Schorndorf

Schorndorfer Konzert-Veranstalter sieht sich im Recht

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Musiker R. Kelly am 6. März 2019 in Chicago. © Ramona Adolf

Die Popwelt hat R. Kelly wegen Missbrauchsvorwürfen endgültig verstoßen. Nur ein Konzertveranstalter aus Schorndorf hat ihn noch im Programm – und steht nun weltweit in der Kritik.

Am Flughafen in Dubai, sagt er, war es endgültig zu viel. Er sei aus dem Flieger gestiegen, seine Tochter an der Hand, und habe auf einem Fernseher die Nachrichten gesehen, Al-Jazeera oder CNN. Archivbilder von R. Kelly, dazu eine Textbinde mit den Worten: „Der einzige Promoter weltweit, der noch mit Kelly zusammenarbeitet“ – und dann sein Name. Thomas Bernard. Da, sagt Bernard, habe sein Herz „kurz mal ausgesetzt“.

Er hat einen doppelten Espresso bestellt und schaut sich nervös um. Der Marktplatz von Schorndorf ist an diesem Montag fast leer. Bernard zippelt an einem Stück Haut, das an seinem rechten Daumen hängt. Alle zehn Fingernägel sind runtergekaut. Die letzten vier Wochen, sagt Bernard, „waren der Horror meines Lebens“.

„Egal was du sagst, es ist falsch.“

Es ist ein seltsamer, unwahrscheinlicher Vorgang, der diesen Mann, 36 Jahre alt, mit Bomberjacke und umgedrehter Cap auf dem Kopf, zu einer Art weltweitem Medienphantom gemacht hat. „Der letzte Unterstützer des Pädophilen“, sagt Bernard mit bitterem Lächeln, so explizit habe das zwar kein Nachrichtensender formuliert. Aber so fühle es sich an.

Dabei habe er mit niemandem geredet, mache ja keinen Sinn: „Egal was du sagst, es ist falsch.“ Fox News, die New York Times, die BBC, der Rolling Stone, das Klatschportal TMZ – alle hätten ihn bombardiert mit Fragen. Sogar eine Zeitung aus Ghana berichtete über ihn. Ganz zu schweigen von den deutschen Fernsehteams und noch viel mehr zu schweigen von den Hunderten Botschaften wütender Privatleute.

Bernard sieht sich als Opfer

Seit Wochen hat Bernard deshalb keine Mails von Fremden mehr beantwortet, keine Anrufe von unbekannten Nummern angenommen. Erst nach viel Überzeugungsarbeit hat er sich zu diesem Treffen bereit erklärt. Er will seine Sicht der Dinge jetzt doch auch mal darlegen.

Der unwahrscheinliche Vorgang, der den Konzertveranstalter Thomas Bernard derzeit zur Zielscheibe von Hass, Spekulationen und weltweiter Berichterstattung macht, hat mit sexuellem Missbrauch, Rassismus und Popmusik zu tun. Er zeigt, dass die Welt seit der „Me Too“-Bewegung ein wenig anders tickt als zuvor. Dass sich gewisse Dinge geändert haben, gewisse Strukturen zerbrochen sind. Bernard ist ein Opfer dieser Veränderung, so sieht er das. Er sei absolut selbst schuld, so sehen es andere.

Veranstalter kennt die vorwürfe, aber: Kelly ist nie verurteilt worden

Alles fängt damit an, dass Bernard, der seit elf Jahren Hip-Hop-Partys und -Konzerte im Raum Stuttgart organisiert, einen Tipp bekommt: R. Kelly gehe bald auf Welttournee. Der amerikanische Superstar, mit 60 Millionen verkauften Alben einer der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten, komme nach Spanien, Belgien, Großbritannien, Australien. Er spiele zwei Konzerte pro Land. Deutschland steht bislang nicht auf der Liste. Sofort schickt Bernard eine Anfrage raus. Es ist Mitte Dezember.

Zu diesem Zeitpunkt brodelt um Kelly in den USA bereits seit anderthalb Jahren eine Boykottbewegung. Es geht um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, der seit mehr als 20 Jahren gegen Kelly im Raum steht. Jetzt sind die Vorwürfe wieder aktuell, seit Buzzfeed in einer großen Geschichte berichtet hat, Kelly halte Frauen gegen ihren Willen in einer Art Sekte fest. Seither melden sich alle paar Monate ehemalige Opfer zu Wort. Unter dem Schlagwort „Mute R. Kelly“ fordern Hunderttausende Frauen, Kelly „stummzuschalten“, seine Konzerte zu boykottieren.

Der Veranstalter Bernard weiß davon. Aber, sagt er: Kelly sei ja nie rechtskräftig verurteilt worden. Das stimmt. Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Kinderpornografie bringen Kelly zwar immer wieder vor Gericht: 1996, 2001, 2002, 2008. Fast immer aber wird die Anklage außergerichtlich beigelegt, mit Geldzahlungen. Einmal wird ein Urteil nachträglich wegen einer unzulässigen Hausdurchsuchung wieder kassiert. Auf dem Papier ist Kelly bis heute ein unschuldiger Mann.

Allein 2500 Tickets für den ersten Deutschland-Termin verkauft

Als Thomas Bernard die Bestätigung von Kellys Agentur bekommt, unterschreibt er den Vertrag sofort – was er heute für einen großen Fehler hält. Aber er will das Weihnachtsgeschäft mitnehmen. Also stellt er die Tourdaten ins Netz: ein Konzert in Ludwigsburg, eins in Hamburg. Der Vorverkauf startet, ein Early-Bird-Ticket kostet 72 Euro. Bernard verkauft allein für den ersten Termin 2500 Stück, Fans aus Holland und Finnland buchen Flüge und Hotel. Bald sucht Bernard eine größere Halle, bucht schließlich den Glaspalast in Sindelfingen. Er ist guter Dinge.

Bis am Freitag, den 4. Januar, eine Art Erdbeben alles erschüttert. Auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender Lifetime ist die sechsteilige Dokuserie „Surviving R. Kelly“ angelaufen. Darin beschreiben Dutzende Frauen in erschütternden Details, wie Kelly sie systematisch unterdrückt und sexuell missbraucht habe, oft schon als Minderjährige.

Die "Me Too"-Bewegung landet im Kreis, Bernard in den weltweiten Schlagzeilen

„Mute R. Kelly“ verwandelt sich in eine Massenbewegung: Es gibt Demonstrationen, alle Konzerte werden abgesagt, in den USA, in Europa. Künstler wie Lady Gaga und John Legend entschuldigen sich öffentlich für Jahre zurückliegende Zusammenarbeit mit Kelly. Sogar die Plattenfirma Sony, die ihn jahrzehntelang gehalten hat, lässt ihn fallen. Der Superstar ist öffentlich demontiert, sein Name ist jetzt radioaktiv. Nur zwei Veranstaltungen stehen weiterhin auf R. Kellys offizieller Facebookseite: 12. April, Sindelfingen, Germany. Und 14. April, Hamburg, Germany. Veranstalter: die Firma Bernard Events aus Schorndorf.

So landet die große „Me Too“-Bewegung im beschaulichen Rems-Murr-Kreis. Und der Konzertveranstalter Thomas Bernard in den weltweiten Schlagzeilen. Als letzter Unterstützer eines Geächteten. Geht’s noch, ist der Ton der Berichte: Endlich kommt alles auf den Tisch, R. Kelly wird doch noch zur Verantwortung gezogen, nur in Deutschland werden mit seinem Namen noch Hallen ausverkauft? Wie gierig muss man eigentlich sein?

„Wir hatten halt Pech“, so erklärt es Bernard. „Wir waren zwei Wochen zu früh.“ Hätte er den Vertrag im Dezember nicht sofort unterschrieben, hätte er noch einen Rückzieher machen können wie die anderen Veranstalter. So aber habe Kellys Management darauf beharrt, wenigstens die geplanten Deutschlandkonzerte noch durchzuführen – andernfalls drohe eine Vertragsstrafe. Ein Viertel der Gage, sagt Bernard. Und dass ihn das ruinieren würde.

Salwa Houmsi: „Er hat genau gewusst, worauf er sich da einlässt“

Eine junge Frau, die das für eine faule Ausrede hält, setzt sich jetzt in Berlin-Kreuzberg an einen Cafétisch. Salwa Houmsi muss gleich noch zwei Interviews geben, vorher will sie noch kurz etwas klarstellen: „Er hat genau gewusst, worauf er sich da einlässt“, sagt sie. Houmsi ist Musikjournalistin und Moderatorin, sie hat in der deutschen Hip-Hop-Szene eine gewisse Prominenz. Sie spricht schnell und überlegt. Was im vergangenen Monat alles passiert ist, fühlt sich auch für sie surreal an.

Ein paar Tage nachdem Houmsi die Doku über R. Kelly gesehen hat, findet sie zufällig die Ankündigung im Netz, dass er nach Deutschland kommen soll. „Ich dachte, das gibt’s doch nicht“, sagt sie. Und dass sie gespürt habe, dass sie jetzt etwas tun müsse: Endlich sei da mal was, „das in meinen Einflussbereich fällt“.

Gemeinsam mit ein paar Freundinnen, ebenfalls gut vernetzt, startet sie eine Onlinepetition. Befreundete Musiker wie Samy Deluxe und Kraftklub unterstützen sie. Drei Tage nachdem Kelly von seinem Label gefeuert wird, ist „R. Kelly stummschalten“ geboren.

Bernard startet einen Gegenangriff auf Facebook

Der Protest kommt jetzt also auch aus Deutschland. Die Stadt Sindelfingen sagt daraufhin das Konzert ab. Bernard sucht fieberhaft nach einer neuen Halle. Und er startet den Versuch eines Gegenangriffs: In einem Post auf Facebook weist er auf eine Playlist hin, die Salwa Houmsi auf Spotify kuratiert. Darin tauchen, wie Bernard mit Genugtuung aufzeigt, mehrere Songs von verurteilten Künstlern auf, sogar einer von R. Kelly. Man müsse, schreibt Bernard, nun mal Künstler und Privatperson voneinander trennen.

Die Musikindustrie schien bislang seltsam immun gegen „Me Too“ zu sein. Während die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein oder Kevin Spacey den quasi sofortigen Ausstoß aus der Branche zur Folge hatten, haben sich die großen Plattenfirmen bisher meist gesträubt, sich von mutmaßlichen oder tatsächlichen Gewalttätern zu distanzieren. Die extrem erfolgreichen amerikanischen Rapper XXXTentacion und Tekashi 6ix9ine etwa haben noch Monate nach dem Weinstein-Fall jeweils millionenschwere Deals abgeschlossen – obwohl der eine zu diesem Zeitpunkt wegen schwerer Körperverletzung einer schwangeren Frau vor Gericht stand, der andere wegen sexuellen Handlungen an einer 13-Jährigen verurteilt war. Letzterer hätte im Januar ein Konzert in Ludwigsburg spielen sollen – das aber ausfiel, weil er zu dem Zeitpunkt schon im Gefängnis saß. Veranstalter war auch hier: Bernard Events.

Warum die Musikbranche, im Gegensatz zu Hollywood, so nachsichtig mit Sexstraftätern aus den eigenen Reihen ist, dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die eine ist der brutale wirtschaftliche Druck, der seit der Jahrtausendwende auf der schrumpfenden Branche lastet. Um einen populären Künstler der Konkurrenz wegzuschnappen, drücken die Labels gerne mal zwei Augen zu. Die andere Erklärung ist die über Jahrzehnte etablierte Kombination von Rock ’n’ Roll mit sexueller Zügellosigkeit. Teenager-Groupies gelten noch immer als Verschleißmasse. Umso mehr, wenn sie dunkle Haut haben.

90 E-Mails in nur einer Nacht

Am 14. Februar wird bekannt, dass der prominente Anwalt Michael Avenatti der Staatsanwaltschaft von Chicago ein neues Videoband übergeben hat, auf dem Kelly angeblich eine 14-Jährige sexuell missbraucht. In einer Nacht bekommt Bernard 90 Mails.

Er hat den ersten Termin mittlerweile nach Ulm verlegt. Die dortige Ratiopharm-Arena kennt den Protest – und hat sich hinter Kelly und Bernard gestellt. In einem Facebook-Post, der inzwischen gelöscht wurde, fordert die Arena vollmundig jeden, „der die Unschuldsvermutung für obsolet hält“, zu „Umsicht“ auf. Der Hallenbetreiber sehe sich jedenfalls nicht als „Instanz der sozialen Ächtung“. Die Petition von Salwa Houmsi gewinnt dadurch erst richtig an Fahrt. Sie hat mittlerweile knapp 100 000 Unterschriften, viele Zeitungen und das ZDF berichten.

Thomas Bernard hat längst aufgegeben, sich zu erklären. Er fährt Anfang Februar in Urlaub. In Dubai sieht er sich selbst in den Nachrichten und bekommt Herzrasen. „Ich weiß ja, dass das alle provoziert“, sagt er. Aber er müsse abwarten, bis Kelly absagt. Sonst könne er nichts tun.

R. Kelly kommt in U-Haft

Ende Februar wird R. Kelly in Untersuchungshaft genommen, sein Reisepass eingezogen. Erst drei Tage später hat er die 100 000 Dollar zusammen, die er braucht, um die Zeit bis zum Gerichtstermin in Freiheit verbringen zu können. Nach seiner Entlassung geht er, umringt von Paparazzi, zu McDonald’s. Seine finanzielle Not ist offensichtlich. Den Aktivistinnen zufolge sind ihm allein durch die abgesagten US-Konzerte etwa 1,7 Millionen Dollar entgangen. Geld, mit dem er seine Klägerinnen wieder außergerichtlich hätte zum Schweigen bringen können. 

Am 26. Februar verkündet die Ratiopharm-Arena in Ulm, sie habe den Veranstaltungsvertrag gekündigt, aufgrund „neuer und objektiver Fakten“. Das Konzert in Hamburg steht offiziell weiterhin. Man könne den Vertrag nicht einseitig kündigen, erklärt das Bezirksamt Nord. Aber es sei ja „offenkundig“, dass R. Kelly ohnehin nicht ausreisen könne. Es klingt zerknirscht, aber auch erleichtert.

Houmsi: Fatales Zeichen für Opfer sexueller Gewalt

Salwa Houmsi sagt, sie sei ernüchtert. Klar, die 240 000 Unterschriften seien super. „Aber die Konzerte wurden nicht wegen der vielen missbrauchten Frauen abgesagt, sondern nur weil der Typ keinen Pass hat.“ Als Signal an die Opfer von sexueller Gewalt sei das fatal: berühmte Musiker dürften im Zweifel trotzdem erst mal noch auftreten.

Thomas Bernard sagt, er zähle die Tage bis zum 22. März. Dann muss Kelly vor Gericht erscheinen. Wenn der Richter ihn dann nicht freilässt, wird Kellys Management den Vertrag mit Bernard hoffentlich auflösen. Dann bekommen die Ticketkäufer ihr Geld zurück, der Sturm wird sich legen. Und Bernard kann weiter arbeiten.

Der ganze Wirbel hat seinem Ruf nämlich nicht nur geschadet. Im Gegenteil: Vor ein paar Tagen hat ihm der Manager eines sehr bekannten US-Rappers geschrieben. Bernard liest die Mail auf seinem Handy vor: „Thomas, ich hab von dir gelesen. Du hast wirklich Eier bewiesen.“ Loyale Typen, schreibt der Manager, schätze man sehr. Ob er nicht Lust hätte, die nächste Deutschlandtour zu organisieren?