Schorndorf

Selbstjustiz nach häuslicher Gewalt

Amtsgericht7_0
Symbolbild. © ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf.
Weil sein türkischstämmiger Schwiegersohn seine Tochter mehrfach geschlagen und bedroht haben soll, hatte der ebenfalls türkischstämmige Mann zusammen mit Bruder und Schwager kurzen Prozess gemacht. In einer Nacht- und Nebelaktion fuhren sie den Schwiegersohn zu dessen Onkel nach Holland. Eine Pause täte dem jungen Ehepaar gut. Jetzt waren die drei Männer vor dem Amtsgericht wegen Freiheitsberaubung angeklagt.

Im Türkeiurlaub soll’s gefunkt haben, schon kurz drauf läuteten in Deutschland die Hochzeitsglocken. Eine Liebesheirat soll’s gewesen sein zwischen dem 27-jährigen, türkischen Mann und seiner Ehefrau, die im Remstal als Tochter türkischstämmiger Eltern aufgewachsen ist. Dennoch: Wirklich glücklich war die junge Ehe zwischen der heute 26-jährigen Zeugin und dem vor Gericht als Geschädigter auftretenden Mann nie gewesen.

Schon vor der Heirat soll es Anzeichen für Gewaltbereitschaft seinerseits gegeben haben, die die junge Frau aber zunächst hinnahm. Als ihr damals noch Verlobter sich im Rahmen der Renovierungsarbeiten der künftigen, gemeinsamen Wohnung in die Enge gedrängt gefühlt hatte, soll er sie am Hals gepackt und am Schrank ihres Kinderzimmers entlang in die Höhe gedrückt haben. „Ich habe mich nicht getraut, meinen Eltern davon zu erzählen“, berichtete die Zeugin vor Gericht.

Küchenmesser in der Fahrertür

Doch Ähnliches sei immer wieder passiert, berichtete die junge Frau. Sie, die mit ihrem Ehepartner in ihre Eigentumswohnung in Schorndorf gezogen war, sei fortan von Angst bestimmt worden. Ihr Mann, der weder die für ihn organisierten Deutschkurse besuchte noch angebotene Arbeitsstellen annahm, soll sie geschlagen und bedroht haben, soll sie stark an den Haaren gezogen haben. Blaue Flecke habe er ihr stets an Stellen zugefügt, die leicht zu verdecken seien. Seine junge Frau, die als Zahnarzthelferin in Stuttgart arbeitete, musste ihm nach Feierabend das gewünschte Essen zubereiten und den Haushalt pflegen. Als sie einmal abends nach getaner Arbeit nicht schnell genug aus der Dusche gekommen sei, um dem jungen Mann etwas zu übersetzen, sei dieser ausgerastet, habe sie gepackt, habe auf sie eingetreten. Fakt ist: Sie konnte nicht mehr gehen, nicht mehr arbeiten. Der Arzt schrieb sie krank, ohne die Wahrheit über den Ursprung der Verletzungen zu erfahren. Ihr Ehemann habe sie begleitete, so habe sie sich dem Mediziner nicht anvertrauen können. Er soll ihr im Auto erklärt haben, was sie in der Praxis hätte sagen sollen.

Eine andere Begebenheit: Gemeinsam mit ihrem Mann sei sie im Auto unterwegs, da habe er ihr wieder gedroht. Gleichzeitig habe er ihre Mutter aufs Heftigste beschimpft, bedrohte sie und ihre Familie, die sich stets hoffnungsvoll um den neuen Schwiegersohn gekümmert hatte. Er, der davon träumte als Fußballspieler Karriere zu machen, bekam extra Fleisch besorgt, man begleitete ihn zum Fußballtraining, nahm ihn auf wie einen Sohn. Später habe die junge Frau ein Küchenmesser in dem seitlichen Fach an der Fahrertür gefunden. „Eines, mit dem man Fleisch schneidet“, berichtet sie vor Gericht. Das habe ihr weiter Angst eingejagt.

Irgendwann hielt es die junge Frau nicht mehr aus

Eines Tages, so erzählt’s die junge Frau, sei es ihr zu viel geworden. In dem Moment in dem er ihr, die von einer starken fiebrigen Erkältung gebeutelt war, am Ende eines langen Arbeitstages vorschlug, auch noch am Wochenende arbeiten zu gehen, damit mehr Geld in die Haushaltskasse komme, brach sie innerlich zusammen.

Als ihr Bruder sie am nächsten Tag nach der Arbeit vom Bahnhof abholte, erzählte sie von den erlittenen Misshandlungen, die sie teils heimlich auch mit ihrem Mobiltelefon fotografisch dokumentiert hatte. Der geschockte Bruder informierte die Mutter, brachte die junge Frau ins elterliche Haus in Urbach. Kurz darauf hatte sie sich aber wieder auf den Weg in die eigene Wohnung gemacht, damit ihr Gatte keinen Verdacht schöpfte. Schließlich habe sie nicht gewusst, wie er reagieren würde, wenn ihm klar werde, dass seine Gewaltakte nicht länger im Verborgenen bleiben würden.

Die junge Frau, der es wegen der starken Erkältung ohnehin schlechtging, legte sich ins Bett. Als es um 23 Uhr an der Wohnungstür klingelte, war auch sie überrascht. Ihre Mutter hatte den Vater informiert, der nun von Bruder und Schwager flankiert vor der Tür des Mehrfamilienhauses stand und Einlass forderte. In der Wohnung im Dachgeschoss angekommen, wollten die drei Männer nun „aufklären, was Sache ist“, erklärte der Vater vor Gericht. Zunächst habe der junge Mann die Taten geleugnet, soll sie später aber doch zugegeben haben. Das allerdings stritt er selbst vor Gericht wiederum ab.

Angeklagte werden freigesprochen

Weil die nächtliche Aktion schließlich doch zu laut fürs Mehrfamilienhaus wurde, fuhr die aufgebrachte Familie ins elterliche Haus. Dort wurde weiter diskutiert und beraten. Schließlich war vor allen Dingen die Familie der jungen Frau sicher, dass es das Beste wäre, den jungen Türken noch in derselben Nacht wegzubringen. Eine Auszeit wäre das Beste für das zerstrittene Ehepaar. Also fuhren die Männer mit dem Mercedes des Vaters zum Onkel des jungen Mannes in Holland. Früh morgens waren sie dort und ließen ihn nach einem kleinen Frühstück zurück.

Der junge Mann nun hatte Anzeige erstattet wegen versuchter Freiheitsberaubung. Schließlich habe er nicht nach Holland gewollt. Die drei Männer hätten ihn festgehalten und gezwungen, ins Auto zu steigen. Allerdings - auf die Fragen von Oberstaatsanwältin Dr. Knauss und Richterin Petra Freier antwortete er nur ausweichend, konnte mit keiner Aussage überzeugend darstellen, dass er sich nicht aus der Situation befreien hätte können, wenn er denn gewollt hätte.

Und so beantragte die Staatsanwältin, die Angeklagten freizusprechen. Rechtsanwältin Barbara Lischik-Nickel pflichtete bei, schließlich seien im Rahmen der Verhandlung keine Anzeichen für eine strafrechtlich relevante Einschüchterung gegeben gewesen. Und so sprach Richterin Freier die Angeklagten frei. Ihre Ausführungen seien glaubhaft gewesen, wohingegen der vermeintlich Geschädigte das Gericht nicht habe überzeugen können, von den Angeklagten seiner Freiheit beraubt worden zu sein.

Er droht ihr, Sexvideos öffentlich zu machen

Im Anschluss an die Verhandlung, in der der Schwiegervater des jungen Türken sowie sein Bruder und sein Schwager angeklagt gewesen waren, saß nun der vermeintlich Geschädigte selbst auf der Anklagebank. Die Beschuldigung: Er habe seine Frau nach der bereits erfolgten Trennung zwingen wollen, mit ihr zur Ausländerbehörde zu gehen, um dort eine Unterschrift zu leisten, die beweisen solle, dass er nicht gegen sie gewalttätig gewesen sei. Dies mit dem Ziel, seinen Aufenthaltstitel zu behalten. Würde sie seiner Forderung nicht nachkommen, wolle er Videos und Fotografien, die beim Sex mit ihr entstanden waren, an die Familie der jungen Frau weiterleiten. Sie blieb standhaft, ließ sich zu keiner Unterschrift zwingen.

Auch wenn er sich bemühte, dem Gericht glaubhaft zu machen, die Kurznachricht, in der die Drohung versendet worden war, sei nicht von seinem Handy verschickt worden - er scheiterte. Wer außer ihm hätte von den Aufnahmen wissen können, führt seine Noch-Ehefrau dessen Ausflüchte ad absurdum. Richterin Petra Freier glaubte ihr und verurteilte ihn zu 40 Tagessätzen von je 20 Euro. Dabei blieb es allerdings nicht, musste diese Strafe doch mit einer anderen zusammengerechnet werden, zu der er bereits aufgrund zweier anderer Vorfälle verurteilt worden war.

Zum einen ging es dabei um die Körperverletzung vor der Eheschließung, während der der junge Mann seine damals noch Verlobte am Kleiderschrank hochgedrückt und ihr dabei reichlich Schmerzen zugefügt hatte. Zum anderen ging es um einen Vorfall, der sich im Frühjahr 2017 zugetragen hatte. Beide waren damals in der Türkei im Urlaub bei den Eltern des Mannes gewesen: Während seiner Abwesenheit hatte die junge Frau zusammen mit seiner Mutter den Kleiderschrank in seinem ehemaligen Zimmer durchgesehen. Einige Sachen sollten mit nach Deutschland genommen, der Rest sollte entsorgt werden. Das passte ihm aber nicht. Vor Wut über die Aktion schlug er seiner Frau mit den Händen mehrfach ins Gesicht und biss ihr kräftig in den Oberarm.

Das Gericht hatte den Mann deshalb zu insgesamt 60 Tagessätzen verurteilt. Diese wurden nun mit der jüngsten Strafe des Mannes verrechnet. So erhielt er eine Gesamtstrafe von 100 Tagessätzen von je sieben Euro. Die Tagessätze waren aufgrund seiner schwierigen finanziellen Lage reduziert worden.

Die Scheidung zwischen den beiden Ehepartnern läuft im Übrigen.

Schorndorf.
Weil sein türkischstämmiger Schwiegersohn seine Tochter mehrfach geschlagen und bedroht haben soll, hatte der ebenfalls türkischstämmige Mann zusammen mit Bruder und Schwager kurzen Prozess gemacht. In einer Nacht- und Nebelaktion fuhren sie den Schwiegersohn zu dessen Onkel nach Holland. Eine Pause täte dem jungen Ehepaar gut. Jetzt waren die drei Männer vor dem Amtsgericht wegen Freiheitsberaubung angeklagt.

Im Türkeiurlaub soll’s gefunkt haben,

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