Schorndorf

Schorndorfer Buchhandel: Neue Winnetou-Bücher waren erst nach dem Medien-Echo gefragt

Winnetou
Viele Generationen wuchsen mit den Winnetou-Büchern auf. © Pixabay

Wer in den vergangenen Tagen Nachrichten gelesen oder gar den Fernseher eingeschaltet hat, ist um die Winnetou-Debatte nicht herumgekommen. Seitdem der Ravensburger Verlag ein Begleitbuch zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Programm genommen hat, tobt in Deutschland eine hochemotionale Diskussion. In der Öffentlichkeit löste diese Entscheidung gleichermaßen Empörung und Verständnis aus. Mittlerweile steht fest: Der Shitstorm wurde von Medien künstlich aufgebauscht. Ebenso gehört zur Wahrheit, dass Winnetou gerade in den jüngeren Generationen keine popkulturelle Rolle mehr spielt. Diese Erfahrungen haben zumindest zwei Schorndorfer Buchhändlerinnen gemacht.

Ravensburger Verlag wurde nicht unter Druck gesetzt

Der Ravensburger Verlag begründet die Entscheidung, Bücher rund um den Film „Der junge Winnetou“ aus dem Verkauf zu nehmen, damit, „dass angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet wird“. Der Lesestoff sei weit entfernt von der Realität der amerikanischen Ureinwohner. „Vor diesem Hintergrund wollen wir als Verlag keine verharmlosenden Klischees wiederholen und verbreiten, auch wenn wir den Grundgedanken der Freundschaft – wie bei Winnetou vorhanden – hoch schätzen.“

Kritiker dieser Entscheidung zeigen sich empört und sprechen von Zensur und „Cancel Culture“. Viele Medien, allen voran die Bild-Zeitung, schreiben von radikalen „Woke-Gruppen“, die den Ravensburger Verlag durch einen großen Shitstorm unter Druck gesetzt hätten. Datenanalysen aus dem Blog des Content-Dienstleisters Scompler zeigen aber: „Diesen Shitstorm über das Buch oder den Film gab es nie, ebenso wenig wie Forderungen nach Verboten. Beide sind vielmehr eine Erfindung findiger Journalisten und Populisten, die entweder medieninkompetent sind oder aus politischem Interesse beziehungsweise aus wirtschaftlichem Kalkül hetzen.“

Das Bild vom öffentlichen Druck auf Ravensburger haben laut der Scompler-Recherche zahlreiche Journalistinnen und Journalisten übernommen – Sommerloch eben. Das sei so weit gegangen, dass am Ende sogar die ARD dafür an den Pranger gestellt wurde, keine Winnetou-Filme mehr auszustrahlen. Das hat laut dem Scompler-Bericht aber rein gar nichts mit der jetzigen Debatte zu tun. Die ARD habe bereits vor zwei Jahren keine Film-Lizenzen mehr für die deutschen Western-Filme gekauft.

Die „zeitbedingte Weltsicht“ Karl Mays

Die Karl-May-Gesellschaft und die Karl-May-Stiftung geben sich zwar kritisch, aber zurückhaltender als so manche Zeitung. Sie schreiben in einem offenen Brief, dass Karl Mays Werke durchaus vom „Habitus eines kolonialen Zeitalters geprägt“ waren. Diese „zeitbedingte Weltsicht“ teile er aber mit praktisch allen Autoren seiner Zeit.

Jedoch seien die überhebliche Verachtung außereuropäischer Kulturen, rassistische Sprache und religiöse Intoleranz bei Karl May durchgehend Merkmale negativ gezeichneter Antagonisten gewesen. „Hierdurch hat der Autor bei seiner großenteils jugendlichen Leserschaft zweifellos über mehrere Generationen hinweg als Erzieher zu Toleranz und Weltoffenheit gewirkt.“

Winnetou-Bücher in Schorndorf nicht nachgefragt

Alles in allem ist die Winnetou-Diskussion im medialen Sommerloch sehr stark aufgebauscht worden. Vom Film „Der junge Häuptling Winnetou“ hätte ohne das öffentliche Echo wohl kaum jemand etwas mitbekommen.

Denn Karl Mays Abenteuergeschichten, und das wollen viele Fans ungern wahrhaben, spielen in der heutigen Kinder- und Jugendliteratur kaum noch eine Rolle. Das bestätigt zum Beispiel Kirsten Klöble von der Bücherstube Seelow am Oberen Marktplatz. Die Buchhändlerin erzählt, noch nie ein Winnetou-Buch im Sortiment gehabt zu haben. Auch das Begleitbuch zum neuen Film, das den großen Ärger auslöste, habe sie nie geplant, anzubieten. „Ich habe es nicht überlegt, weil ich gar keine Karl-May-Bücher verkaufe.“ In all ihren Jahren als Buchhändlerin sei Winnetou noch nie ein Thema gewesen.

Auch in der Schorndorfer Osiander-Filiale stehen keine Winnetou-Bücher in den Regalen. Das Begleitbuch zum neuen Film ist mittlerweile vergriffen und wird nicht mehr geliefert. Die Filialleiterin Sarah Schäfer-Stradowsky erzählt: „Als die Bücher kamen, hat sich kein Mensch dafür interessiert.“ Erst nach der medialen Aufmerksamkeit in der vergangenen Woche habe es sich dann schnell verkauft. Zum Vergleich: Das Begleitbuch zum neuen „Bibi und Tina“-Film sei wesentlich öfter verkauft worden.

Auch die alten Karl-May-Geschichten hat Osiander nicht auf Lager. „Vielleicht alle fünf Jahre werden wir danach gefragt und bestellen es dann. Es lohnt sich nicht, die Bücher dazuhaben“, so die Filialleiterin.

Wer in den vergangenen Tagen Nachrichten gelesen oder gar den Fernseher eingeschaltet hat, ist um die Winnetou-Debatte nicht herumgekommen. Seitdem der Ravensburger Verlag ein Begleitbuch zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Programm genommen hat, tobt in Deutschland eine hochemotionale Diskussion. In der Öffentlichkeit löste diese Entscheidung gleichermaßen Empörung und Verständnis aus. Mittlerweile steht fest: Der Shitstorm wurde von Medien künstlich aufgebauscht. Ebenso gehört

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