Schorndorf

Selma, Nicola und Quarta in Säcken

4d585271-32a2-4bbc-9191-dd2611d4bdb6.jpg_0
Um seine Knollen in Schorndorf verkaufen zu können, fährt Landwirtschaftsmeister Richard Lechner zweimal die Woche vom Nördlinger Ries in die Daimlerstadt. © Palmizi / ZVW

Schorndorf. Kartoffeln verkauft Richard Lechner nicht nur kiloweise, sondern am liebsten gleich sackweise. Und weil seine Kunden treu sind, gehört der Kartoffelmann seit 27 Jahren zum Wochenmarkt: Zweimal die Woche kommt er mit seiner Ernte in aller Herrgottsfrüh aus Megesheim bei Nördlingen hergefahren. Das lohnt sich: Im Jahr verkauft er bestimmt 900 Doppelzentner.

Video: Richard Lechner der Kartoffelmann.

Kartoffeln, sagt Richard Lechner, mögen Sandböden. Und da es den im Remstal eher weniger, im Nördlinger Ries aber hektarweise gibt, fährt der Landwirtschaftsmeister seine Ernte nach Schorndorf. Seine benachbarten Kollegen verkaufen ihre Knollen in Aalen und Schwäbisch Gmünd, er ist 1989 auf der Suche nach einem Absatzmarkt in Schorndorf gelandet. Die ersten Jahre baute er seinen Wochenmarktstand da auf, wo gerade Platz war. Seit Anfang der 1990er Jahre finden seine Kunden ihn an einem festen Platz im unteren Marktbereich. Hier fühlt er sich wohl, das Verhältnis mit den Standnachbarn ist fast familiär, seine Kundschaft treu. Dass er auf dem Schorndorfer Wochenmarkt aber überhaupt Wurzeln schlagen konnte, daran ist Remstalrebell Helmut Palmen nicht unschuldig: „Der war gleich positiv eingestellt und hat mir geholfen“, erzählt Lechner und verkauft mittlerweile fast 900 Doppelzentner Kartoffeln im Jahr in Schorndorf.

Freiheit im Kartoffelanbau und Wochenmarktverkauf

Kartoffeln begleiten Richard Lechner schon sein ganzes Leben: Bereits auf dem elterlichen Hof wurden die Knollen angebaut. Den Betrieb hat mittlerweile sein Bruder übernommen, er selbst sammelte nach seiner Ausbildung in der Landwirtschaft des Klosters Neresheim Erfahrung in drei Großbetrieben. Parallel half er bei einem Landhändler auf dem Kirchheimer Wochenmarkt aus. Als Lechner 1988 seinen eigenen Betrieb mit 13 Hektar Ackerfläche pachtete, brachte er Kartoffelanbau und Marktverkauf zusammen. Seitdem genießt er die Freiheit: „Das ist das Schönste, das ist unbezahlbar.“ Darum denkt er mit seinen 65 Jahren auch noch nicht wirklich ans Aufhören. Kartoffelanbau und -verkauf machen zwar nicht reich, „aber es ist eine Existenz“, sagt Lechner und hofft, dass sich vielleicht doch noch einer seiner Söhne oder Enkel entschließen kann, den Betrieb samt Marktstand fortzuführen.

Lechner könnte jeden Tag Kartoffeln essen. Seine Lieblingsknolle ist die Quarta. Die Allzwecksorte, die schon sein Vater angebaut hat, ist nicht so fest wie eine reine Salatkartoffel. Am liebsten genießt er das Aroma pur als Pellkartoffel oder Salat. An seinem Viereinhalb-Meter-Stand vor der Deutschen-Bank-Filiale verkauft er aber auch Agria und Secura sowie die Salatkartoffelsorten Selma, Nicola und Ditta. Eigene Karotten und Zwiebeln sowie Wurzelgemüse von befreundeten Bauern hat er ebenfalls im Angebot; und von Ende Mai bis Ende Juni, wenn die September-Knollen zur Neige gehen, Frühkartoffeln. Sind auch die verkauft, macht Lechner Urlaub. Doch abgesehen von diesen vier, fünf Wochen kommt er das ganze Jahr nach Schorndorf. Nur wenn’s eiskalt ist, lässt er seine Ernte lieber im Lager. „Frost bekommt Kartoffeln nicht.“ Die Stärke, erklärt der Landwirtschaftsmeister, verwandelt sich in Zucker, „das macht die Kartoffeln süß und ungenießbar“.

Gute hundert Kilometer fährt der 65-Jährige jedes Mal von Megesheim bis nach Schorndorf. Die Fahrt, die ihn schon am frühen Morgen eine Stunde kostet, verbindet er oft mit Lieferungen an Gastronomen im Umkreis. Um sechs Uhr baut er seinen Stand auf und wartet auf Kundschaft: 90 Prozent der Kunden kommen immer wieder. Zwei Drittel der verkauften Knollen sind Salatkartoffeln. Wer Platz hat, kauft gleich sackweise, 12,5 oder 25 Kilo: Doch Lechners Kartoffeln halten sich, dunkel und kühl gelagert, schließlich auch ein halbes Jahr lang. Und dann ist wieder Zeit für eine Direktlieferung aus dem Nördlinger Ries.