Schorndorf

Schorndorf: Schindler-Biografin Erika Rosenberg spricht in Berufsschule über Mut

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Dr. Erika Rosenberg hat vor 120 Schülerinnen und Schülern der Johann-Philipp-Palm- und Grafenbergschule einen Vortrag gehalten.  Foto: Steinemann © Ralph Steinemann Pressefoto

„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ So spricht Autorin Dr. Erika Rosenberg aus Argentinien vor den Schülerinnen und Schülern der Abschlussklasse der Johann-Philipp-Palm- und der Grafenbergschule.

Geboren und aufgewachsen ist die Historikerin in Buenos Aires. „Mein Vater war Jurist, meine Mutter Ärztin.“ Nach Inkrafttreten des Berufsverbots für Juden und Kommunisten in Deutschland wanderten ihre Eltern nach Paraguay aus. Sechs Monate später schlossen sie sich einer Flüchtlingsgruppe an und kamen illegal nach Argentinien. Im Jahr 1951 kam Erika Rosenberg in Buenos Aires zur Welt. „Wir waren eine sehr kleine Familie und es wurde niemals über die alte Heimat gesprochen“, sagt die 72-Jährige. Diese Lebensumstände hinterfragte sie bereits mit jungen Jahren: „Ich habe immer Fragen gestellt und je mehr Fragen ich gestellt habe, desto weniger wurde mir geantwortet. Es war mir schleierhaft.“

Eine ähnliche Geschichte wie ihre Eltern hatte Rosenbergs späterer Chefredakteur Dr. Peter Gorlinsky. Zusammen arbeiteten sie für das argentinische Tageblatt, gegründet von der Schweizer Familie Allemann im Jahr 1870. Gorlinsky schrieb in den 1960ern zwei Artikel über die Vatercourage von Oskar Schindler, dem Steven Spielberg und Hollywood in den 1990er Jahren einen großen Film gewidmet haben. Der Chefredakteur gab Rosenberg daraufhin den Impuls, eine Geschichte rund um die Schindlers und somit auch über die Muttercourage der Emilie Schindler zu schreiben. So lernten sich die damals 83 Jahre alte Emilie Schindler, die verarmt in Buenos Aires lebte, und Rosenberg kennen. Diese Bekanntschaft wurde zu einer engen Freundschaft und war die Inspiration für Rosenbergs Lebenswerk: die zivilcouragierte Geschichte von Emilie Schindler zu erzählen.

Wie Oskar Schindler, Hilde Albrecht und Emilie Schindler Leben retteten

Oskar Schindler reiste 1935 nach Krakau, um sich neuen Geschäften zu widmen und ein Vermögen aufzubauen. Vor Ort traf er auf seine spätere polnische Geliebte Hilde Albrecht, sie arbeitete für die deutsche Spionagewehr und rettete im Jahr 1944 insgesamt 300 Jüdinnen vor der Vergasung. Im Oktober 1939 trat Schindler als Generalgouverneur ebenfalls in den Geheimdienst ein. „Macht und Gefahr waren für Schindler wie ein Lebenselixier“, sagt Rosenberg. Mit dem Erwerb einer ehemaligen Emaille-Fabrik, die in Zeiten des Zweiten Weltkrieges als kriegswichtig eingestuft wurde, gelang es Oskar Schindler, 1200 Arbeiter aus dem Krakauer Ghetto, darunter 600 Juden, aufzunehmen. Die Historikerin berichtet: „Diese Fabrik war der Grundstein für die Rettung von 1200 Menschen.“

Die Juden, die in der Rüstungsfabrik schafften, kamen im Konzentrationslager Plaszow unter. Jenes Lager wurde von dem Kommandanten Amon Göth geleitet. „Ich bin euer Gott“, lautete seine Aussage. Laut Rosenberg ermordete Göth 6000 Juden, sogar auf seine eigenen Soldaten schoss er. „Er wollte alle beängstigen, er war eine Bestie.“ Als das Konzentrationslager Plaszow 1944 vor der Auflösung stand und die Insassen in die Gaskammern geschickt worden wären, setzte sich Oskar Schindler dafür ein, sie weiterhin in der Fabrik zu beschäftigen. Dafür verlagerte er die Produktion nach Brünnlitz und listete so die Namen seiner 1200 Arbeiter auf, die er ebenfalls mitnahm. Wie gelang es ihm jedoch, die SS von seinem Vorhaben zu überzeugen? Schindler trat 1939 der NSDAP bei, doch nicht aus Überzeugung: „Man musste mit den Wölfen heulen, um anderen Menschen helfen zu können“, sagt Rosenberg. Die Verlagerung und Rettung seiner Arbeiter kosteten Schindler 2,64 Millionen Reichsmark.

Wer war die Frau des Kriegshelden? „Emilie Schindler war ein toller Mensch. Sie war jemand Besonderes. Heutzutage spricht man von Menschenrechten und alles wird mit Bezeichnungen geschmückt. Damals musste sie das tun, was eben getan werden musste.“ Ihre beste Freundin war direkt, authentisch und selbstlos. Anders als ihr Mann war sie „ordentlich und fleißig“ und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen Oskar Schindler und seine Frau vor der russischen Armee und wanderten nach Argentinien aus. Die nächsten Jahrzehnte lebte das Paar ein bescheidenes Leben und es wirkte so, als wurden sie von der Geschichte vergessen, vor allem Emilie Schindler. „Dass sie nichts geleistet habe, ist eine große Ungerechtigkeit, eine große Lüge“ von Spielberg und Hollywood. In „Schindlers Liste“ geriet die Ehefrau des Fabrikanten in den Hintergrund. Sie selbst erschien nur wenige Male auf der Leinwand und zu einer Scheidung, wie im Film angedeutet, sei es nie gekommen.

Welche Rolle spielte nun Emilie Schindler bei der Rettung tatsächlich? Damals arbeitete sie in der Verwaltung der Rüstungsfabrik und besuchte heimlich die Zwangsarbeiter in der Produktion. „Je fortgeschrittener der Krieg“, desto mehr verarmten die Menschen. So nahm sich Emilie Schindler vor, die Arbeitskräfte regelmäßig mit Lebensmitteln und Medikamenten vom Schwarzmarkt zu versorgen. Das tat sie, obwohl es illegal war. Auch sie rettete 100 Juden vor dem Tod. In Abwesenheit ihres Mannes nahm Schindler im Jahr 1945 hundert Menschen zu sich auf und verhinderte die Deportation in ein Konzentrationslager. In der Fabrik verpflegte sie die Kranken und Schwachen.

Warum die Geschichte von Emilie und Oskar Schindler heute noch relevant ist

Inwiefern fungieren die Schindlers heute noch als Vorbildfunktionen? „Oskar Schindler war eine schillernde Figur“, berichtet die vortragende Autorin, die auch als Dolmetscherin tätig ist. Er fälschte Schulzeugnisse, schwänzte die Schule und brach sie sogar ab. Laut Rosenberg zeige dies jedoch, dass Schindler ein einfacher Mensch war. „Es geht nicht darum, tugendhaft und perfekt zu sein. Die Leistung, jemanden zu retten, steckt in uns allen.“ Dies bezeichnet die Historikerin als Zivilcourage. „Ihr seid die Jugend, die große Hoffnung der Welt. Meine Generation ist leider gescheitert. Ich habe aber Vertrauen, dass ihr es besser macht“, spricht sie zu den Jugendlichen der Johann-Philipp-Palm-Schule. Laut der 72-Jährigen stehe jeder Mensch vor zwei Entscheidungen im Leben: zivilcouragiert zu handeln oder wegzuschauen. „In dem richtigen Moment traf Oskar Schindler die richtige Entscheidung.“ Rosenberg ist überzeugt, dass sich die Jugend für „Demokratie, Freiheit und Frieden“ in Zukunft engagieren wird. „Wenn ich diese feste Überzeugung nicht hätte, dann wäre ich zu Hause in Buenos Aires geblieben.“ Die Historikerin zeigte ihre Zivilcourage bereits in der Vergangenheit: In Argentinien hat sich die Journalistin in den 80er Jahren gegen die Militärdiktatur gewehrt und sich kritisch geäußert. Aus Erfahrung kann sie nun sagen, dass es zwei Sorten von Frieden gibt: „Der ungezwungene Friede und jener, der durch das Militär auferlegt wird.“ 1977 wurde Rosenberg zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen: „Ich bin sehr trotzig.“ Ihre Philosophie war die gleiche wie die von Emilie Schindler: „Ich kann behilflich sein, wenn ich mich für andere einsetze.“

Seit September ist sie auf Deutschlandtour und hält Vorträge an Schulen, die unter anderem von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt werden. Ihre persönliche Einstellung verdeutlicht Rosenberg: „Mir ist es egal, welche Staatsbürgerschaft, Religion oder Titel die Menschen haben. Unsere Herzen haben die Farbe Rot und das zeigt uns, dass wir alle gleich sind.“

„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ So spricht Autorin Dr. Erika Rosenberg aus Argentinien vor den Schülerinnen und Schülern der Abschlussklasse der Johann-Philipp-Palm- und der Grafenbergschule.

Geboren und aufgewachsen ist die Historikerin in Buenos Aires. „Mein Vater war Jurist, meine Mutter Ärztin.“ Nach Inkrafttreten des Berufsverbots für Juden und Kommunisten in Deutschland wanderten ihre Eltern nach Paraguay aus. Sechs Monate später schlossen sie sich einer

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