Schorndorf

Schorndorfer OB Matthias Klopfer möchte lieber in Schulsozialarbeit als in Luftfilter investieren

Matthias Klopfer
Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer. © Büttner

Wie an den Schulen trotz drohender Delta-Variante im Herbst und Winter Präsenzunterricht stattfinden kann und die Kinder nicht wieder bei offenen Fenstern im Unterricht bibbern oder womöglich zu Hause im Fernunterricht sitzen müssen – in die Debatte um diese Fragen ist endlich Bewegung gekommen. Und sie ist da angelangt, wo sie auch hingehört: Am Donnerstag hat sich – nach dem Auftakt im Technischen Ausschuss – auch der Verwaltungs- und Sozialausschuss mit dem Thema Luftfilter für Schulen und Kindergärten beschäftigt. Für 22. Juli ist die entscheidende Sitzung im Gemeinderat terminiert, auch wenn Bürgermeister Thorsten Englert bis dahin nicht mit verbindlichen Vorgaben des Landes rechnet. Doch nachdem in der Ausschusssitzung auch der Gesamtelternbeirat zu Wort kommen konnte, ist eines noch mal deutlich geworden: Anstatt die Verantwortung ans Land abzuschieben, mobile Luftfilter alternativlos als ungeeignet abzulehnen, ist die Stadtverwaltung gut beraten, kreative Vorschläge und einen Fahrplan für die kommenden Monate zu entwickeln. Das erwarten Eltern – aber auch die Stadträte.

Eltern fordern, dass sich die Stadtverwaltung Gedanken macht

Für den Gesamtelternbeirat ordnete Susanne Krämer in der Sitzung die Lage an den Schulen noch einmal ein. Sie sieht die Schülerinnen und Schüler in der Pandemie klar im Nachteil – und zog in ihrer Stellungnahme einen direkten Vergleich: Könne die Ausschusssitzung mit ihren gut 30 Teilnehmern in die Künkelinhalle ausweichen, weil selbst der große Sitzungssaal im Rathaus mit geschätzten 250 Quadratmetern und einem Luftvolumen von 1000 Kubikmetern in Pandemiezeiten zu klein ist, blieben Schülerinnen und Schülern in Klassenzimmern mit einer Durchschnittsgröße von 60 Quadratmetern und einem Luftvolumen von 162 Kubikmetern sitzen.

Dabei habe das Bundesumweltamt bereits im Jahr 2017 eine Anforderung an Lüftungskonzeptionen in Gebäuden herausgegeben, aus der hervorgeht, dass das Lüften alleine über die Fenster in Schulen nicht ausreicht, um die gesundheitlich-hygienischen Vorgaben der Innenraumluftgüte zu erreichen. Die klare Empfehlung lautete also schon vor Corona: Alle Schulen sollten mit stationären Lüftungsanlagen ausgestattet werden. Daraus wird –– bis zum neuen Schuljahr und auch mittelfristig nichts werden. Und auch die Eltern können mit einer „Superlösung“ nicht dienen. Aber sie haben die Erwartung, dass sich die Stadtverwaltung Gedanken macht: „Wir sind Eltern, die das letzte Jahr mit einem immensen Kraftaufwand bewältigt haben“, erinnerte Krämer und sieht im Unterricht bei geöffneten Fenstern im Herbst und Winter keine Option. Nicht ohne Polemik fragte sie darum auch nach Gleichberechtigung: „Machen wir einen wöchentlichen Tausch mit dem Burg-Gymnasium, welches als einziges eine Lüftungsanlage hat? Jede Klasse darf mal eine Woche im Herbst in einem belüfteten, warmen Zimmer sitzen? Oder geben Sie uns Ihren Sitzungssaal für die Kinder im Wechsel? Oder die Künkelinhalle?“ Wie, fragte Krämer, könne die Stadt außerdem gewährleisten, dass bei Schulschließungen alle Kinder eine funktionierende Internetverbindung haben, um die Kamera anmachen zu können, damit sie von ihrem Lehrer und den Mitschülern gesehen werden können. Um den Unterricht zu streamen, erinnerte die Elternvertreterin, brauche es eine starke Leitung von mindestens 500 MBIT – „das MPG hat im Moment nur 200.“

Das Land drückt sich – und löst 1100 Grundsatzdiskussionen aus

Für Oberbürgermeister Matthias Klopfer ist es politisch so gekommen, wie er es befürchtet hat: Das Land stellt zwar ein Förderprogramm für mobile Lüftungsanlagen in Aussicht, hat sich letztendlich aber vor einer Entscheidung gedrückt – „was gleichzeitig zu 1100 Grundsatzdiskussionen in 1100 Kommunen geführt“. So auch in Schorndorf: Nachdem im Technischen Ausschuss schon der Ruf nach pragmatischen Lösungen laut wurde, legten die Mitglieder des Verwaltungs- und Sozialausschusses jetzt nach.

Dass die Diskussion um geöffnete Schulen auf Luftfilter zugespitzt hat, das findet CDU-Rat Thorsten Leiter falsch: Für ihn wird damit der Eindruck erweckt, mit der Anschaffung der Geräte sei das Problem gelöst – „und wir wiegen uns in falscher Sicherheit“. Tatsächlich brauche es aber viele verschiedene Maßnahmen in der Corona-Pandemie – wie Masken, Plexiglasscheiben, PCR-Pooltests, CO2-Ampel. Als Vater von zwei Grundschulkindern versteht er die Sorgen und die Erwartung der Eltern nach Verlässlichkeit, sieht aber zunächst auch das Land in der Pflicht: „Wenn das Land die Anschaffung zahlt, können Luftfilter ergänzend eingesetzt werden.“

FDP/FW-Rat Jochen Schäfer, dessen Fraktion die Diskussion mit einem Prüfantrag in die Gremien gebracht hatte, plädierte dafür für mobile Luftfilter – nachdem „das Bundesumweltamt erst jetzt festgestellt hat, dass sie helfen“. Und die müssen aus seiner Sicht auch keine 6000 Euro das Stück kosten. Das freilich sieht Klaus Konz, Fachbereichsleiter Gebäudemanagement, anders: Zunächst sei zu beobachten, dass die aktuelle Diskussion den Markt schon beflügelt hat. Und Konz weiß: Kleine Geräte für um die 700 Euro schaffen den erforderlichen sechsfachen Luftaustausch in Räumen nicht – und sind mit 70 Dezibel lauter als ein normales Gespräch (mit 60 Dezibel). Letztendlich will Konz aber nicht übers Geld diskutieren, sondern über Sinn und Unsinn dieser mobilen Geräte – und die hält er für ungeeignet, um einen Präsenzunterricht im Herbst und Winter zu garantieren. Mobile Lüftungsanlagen, dabei bleibt auch die Verwaltungsspitze, eignen sich nur im Ausnahmefall, und zwar für Klassenzimmer, die nicht belüftet werden können – und davon gebe es in Schorndorf so gut wie keine. Dazu kommen Kosten von 1,7 Millionen Euro, eine teure Wartung und ein Zeitproblem bei der Beschaffung, die bis zu 30 Wochen dauern kann.

Tim Schopf, Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion, hält eine Diskussion auf kommunaler Ebene dennoch für wichtig: „Das haben Eltern und Kinder verdient, die in der Corona-Zeit sehr gelitten haben“. Und er plädierte auch für einen Schorndorfer Weg – „wir können nicht auf Land und Bund warten“. Dabei ist für ihn wichtig, auch die Schulsozialarbeit im Blick zu behalten. Eine Überlegung ist sicher auch die Anregung der CDU-Rätin Julia Schilling wert: Schulklassen könnten auch in die Sporthallen ausweichen, die bei hohen Inzidenzen ja sowieso geschlossen sind.

Schulsozialarbeit, um die Lockdown-Folgen aufzufangen

Was Schorndorf als Kommune für Kinder und Eltern leisten kann, auf diese Frage wünscht sich auch Einzelstadträtin Andrea Sieber eine Antwort. Dabei können auch CO2-Ampeln für sie nur ein Baustein unter vielen sein: In der Grundschule ihrer Tochter springe die Ampel beispielsweise alle 15 Minuten auf Rot – Luftfilter könnten die Intervalle strecken und für einen ruhigeren Unterricht sorgen. Und sie räumte auch ein, dass der Gemeinderat Fehler gemacht habe: „Wir hätten viel früher auf Lösungen von der Verwaltung drängen müssen.“

Die Kinder „haben nicht gelitten, sie leiden immer noch“, das stellte Silke Olbrich, SPD-Rätin und Grundschullehrerin, fest. Und hier könnte der personelle Ausbau der Schulsozialarbeit vielleicht Abhilfe schaffen – um die Folgen der Schulschließungen aufzufangen, die vor allem in den Grundschulen besonders deutlich zu spüren sind. Oberbürgermeister Matthias Klopfer jedenfalls war am Ende der Debatte froh, „dass wir an den Punkt kommen, ob wir in Technik oder in Menschen investieren“ – und mit fast zwei Millionen Euro, die eine Investition in mobile Luftfilter koste, lasse sich da viel erreichen. Vielleicht auch, wie Simona Lindacher vom Elternbeirat der Grundschulen vorschlug, in Kooperation mit dem Deutschen Kinderschutzbund. Ein fertiges Konzept kann auch Klopfer nicht aus dem Ärmel schütteln, er versprach aber, dass es in den Sommerferien erarbeitet wird.

Wie an den Schulen trotz drohender Delta-Variante im Herbst und Winter Präsenzunterricht stattfinden kann und die Kinder nicht wieder bei offenen Fenstern im Unterricht bibbern oder womöglich zu Hause im Fernunterricht sitzen müssen – in die Debatte um diese Fragen ist endlich Bewegung gekommen. Und sie ist da angelangt, wo sie auch hingehört: Am Donnerstag hat sich – nach dem Auftakt im Technischen Ausschuss – auch der Verwaltungs- und Sozialausschuss mit dem Thema Luftfilter für Schulen

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