Schorndorf

Selbstverteidigungskurs für Mädchen

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Schorndorf. Die eigene Kraft spüren, wissen, wohin man im Zweifelsfall treten kann, das Selbstbewusstsein trainieren. Das alles passiert in den beiden Tagen des Selbstsicherheitstrainings im Familienzentrum. Dafür sorgt Klaus Bosch, Kriminalhauptkommissar a.D. Er hat Erfahrung, er kennt Täter und Opfer. Und er weiß, wie Letztere ausgeschaltet werden können.

Video: Klaus Bosch über den Selbstverteidgungskurs

„Ich will hier keine Prinzessinnen sehen!“, ruft, nein, brüllt Klaus Bosch die 23 Teenie-Mädchen an. Hier will er böse Mädchen sehen: Nasenflügel aufspannen, pumpen, böser Blick, Muskeln anspannen und dann: „Fünf, vier, drei, zwei, eins, kämpfen!“ Trommeln auf das Schlagpolster. Immer drauf, so feste es geht. Übung für den Ernstfall.

Bosch weiß: Werden die Mädchen tatsächlich angegriffen, entscheiden die ersten 30 Sekunden darüber, ob sie sich befreien können oder nicht. Dann schwinden ihre Kräfte. Ist der Angreifer nach einer Minute nicht angriffsunfähig gesetzt, war’s das. „Dann wird er stark wie ein Grizzly.“ Und einen Bären bändigen? Das wird schwer. Also: So schnell wie möglich treffen und dann wegrennen – so lautet die Ansage. In kurzen Zeitabschnitten sollen die Mädels in Zweiergruppen nun verschiedene Techniken üben: Mit den Fäusten trommeln, Ohrfeigen geben und dem Angreifer, dargestellt durch ein Mädchen mit Schlagpolster, mit dem Knie in die Weichteile treten. Jeweils eine halbe Minute sollen die jungen Frauen alles geben. „Schreit, lasst es raus“, motiviert er die Teenies. „Dann habt ihr mehr Kraft.“

Allerdings: Die Selbstverteidigung soll nur ein kleiner Aspekt des Kurses sein. „Mir geht’s vor allem um Verhaltensstrategien“, erklärt Klaus Bosch. Schließlich ist’s viel besser, erst gar nicht in eine Opfersituation hineinzugeraten. Also fordert er die Mädels auf: Lernt „Nein“ zu sagen, wenn Euch etwas unangenehm ist! Wird eine Situation – beispielsweise in der S-Bahn – unheimlich, kann jede einfach aufstehen, sich zu einer anderen Frau oder einem Paar setzen. „Erzählt davon, dass Ihr Euch belästigt fühlt, sucht Euch Verbündete.“ Wer in eine Disco geht, muss seine Augen offen halten. Rollt eine tanzende Männergruppe an, lieber ausweichen. Wird eine Situation brenzlig, lieber abtauchen. Und wer sein Getränk im Blick hat, braucht keine Angst vor K.-o.-Tropfen zu haben.

Vorbeugen ist das Zauberwort

Ganz wichtig ist aber vor allen Dingen eines: Selbstsicherheit - fühlen und ausstrahlen. Wer sich in sich gekehrt gibt, als Mauerblümchen auftritt, der strahlt seine Opferrolle quasi von alleine aus. Wer aber aufrecht daherkommt, Kontakt mit anderen aufnimmt – und sei es nur mit einem kurzen „Hallo“ in der S-Bahn – ist nicht mehr alleine auf sich gestellt. Selbstverteidigung sollte nur der allerletzte Schritt sein. Vorbeugen ist das Zauberwort.

Warum die Mädchen den Kurs im Ferienprogramm des Familienzentrums gebucht haben? „Ich find’s einfach interessant und heutzutage muss man sich als Mädchen wehren können“, findet eine. „Ich fühl’ mich jetzt schon sicherer, wenn ich im Dunklen nach Hause gehe“, erklärt eine andere. Alle seien sie überrascht gewesen, wie viel Kraft eigentlich in ihnen steckt. Diese Erfahrung hatte eine andere zur Folge: Muskelkater, nämlich. Vor allen Dingen in den Oberarmen. Außerdem finden alle den Tipp gut, mit einer Freundin ein Wort auszumachen. Wenn Gefahr im Verzug ist, braucht das Mädchen in Not nur ein Wort ins Mobiltelefon zu sprechen und schon kann die andere Hilfe holen.

Simone Halle-Bosch vom Familienzentrum war überrascht, wie groß das Interesse der Mädchen an dem Sommerkurs war. Drum gibt’s inzwischen eine ordentliche Warteliste, im Herbst soll der Kurs wiederholt werden. Auch etliche Lehrer hatten sich gemeldet, die Bosch für ihre Klassen anheuern wollten.