam einen Arbeitsentzug hinter sich bringen müssen, erzählt er, nachdem er in der allgemein zugänglichen Stationsküche zunächst noch Lasagne gemacht habe: nicht nur für sich, sondern für das Personal und alle Patienten auf der Station.

Er blieb acht Wochen. Doch nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus suchte sich der Koch erst mal erneut eine Stelle in einem Restaurant, andere folgten - der Ausstieg aus der Gastronomie kam nicht sofort. Erst während des Lockdowns und der damit verbundenen Zwangspause habe er gemerkt, dass er nicht zurückwollte. „Ich musste was ändern“, sagt der 45-Jährige heute. Zu dieser Zeit hatte er sich schon länger mit Briefmarken beschäftigt und nebenbei auch damit gehandelt: als ruhiges Hobby neben dem stressigen Job. Vieles werde auf Facebook verkauft. „Sogar Auktionen gibt es dort.“ Als der Autodidakt mehr Zeit für sein Hobby hatte, seien die Einnahmen gestiegen. „Briefmarken waren von Corona nicht betroffen. Im Gegenteil. Die Leute hatten Zeit dafür.“

Inzwischen, sagt Grützner, habe er sich immer mehr Fachwissen angeeignet. Zu seinen Kunden gehören ausländische Sammler, die speziell deutsche Marken suchten. Mit Hilfe seines mittlerweile großen Netzwerks an Sammlern und Händlern macht er sich auf die Suche nach den begehrten Stücken. Grützner bewertet Sammlungen, kauft und verkauft Münzen und Marken direkt weiter oder bietet sie auf Kommissionsbasis an. Im Mai hat er seine Arbeit vom Wohnzimmer in ein kleines Büro über der Antiquitätenhalle von Kurt Krockenberger verlegt. „Ich hatte ihm dabei geholfen, die Lagerhalle zu finden, und helfe ihm auch jetzt ab und zu.“

Seine wertvollste Marke kostet 900 Euro

Einen Laden unterhält er nicht in der Rosenstraße. Das meiste Geschäft läuft noch immer online. Gleichwohl kommen auch Sammler zu ihm oder Leute, die Briefmarken oder Münzen geerbt haben und sie bewerten lassen wollen. Dabei sagt Grützner gleich: „Europäische Sammlungen ab 1960 bis 2000 sind leider nicht sehr gesucht und meistens von geringem Wert.“ Ebenso wie Jugendsammlungen, die meist nur aus einem oder zwei Alben bestehen und auf jeder Seite Briefmarken aus verschiedenen Ländern beinhalteten. Ausnahmen seien aber natürlich möglich. Um die kleinen filigranen Teile einschätzen zu können, Mini-Zacken und Zeichen, Zahlen und Spuren aus vergangenen Tagen beurteilen zu können, benutzt der Händler nicht nur dicke Briefmarken-Lupen, sondern auch ein Zähnungsmessgerät, ein Wasserzeichensuchgerät und ein elektronisches Mikroskop. Seine wertvollste Marke beziffert er mit 900 Euro.

Reich wird man als Briefmarkenhändler wohl eher selten, doch von seinem Geschäft, sagt er, könne er inzwischen leben. Eins ist jedenfalls sicher: Die Hektik einer Gastroküche wünscht er sich nicht zurück. Abends empfängt er Sammler zum Fachsimpeln, Tauschen und Zusammensitzen. Wer daran Interesse hat, sollte sich anmelden unter briefmarken-to-go@gmx.de.

Das perfekt gebratene Steak, eine würzige Soße zum Braten, ein fluffiges Soufflé: Wer ein guter Koch sein will, sollte sein Handwerk beherrschen. Darüber hinaus braucht er aber auch Disziplin, Ordnungssinn und Organisationstalent. Genau dasselbe, sagt Roman Grützner, sollte auch ein Briefmarkenhändler mitbringen. Grützner muss es wissen: Nach vielen Jahren als Küchenchef – unter anderem in der Lindhälder Stube in Strümpfelbach, im Krönchen in Beutelsbach, in der Skybar, im Café Hallo und im

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