Schorndorf

Schorndorfer Grüne legen ihre Zerrissenheit offen

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Die Grünen mal wieder in bester Feierlaune: Ganz links Andrea Sieber, hinten am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, Andreas Schneider. Und dazwischen (stehend) Kreisvorstandsmitglied Rolf Schmidt, der den Schorndorfer Grünen dringend zu einem Neuanfang auch im Ortsverband riet. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf. Ganz zum Schluss und nach mehrfacher Aufforderung hat sie sich dann doch noch entschuldigt: „Es tut mir wirklich leid“, sagte – mit Blick auf ihre kurze Affäre mit der CDU-Fraktion – Andrea Sieber erst an die Adresse ihrer ehemaligen Fraktion und dann auch an die des Grünen-Ortsverbandes, dem sie weiterhin angehören will. Zuvor hatten die Grünen schonungslose Vergangenheitsbewältigung betrieben, bei der –teilweise wortwörtlich – kein Auge trocken geblieben war.

OV-Sprecher Andreas Schneider leitete die Sitzung des Ortsverbandes, zu der auch alle Kandidatinnen und Kandidaten von Bündnis 90/Die Grünen eingeladen waren, betont emotionslos ein, indem er von einem „ungewöhnlichen Anlass“, wie er in der Politik nun mal vorkomme, sprach und davon, dass man über all das, was passiert sei, „halt mal schwädsa“ müsse. Wobei im „Platzhirsch“ erst einmal geklärt werden musste, ob die sich mittlerweile zur Einzelstadträtin gewandelte Andrea Sieber nach Verlesen ihres in unserer Donnerstagausgabe abgedruckten Statements den Raum sofort verlassen sollte oder auch noch der anschließenden Diskussion sollte beiwohnen dürfen. Das Ganze noch erweitert um den Hinweis von Friederike Köstlin, dass ja noch jemand – gemeint war Werner Neher – anwesend sei, der sich auch von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen abgespalten habe und einen eigenen Weg gegangen sei, weshalb für ihn eigentlich das Gleiche gelten müsste wie für Andrea Sieber. Festgelegt wurde schließlich, dass im Beisein von Andrea Sieber und Werner Neher bis gegen 20 Uhr diskutiert werden sollte (was nach dem Vorgeplänkel und dem Verlesen ihrer Stellungnahme noch eine halbe Stunde gewesen wäre), tatsächlich hat sich die Aussprache dann aber bis gegen 20.45 Uhr hingezogen.

Parteiausschlussverfahren steht nicht mehr zur Debatte

Auch wenn sie sich von der CDU wieder losgesagt habe, erwarteten die Wähler doch, dass sie mit ihrem Mandat im Gemeinderat uneingeschränkt grüne Politik vertrete, sagte Rolf Schmidt als Vertreter des Kreisverbandes, der nach wie vor der Meinung ist, dass es konsequent wäre, wenn Andrea Sieber ihr Mandat zurückgeben und für eine Nachrückerin Platz machen würde. „Du würdest damit dir, deiner Familie und uns einen großen Gefallen tun“, meinte Schmidt. Ein Parteiausschlussverfahren aber, so der Schatzmeister des Kreisverbandes, stehe nicht mehr zur Debatte, weil sich die rechtliche Situation durch Andrea Siebers Entscheidung, als Einzelstadträtin zu agieren, geändert habe. Was aber nichts daran änderte, dass einzelne Mitglieder ihr Verhalten als „klare Beschädigung des demokratischen Prinzips“ kritisierten und ihr vorwarfen, persönliche Interessen und Befindlichkeiten über das Wohl der Fraktion und der Partei gestellt zu haben. Demgegenüber versicherte die als Stimmenkönigin ihrer seitherigen Liste in den Gemeinderat gewählte Andrea Sieber, die ihr zugefallenen rund 7000 Stimmen seien bei ihr „gut aufgehoben“ und sie stehe nach wie vor zu den Werten grüner Politik. „Ich habe meine Partei zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt“, sagte sie unter beifälligem Klopfer einiger weniger und sie betonte, den Tränen nahe, die Grünen seien auch weiterhin ihre „politische Heimat“.

„Wenn man so empfindlich ist, sollte man nicht in die Politik gehen“

„Hast du eigentlich eine Sekunde an deine Wähler gedacht?“, wollte Mitkandidatin Sigrid Reinecker von Andrea Sieber wissen und meinte: „Zur CDU gehen zu wollen, das war der Gipfel.“ Dass die Stadträtin ihren spontanen Entschluss, ihre Fraktion nach der ersten Fraktionssitzung zu verlassen, damit begründete, dass irgendwann der Punkt erreicht gewesen sei, an dem sie einfach „zugemacht“ und erkannt habe, dass sie sich den Ärger der vergangenen Jahre nicht ein weiteres Mal antun wolle, ließ das langjährige Parteimitglied Wolfgang Schwarz nicht gelten: „Wenn man so empfindlich ist, sollte man nicht in die Politik gehen.“ Zumal, so ein weiterer Einwand aus der Runde, Andrea Sieber in der Wahl ihrer Mittel in der Vergangenheit auch wenig zimperlich gewesen sei, wenn es um die Erreichung ihrer persönlichen Ziele gegangen sei. Auch der Versuch Andrea Siebers, ihre Irrungen und Wirrungen nach dem Verlassen der Fraktion damit zu begründen, dass sie „immer noch in der Orientierungsphase“ sei, stieß auf wenig Verständnis. „Wenn ich noch dabei bin, mich zu orientieren, treffe ich keine solchen Bauchentscheidungen“, kritisierte Christel Brodersen.

Schneider und Sieber können sich keine Zusammenarbeit mehr vorstellen

Im Folgenden ging es - mit teilweise bis ins kleinste Detail und bis zur Schilderung einzelner Wortwechsel reichender Vorhaltungen – um die atmosphärischen Störungen, die die Schorndorfer Grünen sowohl in der Fraktion als auch im Ortsverband seit Jahren begleiten – und auch durch verschiedene Mediationen nicht ausgeräumt werden konnten. Und waren es aus Sicht von Andreas Schneider früher Werner Neher und Wilhelm Pesch, die ihm zugesetzt haben – bis hin zur Androhung eines Fraktionsausschlusses –, so ist jetzt auch das Verhältnis zwischen Andreas Schneider und Andrea Sieber so zerrüttet, dass sich beide eine Zusammenarbeit nicht mehr vorstellen können. Was wohl nicht nur an Andrea Sieber und daran liegt, dass sie nach der Wahl nicht ungestreift zum Fraktionsvorsitz und zum Aufsichtsratssitz bei den Stadtwerken durchgewunken wurde. „Die Vorwürfe von Andrea gegen dich sind teilweise schon nachvollziehbar, aber man kann trotzdem nicht gleich gehen“, musste sich Schneider von seiner neuen Fraktionskollegin Friederike Köstlin sagen lassen – ohne dass die deshalb das Verhalten von Andrea Sieber gutheißen wollte.

„Das weise ich zurück, dass ich gekeift habe“

Und Margid Eisele, die als Nichtmitglied für Bündnis 90/Die Grünen für den Gemeinderat kandidiert hat, warf Schneider eine absolut unprofessionelle Wahlkampforganisation vor und eine nicht weniger kritikwürdige Diskussionskultur vor, der es an jeglicher Wertschätzung und Bereitschaft, sich abweichende Meinungen anzuhören, mangele. „Es ist nicht Andrea, die nicht kooperativ ist. Sie war es, die das Team im Wahlkampf geführt hat“, betonte Margid Eisele, nachdem Andreas Schneider zuvor einerseits darauf hingewiesen hatte, dass die „tolle Liste“ ohne sein Engagement und das von Andrea Sieber niemals zustande gekommen wäre, andererseits aber auch von schweren Zerwürfnissen schon während der Listenaufstellung berichtet hatte. Unterstützt von seiner Mutter, die – mit Blick hinüber zu Sieber-Sympathisantin Bärbel Roenick-Stegmüller und zur Landtagsabgeordneten Petra Häffner, von „keifenden Frauen“ gesprochen hatte, was sich die Erstgenannte nicht gefallen ließ: „Das weise ich zurück, dass ich gekeift habe.“ Kein Wunder, dass der seitherige Grünen- und künftige GLS-Stadtrat Werner Neher entspannt feststellen konnte: „Wer das heute hier erlebt, versteht, warum wir eine eigene Liste gemacht haben.“

Boguschs Rat an die Fraktion: Klare Distanzierung von Andrea Sieber

Dass es mit Nehers Liste im Gemeinderat keine Zusammenarbeit, geschweige denn einen Zusammenschluss geben soll, machten sowohl Rolf Schmidt vom Kreisvorstand als auch Andreas Schneider für die neue Fraktion deutlich. Letzterer auch mit Blick auf Siebers Vorwurf, dass das zentrale Wahlkampfversprechen, keine Kooperation mit der GLS anzustreben, schon kurz nach der Wahl unterlaufen worden sei. Er habe, so Schneider, von Werner Neher „gelernt, wie man mit inneren Aggressionen umgeht“, weshalb es gegen seine Ehre wäre, noch einmal mit Neher in einer Fraktion zu sitzen. „Aber schwädsa dua i mit jedem“, sagte der alte und neue Stadtrat von Bündnis 90/Die Grünen – was natürlich auch für Andrea Sieber – zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anwesend – gelte. Allerdings gehen die Meinungen, wie sich die von ihr verlassene Gemeinderatsfraktion ihr gegenüber positionieren soll, durchaus auseinander. Während der designierte Fraktionsvorsitzende Ulrich Kost „gute Chancen“ sieht, „wieder auf einen grünen Zweig zu kommen und auf der Sachebene gemeinsam mit Andrea grüne Politik zu machen“, und auch Bärbel Roenick-Stegmüller der Meinung ist, dass es nicht sein könne, dass Andrea Sieber jetzt geschnitten und ihr eine konstruktive Zusammenarbeit verweigert werde, sind Rolf Schmidt und Wolfgang Bogusch anderer Ansicht. Er empfehle der Fraktion, sich zunächst einmal klar von Sieber zu distanzieren und das auch entsprechend zu kommunizieren, sagte Bogusch, die die Fraktion gemeinsam mit Schmidt nach dem von Andrea Sieber erzwungenen Führungswechsel von Neher zu Sieber und den damit verbundenen Querelen eine Zeit lang begleitet hat und sie eigentlich auf einem guten Weg wähnte.

Roenick-Stegmüller: Sieber hat "einen sehr schweren Weg gewählt"

Andreas Schneider schloss für sich aus, dass Andrea Sieber in absehbarer Zeit wieder in die Fraktion aufgenommen wird, weil erstens zuviel Vertrauen verloren gegangen und weil bei Andrea Sieber zu erwarten sei, dass sie sofort wieder Ämter anstreben würde. „Man muss ihr die Gelegenheit geben, zu beweisen, dass sie weiterhin für grüne Politik steht“, setzte sich Bärbel Roenick-Stegmüller für Andrea Sieber ein und attestierte ihr, dass sie jetzt, nachdem sie den Fehler mit der CDU Gott sei Dank korrigiert habe, für sich persönlich „einen sehr schweren Weg gewählt“ habe. Demgegenüber ist Rolf Schmidt („Wir wissen bei ihr nicht, was morgen ist“) der Ansicht, Andrea Sieber müsse jetzt erst einmal „durch klare Handlungen zeigen, wofür sie steht“.