Schorndorf

Senkrechtstart in der Altenpflege

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Wiktoria Boltuc hat ganz offensichtlich den richtigen Beruf gewählt: Die junge Polin lernt Altenpflegerin am Karlsstift in Schorndorf – und herzt den Bewohner Kurt Hartmann. © Alexander Roth

Schorndorf. Wiktoria Boltuc ist vor zweieinhalb Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen. Sie spricht jetzt Deutsch, managt als junge Mutter Familie und Beruf und lernt Altenpflegerin im ersten Jahr. Den Senkrechtstart hätte sie ohne die duale Ausbildungsvorbereitung wohl nicht gepackt.

Zusammen sind sie 111 Jahre alt, Kurt Hartmann und Wiktoria Boltuc. Die 20-Jährige herzt den Senior und scherzt mit ihm; hier mögen sich zwei ganz offensichtlich. Im Karlsstift in Schorndorf kümmert sich die junge Polin als angehende Altenpflegerin um betagte Bewohner. „Mit den alten Leuten kann ich mehr reden und viel von ihnen lernen“, begründet Wiktoria Boltuc ihre Berufswahl. Nach einem Praktikum im Einzelhandel war ihr klar: Das ist es nicht; „ich will mehr mit Menschen zu tun haben“.

Karlsstift-Hausleiterin Hannelore Gogolinski setzt einiges in Bewegung, um an engagierte, geeignete Auszubildende heranzukommen. Altenpflege genießt als Berufsbild nicht das beste Image. Im Altenheim duftet es selten nach Rosen, dort sterben Menschen und man schiebt nachts wie wochenends Dienst. Hannelore Gogolinski braucht Menschen, die trotzdem gern diese Arbeit tun. Sie reist quer durch Europa, knüpft Kontakte und hilft Neueinsteigern, in Schorndorf Fuß zu fassen.

Die Sprachhürde überwinden

Wiktoria Boltuc hat diesen Schritt bereits geschafft. Am schwierigsten war es, die Sprachhürde zu überwinden, erzählt die junge Frau. Deshalb hält sie große Stücke auf die duale Ausbildungsvorbereitung – für sie wirkte dieses Jahr wie ein Sprungbrett, weil sie in dieser Zeit viel besser Deutsch lernen und sich gleichzeitig beruflich orientieren konnte.

Duale Ausbildungsvorbereitung (kurz AV) ist gedacht für Jugendliche mit und ohne Hauptschulabschluss, die aus welchen Gründen auch immer Unterstützung benötigen, um den Schritt in eine Lehre zu schaffen. Manchmal ist es die Sprachbarriere, manchmal fehlt es am Rückhalt in der Familie, oder ein junger Mensch weiß schlicht nicht, wie er die Sache angehen soll: Jasmin Würmlin hilft als AV-dual-Begleiterin weiter. Während eines Berufsschuljahres durchlaufen die Jugendlichen mehrere Betriebspraktika. Sowohl die Jugendlichen als auch die Firmen profitieren, erläutert Jasmin Würmlin: Die jungen Leute lernen Berufsbilder real kennen und die Firmen schätzen Jugendliche ganz anders ein, wenn sie die Azubis in spe als Persönlichkeit erleben und nicht nur anhand von ihren Bewerbungsunterlagen beurteilen.

Ein "alltagstaugliches Bild" vom Wunschberuf machen

Hannelore Gogolinski schätzt es sehr, wenn sich Bewerber bereits vor einer Ausbildung ein „alltagstaugliches Bild“ vom Wunschberuf machen. Das erspart Enttäuschung – auf beiden Seiten. Umgekehrt erkennt die Hausleiterin schnell, ob jemand die Voraussetzungen für diesen Beruf mitbringt, ob er oder sie sich einfühlen kann in die alten Menschen, teamfähig ist, psychisch belastbar, zuverlässig, pünktlich. Über all diese weichen Faktoren liest sie im Schulzeugnis in der Regel nichts. Passt es auf beiden Seiten, müssen sich die jungen Leute um ihre Übernahme nach der Ausbildung keine Sorgen machen – das klappt.

Wiktoria Boltuc hat sich als Auszubildende bestens integriert im Karlsstift in Schorndorf. Im ersten Ausbildungsjahr arbeitet sie Früh- oder Spätschicht; Nachtschicht folgt erst im dritten Jahr. Zu Hause hat sie Unterstützung, so dass sie die Betreuung ihres zweijährigen Sohnes mit den Arbeitszeiten vereinbaren kann.

"Hut ab vor Wiktoria"

In Polen hat Wiktoria Boltuc die mittlere Reife abgeschlossen. Ein Hauptschulabschluss reicht nicht, um die Altenpfleger-Ausbildung in drei Jahren absolvieren zu können. Allerdings kann es Monate dauern, bis die Behörden ausländische Zeugnisse übersetzt und einen Schulabschluss bewertet haben. Als nervenaufreibende Zeit beschreibt Wiktoria Boltuc das Warten, denn monatelang war nicht klar, ob sie die Regelausbildung würde antreten können oder ob sie eine Helferausbildung vorschalten muss – musste sie nicht.

AV-dual-Begleiterin Jasmin Würmlin sieht mit Freude, wie schnell sich die junge Polin ihren Platz in der Berufswelt ergattert hat: „Hut ab vor Wiktoria.“


Duale Vorbereitung auf eine Ausbildung

Der Rems-Murr-Kreis bietet den Bildungsgang „Ausbildungsvorbereitung dual“ (AV dual) seit dem Schuljahr 2014/15 an. Die Teilnehmer besuchen ein Jahr lang eine der Berufsschulen in Waiblingen, Schorndorf oder Backnang, je nach Profil. Während des Schuljahres durchlaufen die Jugendlichen mehrere Betriebspraktika. Ziel ist, dass die Schulabgänger den direkten Übergang in eine Ausbildung schaffen.

Bei AV dual handelt es sich um einen Modellversuch, der Ende 2018 ausläuft. Natürlich hoffen alle Beteiligten darauf, dass das Modellprojekt in ein reguläres Angebot mündet.

Zurzeit nehmen im Rems-Murr-Kreis 417 Schülerinnen und Schüler an der dualen Ausbildungsvorbereitung teil.

In AV dual sind die bisherigen berufsvorbereitenden Bildungsgänge Vorbereitungsjahr Arbeit/Beruf, das Berufseinstiegsjahr und das erste Jahr der zweijährigen Berufsfachschule zusammengeführt. Die Jugendlichen können während dieses Jahres ihren Hauptschulabschluss nachholen oder verbessern.

Um Praktikumsplätze anbieten zu können, arbeiten die AV-dual-Begleiter eng mit der IHK und der Handwerkskammer zusammen.

Gesucht sind weitere Unternehmen, die jungen Leuten einen Praktikumsplatz anbieten. Vorteil für die Unternehmen: Sie lernen einen potenziellen Auszubildenden im Vorfeld gut kennen. Das Risiko eines späteren Ausbildungsabbruchs sinkt. Fachkräfte begleiten sowohl die Jugendlichen als auch die Firmen.

Ansprechpartnerin am Landratsamt ist Svitlana Samarova, Tel. 0 71 51/5 01-11 48, Mail: s.samarova@rems-murr-kreis.de.