Schorndorf

Schorndorfer Psychotherapeutin Bärbel Roenick-Stegmüller gibt Tipps gegen die Corona-Müdigkeit

Psychologin
Aktiv werden und achtsam sein, empfiehlt Bärbel Roenick-Stegmüller. © ALEXANDRA PALMIZI

Auch wenn die meisten Menschen für den Lockdown und die damit verbundenen Einschränkungen Verständnis haben: Nach mehreren Monaten zu Hause ist die Luft raus. Wir leiden ohne die Treffen mit Freunden und der Familie, ohne Restaurant- und Kneipenbesuche, ohne Sport im Verein oder Singen im Chor. Dazu kommen für viele Familien wirtschaftliche Sorgen und die belastende Enge in kleinen Wohnungen. Kein Wunder, dass die Schorndorfer Psychiaterin und Psychotherapeutin Bärbel Roenick-Stegmüller in ihrer Praxis immer mehr depressive Menschen erlebt. Wie schaffen wir es, trotz der Corona-Müdigkeit durchzuhalten? Was hilft uns jetzt weiter?

Die zweite Zwangspause scheint kein Ende zu nehmen

Es zieht und zieht sich. Anders als der erste Lockdown vor einem Jahr, den viele noch als eine Art willkommene Auszeit empfunden haben, scheint die zweite Zwangspause kein Ende zu nehmen. „Wir müssen durchhalten“, konstatiert Bärbel Roenick-Stegmüller. „Aber wie lange noch, ist nicht abzusehen.“ Vielen von uns macht das schwer zu schaffen – wo wir doch so gern die Zukunft planen wollen. Normalerweise schätzten die Menschen ab, wie weit die Strecke noch ist, die vor ihnen liegt, wie lange sie noch durchhalten müssten, erklärt die Psychotherapeutin. Jetzt sind wir der Krise ausgeliefert, wir wissen nicht, was noch kommt. Darauf reagieren die Menschen verschieden. „Wenn wir hilflos sind, werden wir depressiv oder aggressiv“, sagt Bärbel Roenick-Stegmüller. Gereizt reagieren vor allem Männer auf die Hilflosigkeit. Ganz schlimm sei die Situation aber für die Jugendlichen, die eigentlich im Aufbruch seien und ihr Leben gestalten wollen. „Und dann kommt eine Macht und sagt ,Nein’.“ Ohnmacht, das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, könnten Menschen schwer ertragen. „Nichts machen zu können, ist man nicht gewöhnt“, so die Psychotherapeutin. Wo wir doch vor der Pandemie immer in Action waren und ständig Reize auf uns einstürmten. Und nun? „Jetzt ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist schwer.“

Einkaufen wird zum Höhepunkt des Tages

Hart ist die Zeit für junge wie für alte Menschen. Die Kontakte brechen weg, Einkaufen im Supermarkt ist der Höhepunkt des Tages. Durch die soziale Isolation würden viele depressiv und vereinsamten. Dazu kommen die realen Ängste: „Wer versorgt mich, wenn ich krank werde?“ Zudem erscheinen uns nicht alle Coronavorgaben super logisch. Akzeptieren müssen wir sie trotzdem, raus aus der Geschichte kommen wir gerade alle nicht. Manchmal macht das wütend. „Wenn die Leute so lange still halten und trotzdem nicht belohnt werden, kann sich die Wut auch auf andere richten.“ Wut, Ärger und Hilflosigkeit seien eine bedrohliche Masse. Wie gehen wir mit ihr um? Was können wir tun, damit sie erträglicher wird?

  • „Was uns hilft, ist die Konzentration auf das Kleine“, erklärt Bärbel Roenick-Stegmüller. „Wir sollten weniger klagen, sondern uns auf die Suche nach dem machen, was jetzt noch möglich ist.“ Dazu gehört, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die einem wirklich wichtig sind. Das kann für die einen Lesen sein, für die anderen mit Freunden zu telefonieren oder auch Kochen oder Spazierengehen. Wesentlich sei, sich auf das, was man macht, mit allen Sinnen zu konzentrieren. „Dann habe ich das Gefühl, ich gestalte etwas.“
  • Sich Großes vorzunehmen, das dann doch nicht funktioniert, schafft Frust. Besser sei es, sich kleine Ziele zu setzen und auch darüber nachzudenken, was gut läuft. Kleine Inseln und Glücksmomente sind besonders wichtig, wenn es einem gerade nicht so gut geht. Ein „Glückstagebuch“ am Abend ist eine Möglichkeit, sich solcher Momente bewusst zu werden.
  • Annehmen, was getan werden muss. Und, sagt Bärbel Roenick-Stegmüller, „mit meiner ganzen Aufmerksamkeit freundlich zu mir sein“. Klar dürfe man sich über die Einschränkungen ärgern, aber besser sei es, die Zeit gut zu gestalten. Livekonzerte sind abgesagt - warum aber nicht bewusst Musik hören?
  • Kurzarbeit und wirtschaftliche Ängste, Home-Office und Home-Schooling: Eltern haben es derzeit besonders schwer. „Sie dürfen sich nicht überfordern“, warnt die Psychotherapeutin. Mütter könnten nicht alles auffangen. Besser, als mit den Kindern auch noch das letzte Arbeitsblatt für die Schule zu bearbeiten, sei, eine einigermaßen gute Atmosphäre zu bewahren.
  • Dazu gehört auch, rauszufinden, was einem selbst wichtig ist. „Besser, es ist mal nicht so aufgeräumt, aber man hat kleine Phasen, in denen man sich erholt.“ Ein Mittel, gut durch die Krise zu kommen, sei es, den Alltag bewusst zu gestalten. „Im ersten Lockdown war der Tank noch voll mit Erlebnissen“, weiß die Therapeutin. „Aber jetzt ist er leer.“ Immer deutlicher werde das Gefühl des Defizits. Deshalb: „Was ich selbst beeinflussen kann, sollte ich auch selbst bestimmen.“
  • Die Probleme zu leugnen, sei kein guter Weg. Sich nur auf das Negative zu konzentrieren, aber auch nicht. „Man sollte nicht sagen, es macht nichts. Das wäre Selbstbetrug“, betont Bärbel Roenick-Stegmüller. Aber kleine Freiräume könne jeder für sich suchen und bei negativen Gedanken auch mal „Stopp“ sagen. „Sich gegen Dinge zu wehren, die ich nicht ändern kann, kostet unnötig Kraft.“
  • Viel besser sei es, aktiv zu werden. „Corona ist jetzt so, das kann ich nicht beeinflussen. Aber ich kann etwas tun, was mir guttut.“ Wenn alles geschlossen ist, kann man trotzdem neue Dinge ausprobieren. Menschen können neue Wege gehen, mal wieder ein Puzzle legen oder Spiele machen. So kann die Zwangspause trotz allem eine Chance sein: „Manche Patienten sagen, wir waren in diesem Jahr an Stellen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind.“

Auch wenn die meisten Menschen für den Lockdown und die damit verbundenen Einschränkungen Verständnis haben: Nach mehreren Monaten zu Hause ist die Luft raus. Wir leiden ohne die Treffen mit Freunden und der Familie, ohne Restaurant- und Kneipenbesuche, ohne Sport im Verein oder Singen im Chor. Dazu kommen für viele Familien wirtschaftliche Sorgen und die belastende Enge in kleinen Wohnungen. Kein Wunder, dass die Schorndorfer Psychiaterin und Psychotherapeutin Bärbel Roenick-Stegmüller in

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