Schorndorf

Schorndorfer Gastronomen zwischen Zuversicht und Frust

Hirschoberberken
Samuel Sucher vom Gasthaus „Hirsch“ in Oberberken. © Hardy Zürn

Noch ist es nicht amtlich, doch kaum einer rechnet noch damit, dass die Gastronomen in diesem Jahr nochmals öffnen dürfen. Bis vorerst 20. Dezember bleiben Restaurants und Kneipen im Dornröschenschlaf. Mitte Dezember wollen Bund und Länder die Lage bewerten und laut einer Sprecherin des Sozialministeriums dann die nötigen Schlüsse ziehen. Wie es danach weitergeht, hängt von der weiteren Entwicklung der Infektionszahlen im Land ab.

Schon jetzt geht man im Ministerium wegen der hohen Coronazahlen aber davon aus, dass die Gastronomie auch über Weihnachten und Silvester hinweg geschlossen bleibt. Dass sie nochmals aufmachen dürfen, das glauben viele Wirte schon lange nicht mehr. Auch nicht Samuel Sucher, Küchenchef und Schwiegersohn des Betreiber-Ehepaars Dieter und Anke Schurr vom Gasthaus Hirsch in Oberberken. „Wir haben erwartet, dass der Lockdown verlängert wird“, sagt Sucher. Hotelübernachtungen für Familienbesuche sollen im Land über Weihnachten aber erlaubt werden.

Von außen Dornröschenschlaf - drinnen Arbeit auf Hochtouren

Derweil machen viele Gastronomen das Beste aus der Zwangspause. Nach Dornröschenschlaf und Ruhezeit sieht es oft nur von außen aus – drinnen läuft in vielen Häusern die Arbeit auf Hochtouren, um wenigstens das Liefer- und Abholgeschäft aufrechtzuerhalten. Am Rande von Schorndorf, hoch auf dem Schurwald, könnte das Überleben in der Coronakrise besonders schwer sein. Doch anders als erwartet, klingt Samuel Sucher vom Gasthaus Hirsch in Oberberken – ein Familienbetrieb seit Mitte des 19. Jahrhunderts – keineswegs mutlos und schon gar nicht verzweifelt: „Wir kommen ganz gut zurecht“, sagt er. Keiner der Angestellten sei in Kurzarbeit, die Stimmung „ist so weit gut.“ Wie ist das möglich?


Tatsächlich setzen die Familien Schurr und Sucher in der Corona-Krise nicht nur auf ihren Liefer- und Abholservice an sechs Tagen in der Woche, sondern auch auf ihre Wohnmobil-Plätze, die es schon seit drei Jahren gibt. Jetzt, in der Corona-Krise, wurden sie besonders wichtig. Mitte November hatte der „Hirsch“ auf seiner Facebook-Seite einen Aufruf an alle „Camping-Freunde" veröffentlicht und das Angebot aktiv beworben. Auf dem großen Parkhaus wird zum „WoMo-Dinner“ geladen, die Stellplätze sind kostenlos, auf Anfrage gibt’s für die Camper Wasser und Strom. Das Angebot kommt an. Zu manchen Zeiten stehen deutlich mehr als zwei Wohnmobile auf dem „Hirsch“-Parkplatz. Die Camper holen ihr Essen in der Gaststätte ab, essen gemütlich in ihrem Wohnmobil. „Manche übernachten dann dort auch, manche sind aus der Region und fahren danach nach Hause“, sagt Samuel Sucher. Freitags, samstags und sonntags gibt es seit einiger Zeit außerdem ab 15 Uhr auf dem Parkplatz einen Stand mit Glühwein und roter Wurst.

Aus dem ersten Lockdown blieben neue Stammgäste

Natürlich verzeichnet auch der alteingesessene „Hirsch“ weniger Umsatz als normal. „Aber bei uns herrscht keine Totengräberstimmung, wir schaffen das Jahr“, sagt Samuel Sucher kämpferisch. Im März hatte das anders ausgesehen. Als die erste Corona-Welle anrollte, schrieb der „Hirsch“ laut Sucher rote Zahlen, im April hatte es dann wieder einen leichten Gewinn gegeben. „Im März und April war es wirklich schwer“, erinnert sich der junge Küchenchef. „Meine Schwiegereltern wussten nicht, wie es weitergeht.“ Im Mai habe die Familie schon wieder von den Einnahmen leben können. Zu diesem Erfolg in der Krise hätten viele Stammgäste beigetragen, aber auch neue Kunden hätten sie im ersten Shutdown gewonnen, die die Angebote zu schätzen gelernt hätten. „Unsere Devise war: Wir geben nicht auf, wir geben Gas“, sagt Sucher. Sogar zwei Azubis habe er im September mitten in der Krise eingestellt.

Im September war Eröffnung, sechs Wochen später schon Schluss

Im September, als die beiden Azubis ihren ersten Tag in Oberberken hatten, haben Matthias Starker und Michaela Lack am Sportplatz in Weiler ihre Gaststätte TV Weiler gerade erst eröffnet. Sechs Wochen später mussten sie sich schon wieder in die Zwangspause verabschieden. Sicher gibt es bessere Zeiten als eine Pandemie, ein Restaurant zu eröffnen – die früheren Gastronomen aus dem Schützenhaus in Urbach haben es aber trotz und gerade wegen Corona gewagt. Ein Grund für den Wechsel war die Größe des TV-Lokals. Sogar mit den geforderten Corona-Abständen gibt es drinnen 76 Plätze und damit weit mehr als im Schützenhaus. Außerdem wohnt die Familie in Winterbach, weshalb sich der Wechsel auch der Kinder wegen anbot. „Am Anfang waren wir fast immer ausgebucht“, berichtet der renommierte Koch, der vergangenes Jahr beim Gartenschau-Wettkochen der Kommunen für die Gemeinde Urbach gekocht hatte. Nun tut der Lockdown besonders weh, vor allem auch deshalb, weil das Abholgeschäft in Weiler noch spärlich läuft. „Der Lockdown war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Michaela Lack, die die Schließung der Gastronomie generell völlig unverhältnismäßig findet. Für die neuen Wirtsleute sind die Zeiten hart. Seit dem Lockdown setzen sie von Freitag bis Sonntag auf eine kleine Karte mit Abholgerichten wie Schnitzel, Braten und hausgemachte Maultaschen. Am Wochenende bewirten sie Spaziergänger im Freien mit Glühwein und roter Wurst und bieten neben den Abholgerichten auch manchmal Highlights wie Ente mit Blaukraut an. Unter der Woche gibt es bei ihnen aber wenig Nachfrage für Essen to go. „Da wären die Nebenkosten höher als der Gewinn“, rechnet Michaela Lack vor. Deshalb mache es für sie keinen Sinn, die ganze Woche offen zu lassen.

Ein bitteres Jahr für die junge Familie

Noch wartet die Familie auf die versprochene Hilfe vom Staat. „Im März haben wir Soforthilfe gekriegt“, erzählt die Gastronomin. Die Unterstützung für die Monate Oktober bis Dezember hätten sie noch gar nicht beantragen können. „Von schneller Hilfe kann keine Rede sein.“ Es ist ein bitteres Jahr für die junge Wirtsfamilie. Nachdem schon Ostern ausfiel und Konfirmationen und Hochzeiten abgeblasen wurden, sind nun die Novemberreservierungen und die gebuchten Weihnachtsfeiern verloren. „Den Dezember kriegen wir noch rum“, sagt Michaela Lack. „Aber im Januar wird es kritisch.“ Zumal nun klar ist, dass sie dieses Jahr nicht nochmals öffnen können.

Auch Peter Wahl, Chef im „Lamm“ in Schornbach, hatte diese Hoffnung schon lange vor den neusten Bestimmungen der Landesregierung begraben. Die Verlängerung des Lockdowns hat auch ihn nicht überrascht. „Für mich war klar, dass sie die Gastronomie bis frühestens nach den Ferien komplett zulassen“, sagt er. Wie es ihm nun geht angesichts der langen Schließung und des verlorenen Weihnachtsgeschäfts? „Ich habe zu tun“, sagt er. An fünf Tagen in der Woche kocht er für seine Stammgäste auf Bestellung ein Tagesessen, das von 11.30 bis 14 Uhr abgeholt werden kann. Sonntags bietet er ein Sonntags-Spezial wie Gänsekeule oder Wildschweingulasch. Zudem gibt es für diese Zeit eine verkleinerte Speisekarte, aus der seine Gäste bestellen können. 20 bis 30 Tagesessen verkauft er im Schnitt vor allem an seine Stammkunden, für die er sehr dankbar sei. Vier Angestellte sind in Kurzarbeit.

Nur nicht den Kopf in den Sand stecken

„Ich bin gefasst“, sagt Wahl, der das „Lamm“ in der vierten Generation betreibt. „Aber ich muss ja auch keine Pacht zahlen. Die Gaststätte gehört mir.“ Von Anfang an setzte er auf seinen Abholservice, im ersten Lockdown arbeitete er auch samstags, „aber da lief nicht viel.“ Fest steht für Peter Wahl: „Den Kopf in den Sand stecken bringt nichts. Man muss was tun.“ Und auf keinen Fall sollte man ins Grübeln verfallen. Immerhin einen Vorteil sieht Peter Wahl, und den sehen auch Michaela Lack und ihr Mann Matthias Stärke: Jetzt haben sie Zeit für ihre Kinder.

Noch ist es nicht amtlich, doch kaum einer rechnet noch damit, dass die Gastronomen in diesem Jahr nochmals öffnen dürfen. Bis vorerst 20. Dezember bleiben Restaurants und Kneipen im Dornröschenschlaf. Mitte Dezember wollen Bund und Länder die Lage bewerten und laut einer Sprecherin des Sozialministeriums dann die nötigen Schlüsse ziehen. Wie es danach weitergeht, hängt von der weiteren Entwicklung der Infektionszahlen im Land ab.

Schon jetzt geht man im Ministerium wegen der hohen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper