Schorndorf

Schorndorfer Tafelladen: Weniger Spenden, aber mehr Bedürftige

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Eine Ukrainerin hat den Zettel, der in ihrer Sprache an der Wand angebracht ist, gelesen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Steigende Energie- und Spritpreise, weniger Spenden und immer mehr Menschen, die versorgt werden müssen: Auch die Tafel in Schorndorf hat wie die meisten Tafeln in Baden-Württemberg mit neuen Herausforderungen zu kämpfen. „Im Moment sind wir dem Ansturm noch gewachsen“, fasst Renate Frank die derzeitige Situation zusammen. Die 77-Jährige leitet gemeinsam mit Helmut Topfstedt seit gut zwölf Jahren den Tafelladen in Schorndorf.

Die Lebensmittelpreise steigen immer weiter und viele bedürftige Menschen in Schorndorf können sich nicht mehr alles leisten, um eine vernünftige Ernährung zu gewährleisten. Seit dem Ukraine-Krieg sind zudem einige Geflüchtete in Schorndorf und Umgebung angekommen, die sich natürlich auch bei der Schorndorfer Tafel mit den wichtigsten Lebensmitteln versorgen können. An diesem Tag herrscht zwischen 13 und 14 Uhr Hochbetrieb: Da zieht sich die Menschenschlange bis an die Straße. Manchmal, fügt Renate Frank an, würden die Menschen – wenn das Wetter gut ist – auch schon zwischen 10 und 11 Uhr am Tafelladen stehen, obwohl dieser erst um 13 Uhr öffnet.

Gravierende Auffälligkeit: Ukrainer kaufen mehr Wurst als Muslime

38 Kunden habe Topfstedt bis zum Nachmittag gezählt. In den vergangenen Tagen seien mehr als 40 Geflüchtete hier gewesen. Jetzt, gegen 16 Uhr, stehen oder sitzen nur noch wenige vor der Tür und halten ihre Nummer in der Hand. „Während der Pandemie haben wir das mit den Nummern eingeführt, dass nur maximal vier Personen in den Laden dürfen. Vor Corona haben wir immer zehn Personen auf einmal in den Laden gelassen“, erklärt der Tafelladenleiter. Man werde die Personenanzahl von vier vermutlich weiter beibehalten: „Wir haben beobachtet, dass es ruhiger abläuft und auch die Menschen gelassener sind“, sagen Renate Frank und ihr Kollege.

Gerade ist es still im Tafelladen. Eine Ukrainerin steht vor einem Hinweiszettel und liest ihn in ihrer Sprache. Kartoffeln hat sie in ihrem Einkaufswagen, Obst benötigt sie noch. Gibt es Auffälligkeiten, seitdem auch die Geflüchteten aus dem Kriegsgebiet zum Einkaufen kommen? „Ja“, sagt Renate Frank. Ihr ist ein gravierender Unterschied schnell aufgefallen: Die Regale mit der Wurst sind schneller leer. „Die Metzgerei Kurz spendet uns immer viel Wurst. Und die Muslime kaufen das nicht. Die Ukrainer schon.“ Wie sieht es mit den Spenden generell aus? „Bis jetzt geht es noch. Wir konnten die Menschen noch gut mit den vielen Weihnachtsspenden versorgen. Und von einigen Spendensammelaktionen – wie beispielsweise durch die Lions-Club-Aktion vor dem Marktkauf ‘Kauf eins mehr’ – haben wir auch profitiert. Aber wir müssen dranbleiben.“ Öl oder Mehl bekäme man gar nicht mehr, bedauert Frank.

Nächste Spendensammelaktion: Am 30. April auf dem Wochenmarkt

Erst kürzlich sei eine private Spenderin im Laden gewesen, und war ganz betroffen, dass sie nur zwei Päckchen Mehl als Spende abgeben konnte, weil sie nicht mehr in einem Supermarkt kaufen durfte. Frank: „Das ist sehr bedauerlich. Die Leute wollen spenden und helfen, können es aber nicht, weil sie angehalten sind, im Discounter oder Supermarkt nur eine Flasche Öl oder ein Päckchen Mehl zu kaufen.“

Am Samstag, 30. April, steht die nächste Aktion auf dem Plan: Schüler der Gottlieb-Daimler-Realschule sammeln auf dem Wochenmarkt zwischen 10 und 13 Uhr Spenden für die Tafel. „Sie werden auch Flyer von uns verteilen“, so Topfstedt. Zudem plane man in diesem Jahr auch wieder „Die lange Tafel“ auf dem Marktplatz, um das ehrenamtliche Engagement der Schorndorfer Tafel aktiv zu unterstützen.

Man merke deutlich, dass auch die Märkte kalkulieren, sagt Topfstedt. Es gebe Tage, da ist es eine „üppige Auswahl von allem“ und dann wieder Tage, an denen ganz wenig in den Kisten ist. „Jeder Tag ist eine Überraschung“, sagt Renate Frank. Zwischen 80 und 90 Prozent aller Tafeln würden melden, dass sie weniger Lebensmittel geliefert bekommen, sagt Udo Engelhardt, Vorstandsmitglied der Tafel Baden-Württemberg. Während bei den Tafeln im Land immer weniger Ware ankommt, werden es gleichzeitig immer mehr Kundinnen und Kunden: Engelhardt spricht hier von 30 bis 40 Prozent. Während die Bürokratie mit der Flüchtlingswelle von 2014 und 2015 kaum ein Ende fand – Berge von Dokumenten mussten beschafft und ausgefüllt, mehrere Hürden mussten genommen werden, beim Jobcenter musste man sich ebenso melden – ist es für die Ukraine-Flüchtlinge übersichtlicher. „Die Aufnahme der Ukrainer erfolgt ohne übliche Vorlagen, also beispielsweise nur mit einem Lichtbildausweis für die ersten Monate oder mit einem Gutschein, den sie vom Sozialamt erhalten“, erklärt Frank. Mit der Verständigung gibt es indessen so gut wie keine Probleme – vor allem auch deshalb nicht, weil im 60-köpfigen Team mehrere Ukrainisch sprechende Mitarbeiterinnen sind. „Das erleichtert vieles.“

Geht der Tafel das Benzin aus?

Die steigenden Spritpreise sind ebenfalls ein Thema für die Tafelmitarbeiter. Rund 80 Kilometer fahre man am Tag – ob der Tafel das Benzin ausgeht? „Na ja, es geht. Aber man muss schon rechnen“, gibt Topfstedt zu. Und ergänzt: „Aber man muss auch sagen, dass die Tafeln in Deutschland 750 Euro Fördergeld für Benzin bekommen.“ Es sei nicht viel – „aber immerhin, wenn man bedenkt, dass es rund 950 Tafeln in Deutschland gibt“.

Was die beiden Engagierten am Ende noch loswerden wollen: „Wir sind beide 77 Jahre, haben die Tafel nun zwölf Jahre geleitet. Wir werden älter – und suchen Nachfolger für uns.“ Ja, es müsse jetzt sein. Solch eine Aufgabe könne man nicht alleine machen, und es erledige sich schon gar nicht von alleine: „Das ist eine Herausforderung hier.“ Und in dieser Aufgabe muss man auch aufgehen – so wie es Renate Frank und Helmuth Topfstedt tun.

Steigende Energie- und Spritpreise, weniger Spenden und immer mehr Menschen, die versorgt werden müssen: Auch die Tafel in Schorndorf hat wie die meisten Tafeln in Baden-Württemberg mit neuen Herausforderungen zu kämpfen. „Im Moment sind wir dem Ansturm noch gewachsen“, fasst Renate Frank die derzeitige Situation zusammen. Die 77-Jährige leitet gemeinsam mit Helmut Topfstedt seit gut zwölf Jahren den Tafelladen in Schorndorf.

Die Lebensmittelpreise steigen immer weiter und viele

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