Schorndorf

Schorndorf: Was tun gegen die schlechte Ärzteversorgung in den Ortsteilen?

Arztmangel
Viele Hausärzte nehmen aktuell keine neuen Patienten mehr an. © Gaby Schneider

Wer nach Schorndorf zieht und einen Hausarzt sucht, hat häufig schlechte Karten. Den Hausarzt wechseln wollen? Eine ganz schlechte Idee. Viele Hausärzte nehmen keine neuen Patienten an, weil sie überlastet sind. Und in Schornbach, Buhlbronn und Miedelsbach gibt es sowieso keinen Arzt. Im Ortschaftsrat Schornbach steht das Thema deshalb auf der Agenda: „Wir hatten die Idee, ob es einen Arzt gibt, der wechselweise in den Teilorten Sprechstunden haben könnte“, sagt Ortsvorsteherin Sandra Sachse.

Neubaugebiete, aber keine Hausärzte

Die Versorgung werde auch in Schorndorf in den nächsten Jahren knapp werden, hatte jüngst auch der Hausarzt Michael Hagen aus Weiler gewarnt, der sich mit seinen Kollegen deshalb am bundesweiten Ärztestreik beteiligt hatte. Überall würden Neubaugebiete gebaut, dass die Menschen aber auch Ärzte brauchen, kümmere die Politik wenig.

Hornikel organisiert einen Runden Tisch

„Die Entwicklung der hausärztlichen Versorgung ist tatsächlich besorgniserregend“, meint auch Oberbürgermeister Bernd Hornikel. Immer schwerer werde es, freie Arztpraxen wiederzubesetzen, immer weniger junge Mediziner wollten den Schritt in die Selbstständigkeit gehen. Hinzu kommt aus Sicht des Oberbürgermeisters die enorme Mehrbelastung seit Corona. „Gemeinschaftspraxen werden an Bedeutung zunehmen, meint Hornikel. „Dazu bedarf es aber anderer, größerer Räumlichkeiten, wie es sie aktuell im Gesundheitszentrum gibt und wie es sie vielleicht auch noch an anderer Stelle in der Innenstadt geben muss.“ Im kommenden Jahr will die Stadt deshalb die Ärzte zu einem Runden Tisch einladen.

Früher war der Doktor ein Mann und arbeitete allein

Eine Gemeinschaftspraxis, die viele Schorndorfer aus den nördlichen Teilorten schon kennen dürften, ist das Hausarztzentrum von Peter Höschele und seinen Kollegen in Steinenberg. „Wir haben viele Patienten aus Schornbach, Buhlbronn und Miedelsbach“, bestätigt Höschele. Abgewiesen wird in der Landarzt-Praxis in Steinenberg keiner, Kapazitäten gibt es in dem Team mit acht Ärzten und Ärztinnen genug. Peter Höschele ist 69 Jahre alt. Als er vor 36 Jahren seine Praxis eröffnete, war der Doktor im Normalfall ein Mann, er arbeitete allein und versorgte seine Patienten oft bis zur Selbstausbeutung fast rund um die Uhr. Peter Höschele war schon damals klar, dass er im Team arbeiten wollte. Anfangs hatte er Partner, später arbeitete er mit angestellten Ärzten.

Was damals eine große Ausnahme war, ist heute normal: „Viele junge Ärzte wollen angestellt werden, weil sie keine betriebswirtschaftliche Verantwortung übernehmen wollen“, weiß Höschele. Tatsächlich sei’s ein großes Problem, wenn ein allein arbeitender Arzt krank werde. Und auch die Work-Life-Balance spiele für die jungen Mediziner und Medizinerinnen eine Rolle: „Viele arbeiten nur noch 20 Stunden in der Woche. Und wenn ein Kind krank wird, bleibt man zu Hause.“ Letzteres spielt auch deshalb eine Rolle, weil immer mehr Mediziner Frauen – und Mütter - sind. Die Zahl der Ärzte sei gestiegen, dennoch gebe es ein Versorgungsproblem, sagt Peter Höschele: „Es gibt andere Lebensentwürfe, andere Lebenseinstellungen.“

Eine Hausarztpraxis in einem Dorf oder einem kleinen Ortsteil ist für Höschele inzwischen ein Auslaufmodell. Weil es schwer sei, einen Menschen aus der Stadt für das Leben im Dorf zu begeistern, aber auch weil dort meist nur Einzelpraxen möglich seien. „Dann bist du für alles verantwortlich, für jedes Krankheitsbild und auch den betriebswirtschaftlichen Teil.“ In Höscheles Praxis haben sich die Ärzte dagegen spezialisiert. Er selbst kümmert sich vor allem um Kinder und Hautkrankheiten, vom Ultraschall lässt er die Finger. Regelmäßig gibt es einen Austausch im Team, der gerade von den jungen Ärzten sehr geschätzt werde.

Der Rudersberger Mediziner sieht mittlerweile auf dem Land die Tendenz zu einer Zweigpraxis, also zu einer weiteren Praxis, die Vertragsärzte neben dem Vertragsarztsitz betreiben können. Aber auch da arbeite der Arzt alleine, außerdem brauche die Praxis eine Grundausstattung und Medizinische Fachangestellte (Arzthelferinnen), die meist ebenfalls lieber in einer großen Praxis arbeiten wollten. Deshalb sieht Höschele auch die Städte und Gemeinden in der Pflicht: Die Kommunen müssten die Infrastruktur für die Praxen zur Verfügung stellen oder für die Patienten einen Fahrdienst zu den Arztpraxen organisieren.

Offiziell fehlt nur ein einziger Arzt

Das ist die Sicht der Ärzte und Patienten. Anders sieht die offizielle Einschätzung aus. Schaut man auf die Internet-Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, fehlt im Bereich Rems-Murr Süd nur ein einziger Allgemeinmediziner. Noch gebe es zumindest offiziell keine massiven Probleme in der hausärztlichen Versorgung, sagt Dr. Karl-Michael Hess, Sprecher der Kreis-Ärzte. Doch die Ärzte seien überlastet. Und vor allem durch die Überalterung werde innerhalb der nächsten zehn Jahre ein Problem entstehen. „Versäumt wurde sehr viel“, meint auch Hess.

Trotz der Alterspyramide sei die Kapazität nicht angepasst worden. Es sei derart gespart worden, dass ein massives Besetzungsproblem zumindest in der stationären Versorgung entstanden sei. „Die Leute werden immer älter und kränker“, konstatiert Hess. Das habe man im Gesundheitswesen zu wenig berücksichtigt. Aber auch die Kinderarztpraxen seien massiv überfüllt, die 20-prozentige Geburtensteigerung sei schlichtweg ignoriert worden. „Dies geschieht, wenn die Politik nur die Ökonomie im Visier hat und nicht den Menschen“, kritisiert er: „Aus meiner Sicht unentschuldbar.“

Der Sprecher der Ärzte im Kreis setzt auf Zusammenarbeit mit den Kommunen

Auch der Kreisärzte-Sprecher setzt für die Zukunft auf eine enge Zusammenarbeit mit der Lokalpolitik. Die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) werde immer mehr in den Fokus rücken. Die jungen Ärzte seien verunsichert, der wirtschaftliche Druck müsse gemindert werden. „Wir müssen den Job attraktiver machen“, fordert Hess. Die überbordende Bürokratie müsse zurückgefahren und die missglückte Digitalisierung verbessert werden. Rezepte aufs Handy zu schicken dauere dreimal so lang wie früher eins auf dem Papier auszustellen.

Einen kleinen Lichtblick sieht Hess aber schon: Die größeren Arztpraxen, die dieses Jahr gesundheits- oder altershalber ihre Sitze zur Verfügung stellten, hätten im Bereich Rems-Murr Süd Nachfolgerinnen und Nachfolger gefunden.

Wer nach Schorndorf zieht und einen Hausarzt sucht, hat häufig schlechte Karten. Den Hausarzt wechseln wollen? Eine ganz schlechte Idee. Viele Hausärzte nehmen keine neuen Patienten an, weil sie überlastet sind. Und in Schornbach, Buhlbronn und Miedelsbach gibt es sowieso keinen Arzt. Im Ortschaftsrat Schornbach steht das Thema deshalb auf der Agenda: „Wir hatten die Idee, ob es einen Arzt gibt, der wechselweise in den Teilorten Sprechstunden haben könnte“, sagt Ortsvorsteherin Sandra

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