Schorndorf

Schorndorf: Stadträtin Kirsten Katz kennt die Hölle der Magersucht

Kirsten Katz
Kirsten Katz (62) fühlt sich heute wohl in ihrer Haut. Das war nicht immer so. © Gabriel Habermann

Kirsten Katz (62) ist eine selbstbewusste Frau. Mit ihren Katzen lebt sie in einer stylischen Wohnung in Haubersbronn, für die Grünen sitzt sie im Schorndorfer Gemeinderat, sie redet gern Klartext, weiß, was sie will und was ihr guttut. Das war nicht immer so: Mit 15 Jahren wurde Kirsten Katz magersüchtig. Auf dem Höhepunkt ihrer Suchtkrankheit wog sie noch 35 Kilo – zwei Kilo weniger, und sie wäre nicht mehr zu retten gewesen. Viele Jahre hat ihr Weg zurück ins Leben gedauert. Und er hat Spuren hinterlassen: Eine schmerzhafte Arthrose und kaputte Gefäße sind die späten Folgen des Hungerwahns – aber auch eine Klarsicht, Offenheit und Hartnäckigkeit, die sie während der langjährigen Therapien entwickelt hat. Heute sagt sie: „Ich hadere nicht mit meinem Leben, sondern ich mache das Beste daraus.“

Die Mutter war streng und lieblos. Und sie lehnte die Tochter ab

Wer in den 60er Jahren in Pforzheim die Familie der kleinen Kirsten von außen betrachtet hätte, hätte wohl eine ebenso gut situierte wie fröhliche und weltoffene Familie wahrgenommen. Doch der Schein, sagt die 62-Jährige, trog. Die Mutter, eine Ärztin aus England, kam mit ihrer Tochter nicht zurecht. Als streng, steif und lieblos hat sie Kirsten Katz in Erinnerung. Als eine Mutter, die sich nie um sie gekümmert, dafür aber ständig kritisiert habe: „Meine Noten, meinen Umgang. Was ich gemacht habe, war nie in Ordnung.“ Der Vater habe offen eine Liebschaft unterhalten, doch der äußere Anschein der Unternehmerfamilie sollte gewahrt werden. Mit 15 Jahren kommt Kirsten Katz wegen einer Fehlgeburt ins Krankenhaus – die Erfahrungen müssen traumatisch gewesen sein. Noch im Krankenhaus, in dem sie unglücklich in einem Sechs-Bett-Zimmer liegt, wird sie von ihrer Mutter heftig attackiert. „Sie hat vor allen ein riesiges Theater gemacht und mich als Hure bezeichnet“, erzählt Katz. Als sie 14 Tage später entlassen wird, hat sie zwei Kilo abgenommen. „Das hat mir gefallen. Damit fing es an.“

Der Triumph, mit immer weniger Essen auszukommen

Sie beginnt, immer weniger zu essen. Die Portionen werden kleiner, die Abstände zwischen den Mahlzeiten immer größer. Der Ehrgeiz, mehr und mehr abzunehmen, wächst und damit auch der Triumph, mit immer weniger Essen auskommen zu können, erzählt sie. Die Beziehung zum Freund zerbricht, auch weil ihre Mutter gegen die Freundschaft intrigiert habe, sagt sie. Aber auch andere Kontakte bleiben bald auf der Strecke, weil sie nun alle Situationen meidet, in denen Essen ein Thema sein könnte. Doch ihre kaufmännische Ausbildung beendet sie mit hervorragenden Noten: „Ich habe ja nur noch gelernt, nichts mehr gegessen.“ Dass die Tochter immer magerer wird, fällt irgendwann auch der Mutter auf: Es gibt Mädchen, die dabei die Kontrolle verlieren, warnt sie. Geglaubt hat Kirsten Katz das nicht: „Ich habe gesagt: Das passiert mir nicht.“

Nach der Ausbildung nimmt Katz verschiedene Jobs an, glücklich wird sie nicht dabei. „Irgendwann habe ich nur noch 35 Kilo gewogen“, erzählt sie. Als sie immer schwächer wird und kaum noch eine kleine Steigung hochkommt, geht sie endlich zum Hausarzt. Der weist sie umgehend in ein Krankenhaus ein. Heute weiß Kirsten Katz: „Zwei Kilo weniger, und sie hätten mir nicht mehr helfen können.“ Groteskerweise geht sie aus freien Stücken genau in das Krankenhaus, in dem ihre Mutter arbeitet – und wird dort von ihr körperlich auch gut versorgt. Doch als sie nach den sechs Wochen in der Klinik, in denen sie mühsam aufgepäppelt wird, eine Kur machen soll, sei es wiederum ihre Mutter gewesen, die psychologische Hilfe verhindert habe. Kirsten Katz kennt inzwischen die Ursachen ihrer Magersucht. Sie weiß, dass sie abnehmen wollte, um keine Frau zu werden und vor allem nicht wie ihre Mutter zu sein. Doch damals dauerte es Jahre, bis die Magersucht endgültig überwunden war.

Statt sechs Wochen acht Monate in der Klinik

Zunächst versucht sie allein in ihrer eigenen Wohnung, einen Ess-Rhythmus aufzubauen und die Sucht mit Büchern und in Streifzügen durch die Natur in den Griff zu bekommen. Auch in die Kirche sei sie damals oft gegangen. Genutzt hat es nicht viel. „Ich war depressiv, suizidal, am Ende.“ Irgendwann sucht sie Hilfe bei einem jungen Psychologen, der in Pforzheim gerade eine Praxis eröffnet hatte. Der bietet ihr an, sie in eine Klinik nahe bei Frankfurt zu schicken, und sie ist bereit dazu. „Das Haus“, sagt sie heute, „war meine Rettung.“ Statt der vorgesehenen sechs Wochen bleibt sie acht Monate, will endlich „raus aus dem Schlamassel“, wie sie heute sagt. Und auch wenn sie es anfangs nur zehn Minuten schafft, in den Therapiesitzungen auszuharren: In der Klinik findet Katz endlich das Vertrauen, das ihr so sehr gefehlt hat, und zurück ins Leben. Schritt für Schritt wagt sie sich nach draußen, nimmt außerhalb der Klinik an Kursen teil, arbeitet nebenher in einer Firma mit. Als sie schließlich entlassen wird, geschieht das mit der Maßgabe, sich einen neuen Wohnort, Arbeit und einen Therapieplatz zu suchen.

Mit 21 Jahren die Hölle hinter sich

21 Jahre alt ist sie da. Hat die Hölle hinter sich, aber das Leben vor sich. „Ich bin nach Frankfurt, habe mir über einen Makler eine Wohnung besorgt und einen Job und einen Therapeuten gesucht“, sagt Kirsten Katz. Sie macht das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studiert Betriebswirtschaft und sichert sich damit auch wirtschaftlich die Basis für eine gute Zukunft. Ganz genau erinnert sie sich an jenen entscheidenden Tag, als sie in Frankfurt in der Sonne stand und wusste, dass die Magersucht vorbei ist. „Dann ging ich nach Hause, hab die Waage rausgeschmissen und alle Kalorientabellen.“

Nach Angaben der Ärztezeitung sterben zehn bis 15 Prozent der Patientinnen an der Magersucht – Kirsten Katz hat sie überwunden und ist heute eine zufriedene Frau. Längst hat sie einen entspannten Umgang mit dem Essen und isst, worauf sie Lust hat. Kalorien hat sie nie mehr gezählt, Baustellen aber bis heute. Ein Bandscheibenvorfall, Arthrose aufgrund der verringerten Knochendichte, „astronomisch hohe“ Blutfettwerte. Der Weg zurück in die Normalität war zäh. „Man muss begreifen und sich entscheiden, es anders machen zu wollen, und es dann auch tun.“

Sie macht ihre Geschichte öffentlich, weil sie anderen helfen will

Weil sie deutlich machen will, wie entsetzlich Essstörungen sein können, hat sie sich dazu entschlossen, ihre Geschichte öffentlich zu machen. „Essstörungen sind kein Spaß“, sagt sie. „Man braucht Hilfe, und es gibt Hilfe.“ In den Therapien habe sie gelernt, zu erkennen, was gut für sie ist. Sie lebt gern allein, genießt aber auch Begegnungen mit anderen. „Ich brauche einen Rückzugsort und ein harmonisches Zuhause“, sagt sie. In den langen Therapien habe sie gelernt, über alles sprechen zu können, erkenne vieles und spreche es aus. „Das macht nicht immer Freunde.“ Nie verfolge sie damit aber eine böse Absicht.

Sie weiß, dass sie polarisiert, doch es ist ihr egal: „Entweder mögen mich die Leute oder sie mögen mich gar nicht.“ Früher hat sie um die Sympathien der anderen gerungen, das ist vorbei. Auch in Konflikten falle sie nicht mehr um, sondern höre auf ihre eigene Stimme, sei nie unehrlich. Diese Kraft, nicht umzufallen, das ist für sie ein Resultat ihrer Geschichte: „Ich habe erkannt: Alles andere ist Zeit- und Energieverlust.“

Kirsten Katz (62) ist eine selbstbewusste Frau. Mit ihren Katzen lebt sie in einer stylischen Wohnung in Haubersbronn, für die Grünen sitzt sie im Schorndorfer Gemeinderat, sie redet gern Klartext, weiß, was sie will und was ihr guttut. Das war nicht immer so: Mit 15 Jahren wurde Kirsten Katz magersüchtig. Auf dem Höhepunkt ihrer Suchtkrankheit wog sie noch 35 Kilo – zwei Kilo weniger, und sie wäre nicht mehr zu retten gewesen. Viele Jahre hat ihr Weg zurück ins Leben gedauert. Und er hat

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper