Schorndorf

Schorndorf: So arbeiten Sterbebegleiter in der Corona-Krise

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Hospiz Pflege
Der Hospizdienst kann viel bedeuten: Mitgefühl, dem Sterbenden beistehen, für Angehörige da sein, zuhören. Das Arbeiten in der Sterbebegleitung lebt auch von Berührungen – das war in den ersten Wellen der Corona-Pandemie nur eingeschränkt möglich. © Pixabay/ C00 creative Commons
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Hospizdienst
Edeltraud Seibold. © Gaby Schneider
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Hospizdienst
Susanne Stolp-Schmidt. © Gaby Schneider

Begleiten in der letzten Lebenszeit, Anteil nehmen, Mitgefühl und menschliche Zuwendung zeigen, dem Sterbenden beistehen, das Dunkle aushalten, sich Zeit für die Angehörigen nehmen – der Hospizdienst kann viel bedeuten und hat in Corona-Zeiten noch einmal eine besondere, intensivere Bedeutung bekommen. Die letzten Lebenswochen begleiten, Tage und Stunden in Corona-Zeiten mit einem Sterbenden verbringen – ohne dass der Schwerkranke an dem Virus erkrankt ist. Das ist aus verschiedenen Gründen herausfordernd. „Der Lockdown hat uns sehr zu schaffen gemacht“, berichtet Susanne Stolp-Schmidt, Hospizreferentin der Hospizstiftung Rems-Murr.

Sechs ambulante Hospizgruppen gibt es über den Rems-Murr-Kreis verteilt. Der Hauptstandort der Hospizstiftung ist in Backnang. In der ambulanten Sterbebegleitung ist ein 90-köpfiges Team aktiv, im stationären Bereich sind es rund 40 Sterbebegleiter. „Alle sind im Einsatz, so dass wir keine Begleitung ablehnen müssen“, sagt Stolp-Schmidt. Die 62-Jährige ist seit 21 Jahren in der Hospizstiftung tätig.

Das Sterben ist nicht aufschiebbar, der Tod ist nicht planbar

Das Sterben ist nicht aufschiebbar. „Der Tod ist nicht planbar“, sagt Susanne Stolp-Schmidt. Ebenso wenig sind es die Virusvarianten oder die uns noch bevorstehende Zeit mit Corona. Schwere, tödliche Krankheiten nehmen keine Rücksicht auf eine Pandemie. Und die Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, brauchen Hilfe und Zuwendung. Viele Menschen wählen für ihre letzten Wochen und Monate ein Hospiz aus. Und dort wird in der Pandemie weitergearbeitet – allerdings hat sich vieles verändert.

Während Corona nah sein – aber wie funktioniert das, wenn auf Abstand geachtet und auf Berührung verzichtet werden muss? Stolp-Schmidt: „Es gibt Sonderregelungen für die Sterbebegleitung – unter all den entsprechenden Hygienemaßnahmen. Der totale Lockdown war sowohl für die Gäste im Hospiz wie für die Angehörigen, die Sterbenden zu Hause und die Sterbebegleiter nicht einfach.“ In den Hospizen seien die Regeln ähnlich derer, die im Pflegeheim gegolten haben und gelten. „Aber auch da gibt es Sonderregelungen, wenn dem Sterbenden beispielsweise nur wenige Stunden für den Abschied bleiben.“ Dennoch – das Regelwerk sei oft nicht mehr zu durchblicken und verwirrend.

Kein würdiges Abschiednehmen

„Es war keine Zuwendung, wie man sie sonst ausübt, möglich. Die Begleitung lebt zusätzlich von Berührung, Streicheln – wir haben versucht, das trotzdem umzusetzen, mit Hygienemaßnahmen, Hände desinfizieren, Maske tragen und allem, was dazugehört.“ In den Familien, im privaten Zuhause, ist das Abschiednehmen nochmals ein anderes. „Nicht nur für uns als Sterbebegleiter ist es schwierig. Für die Angehörigen, die keine Rituale umsetzen können, ist das alles noch viel unerträglicher“, erzählt Edeltraud Seibold, die seit gut elf Jahren in der Hospizarbeit tätig ist.

Viel Angst spielte bei Angehörigen mit. Erst mit den Lockerungen wurde es etwas besser. Aber: „Ein würdiges Abschiednehmen war nicht möglich“, sagt die 77-Jährige. In ihrer Schorndorfer Hospizgruppe sind es 18 Sterbebegleiter, die ehrenamtlich Schwerkranke auf ihrem letzten Lebensabschnitt beistehen. Wie viel Zeit für diese Aufgabe investiert wird, kann nie vorausgesagt werden. Manchmal sind es einige Wochen, manchmal Tage, manchmal auch nur wenige Stunden. In Ausnahmefällen ist auch eine stundenweise Betreuung in der Nacht und am Tag möglich: „Dann wird zwischen den Begleitern geschichtet.“

Was treibt ehrenamtliche Hospizbegleiter an, sich selbst auf den Weg zu machen, um Menschen am Ende ihres Lebenswegs zu begleiten? Für Edeltraud Seibold waren drei Todesfälle im engsten Familienkreis ausschlaggebend, sich für dieses ehrenamtliche Engagement zu melden. Sie geht nicht nur in Pflegeheime zu den Schwerkranken, sondern auch zu Familien nach Hause, wenn dort eine Sterbebegleitung gewünscht ist. Seit den vergangenen zwei Jahren schwingt das Risiko Corona mit – ein Grund, sich in der Sterbebegleitung zurückzuziehen? „Nein“, sagt Edeltraud Seibold, „ganz sicher nicht.“ Die „Portion Vorsicht“ müsse mitspielen, aber Angst habe sie nicht gehabt, sich zu infizieren – und die habe sie auch jetzt nicht. Geimpft und getestet sei sie immer zu dem Sterbenden, der sie gerade gebraucht hat, erzählt Seibold. In zwei Schorndorfer Pflegeheimen beispielsweise ist auch direkt vor Ort eine Testmöglichkeit. Von daher sei das kein Problem. „Mir ist kein einziger positiver Fall bei einem Sterbenden bekannt gewesen.“ Das Risiko spiele zwar mit, sich aber bei einem Menschen, der dem Tode näher ist als dem Leben, zu infizieren, sei gering.

Es gibt auch schöne, ergreifende Seiten der Sterbebegleitung

Hinter jedem Abschied sind Geschichten, so die Sterbebegleiterin. Es sind schwierige, oft traurige Schicksale, manchmal schwer zu ertragende. „Es ist nicht einfach, in den letzten Wochen Dinge klären zu wollen, die man in 40 oder 50 Ehejahren nicht klären konnte.“ Aber es gibt auch „schöne Momente und Seiten einer Sterbebegleitung“. Ja, sagt Stolp-Schmidt, die gebe es tatsächlich. Das Gefühl, helfen zu können, da sein und Halt geben zu können. „Das kann einem selbst ebenso viel geben, so dass man mit neuem Elan und mit neuer Kraft wieder beim nächsten Besuch erscheinen kann. Ich erlebe es häufig, dass Sterbebegleiter aus unserem Team sagen, dass sie das Leben in der Sterbebegleitung noch mal mit ganz anderen Augen sehen.“ Außerdem, so fügt Edeltraud Seibold an, gebe es hin und wieder Gesten der Angehörigen, nachdem der Kranke beerdigt wurde. Briefe, in denen der Dank kundgetan wird. Dankbarkeit für die Hilfe, für die Ansprache, die Menschlichkeit, die Entlastung und Unterstützung. Die 77-Jährige bewahrt manche Briefe auf: „Daran hängen Erinnerungen.“

Was ist zu tun, wenn jemand für seinen sterbenden Angehörigen eine Sterbebegleitung möchte? „Man kann sich bei uns in Backnang melden. Wir vereinbaren einen Gesprächstermin“, erklärt Stolp-Schmidt. Dann werde „abgeklopft“, ob es tatsächlich eine „Aufgabe für uns oder beispielsweise für den Pflegedienst ist“. Sollte es nicht in den Bereich der Sterbebegleitung fallen, dann vermittelt die Hospizstiftung weiter – an die sogenannte SAPV zum Beispiel. Die SAPV ist die spezialisierte ambulante Palliativversorgung und durch die medizinische Versorgung von der Sterbebegleitung zu unterscheiden.

Das Hospiz – immer noch ein Tabuthema?

Wenn die Sterbebegleitung infrage kommt, ist ein erster Besuch beim Betreffenden beziehungsweise bei seiner Familie vorgesehen. „Wir gucken, welche Hilfe benötigt wird. Was braucht der Sterbende, was die Angehörigen“, so Edeltraud Seibold. „Manchmal ist es auch für die Ehefrau gut, wenn sie einfach mal zwei, drei Stunden raus kann und der Sterbende nicht alleine gelassen wird.“ Die Bibel habe sie dabei und ein Gesangbuch. Manchmal möchte das der Schwerkranke, manchmal aber auch nicht. Wichtig sei, den Sterbenden da abzuholen, wo er ist oder sein möchte. Spielt der Glaube eine Rolle, wenn man stirbt? „Man muss nicht gläubig sein“, betont Susanne Stolp-Schmidt und gibt die Worte des Geschäftsführers der Hospizstiftung, Heinz Franke, wider: „Er sagt, man kann ohne Glauben ins Hospiz kommen, und zum Gläubigen werden, oder gläubig ins Hospiz kommen und während des Aufenthalts den Glauben verlieren.“ Die Entscheidung liegt bei dem Einzelnen, keiner wird abgewiesen. Ins Hospiz zu gehen – ein Tabuthema? „Ja, auch wenn es sich vielleicht etwas verändert hat, aber das Hospiz geht immer mit Sterben einher. Der Lebensweg geht hier zu Ende.“ Oft werde das Sterben immer nur mit „alten Menschen“ verbunden. Schnell werde vergessen, dass auch Kinder betroffen sind. „Für unseren ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Pusteblume sind Sterbebegleiter ebenso wichtig.“ Auch hier werden die Familien unterstützt und sich um die Geschwisterkinder gekümmert. Das Umfeld zu betreuen, sei ebenso wichtig, wie den Betroffenen selbst, sei es durch Gespräche, durch den Austausch oder auch nur durch das alleinige Dasein.

Stolp-Schmidt: „Es kann enorm hilfreich sein, zu weinen, zu lachen oder auch seine Wut auszudrücken und zu schimpfen.“ Warum muss es jetzt so schnell gehen? Warum passiert das uns? Warum muss mein Mann so leiden? Warum wurde meiner Frau diese Krankheit nicht erspart? – Fragen, mit denen sich Sterbebegleiter oft konfrontiert sehen. Antworten und die passenden Worte zu finden, ist nicht immer möglich – aber auch nicht nötig. „Die Angehörigen wissen, dass auch wir das nicht beantworten können. Aber wir können da sein und zuhören.“ Eine Bandbreite von Emotionen gilt es auszuhalten, mitzutragen. Wie hält man das selbst aus? „Ich kann nur für mich sprechen: Mir gelingt es, die Türe zu schließen, wenn ich bei einem Sterbenden war. Ich kann mir die Distanz schaffen“, sagt Edeltraud Seibold. Aber auch ihr helfe es, wenn sie nach Hause kommt und bei ihrem Mann ein offenes Ohr findet, wenn sie doch ein Schicksal zu sehr beschäftigt.

„Es gibt große Unterschiede, wie Sterbebegleiter mit Situationen umgehen“, weiß Stolp-Schmidt aus der Erfahrung. Die einen gehen zum Sport, gehen spazieren, um Abstand zu gewinnen. Wieder andere ziehen die Kollegen hinzu, und sagen, dass sie es nicht schaffen, weil sie ein Leidensweg eines Sterbenden zu sehr mitnimmt. Dafür gebe es oft Supervisionen und Treffen zwischen den Sterbebegleitern des Rems-Murr-Kreises. Auch Fortbildungen gebe es mehrfach im Jahr: „Das ist ein Thema ohne Ende“, sagt die Hospizreferentin. Es würden sich immer neue Felder auftun.

Zeit investieren, flexibel sein

Was ist relevant, um sich als ehrenamtlicher Sterbebegleiter oder ehrenamtliche Sterbebegleiterin zu engagieren? Die einfachste Antwort darauf: Das Herz auf dem rechten Fleck haben.

„Man muss die Zeit investieren können und sehr flexibel sein.“ Wer Interesse hat, kann sich bei der Hospizstiftung melden: „Dann wird ein Kennenlerngespräch vereinbart. Manchmal stellt sich dann schnell heraus, dass der- oder diejenige diese Aufgabe unterschätzt hat.“ Ein Vorbereitungskurs und auch eine Hospitation gehören dazu, bevor man diese Arbeit antritt.

Ein diskussionswürdiges Thema, das auf die Verantwortlichen der Hospizstiftung zukommt, ist die ab 16. März geltende „einrichtungsbezogene Impfpflicht“. Wahrscheinlich, so mutmaßt Susanne Stolp-Schmidt, wird das auch auf die Sterbebegleiter zukommen, die im ambulanten Hospizdienst tätig sind: „Aber das ist alles noch sehr offen. Wir wissen es nicht.“

Hospizstiftung Rems-Murr-Kreis

Folgende Dienste werden angeboten: Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen; Stationäres Hospiz; SAPV, daheim sein; Kinder- und Jugendhospizdienst Pusteblume; Trauerbegleitung, Beratung zur Patientenverfügung; Demenzbetreuungsgruppen. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Homepage unter der Adresse www.hospiz-remsmurr.de.

Begleiten in der letzten Lebenszeit, Anteil nehmen, Mitgefühl und menschliche Zuwendung zeigen, dem Sterbenden beistehen, das Dunkle aushalten, sich Zeit für die Angehörigen nehmen – der Hospizdienst kann viel bedeuten und hat in Corona-Zeiten noch einmal eine besondere, intensivere Bedeutung bekommen. Die letzten Lebenswochen begleiten, Tage und Stunden in Corona-Zeiten mit einem Sterbenden verbringen – ohne dass der Schwerkranke an dem Virus erkrankt ist. Das ist aus verschiedenen Gründen

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