Schorndorf

Sex auf offener Straße – und vor spielenden Kindern

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Nun ist Sex auf offener Straße am helllichten Tag und dazu noch vor Kindern alles andere als ein Kavaliersdelikt. Andererseits ist diese Art der Erregung öffentlichen Ärgernisses auch nichts, wofür ein Beteiligter gleich ins Gefängnis muss. Es sei denn, es stünden schon 34 Vorstrafen, darunter mehrere Haftstrafen, zu Buche und der Betreffende machte vor Gericht nicht den Eindruck, als würde ihn das alles irgendwas angehen.

Der Betreffende, der von Richterin Petra Freier zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde, ist ein in einer Stuttgarter Obdachlosenunterkunft lebender 48-Jähriger, der sich an einem Septembernachmittag in einem Innenhof in der Schorndorfer Vorstadtstraße hemmungslos mit seiner mittlerweile in einem Frauenhaus lebenden 32-jährigen Freundin vergnügt haben soll. So hemmungslos, dass ein Nachbar in seinem im ersten Stock liegenden Wohnzimmer das Stöhnen der gemeinsam mit ihrem Geschlechtspartner an einer Garagenwand lehnenden Frau hörte, die laut Anklageschrift von dem Mann mit der Hand bis zum Orgasmus befriedigt wurde und sich dann, so hat es der Zeuge beobachtet, auch noch „die Brust abschlecken“ ließ. Das alles in unmittelbarer Nähe von spielenden Kleinkindern, weshalb der Zeuge – „Wenn das meine eigenen Kinder gewesen wären, hätte ich die beiden mit einem Wasserschlauch abgekühlt“ – die Polizei alarmierte, die dem ebenfalls als Zeuge aussagenden Polizeibeamten zufolge ein relativ entspanntes Paar antraf, das sich keiner Schuld bewusst war. „Die Stimmung war irgendwie heiter“, sagte der Zeuge, der zwar bemerkte, dass die beiden ziemlich alkoholisiert waren, aber keinerlei Ausfallerscheinungen registrierte – was einigermaßen erstaunlich ist bei Blutalkoholwerten von 2,38 bei ihr und 2,62 bei ihm.

Mit Arbeitsstunden nichts am Hut

„Ich habe mit Alkohol ein kleines Problem“, sagte der Angeklagte vor Gericht und verriet damit der Richterin nichts Neues: „Das riecht man bis hierher“, stellte sie fest und bekam auf ihre Frage, ob der aus Köln stammende und von Hartz IV lebende 48-Jährige vorhabe, etwas dagegen zu tun gedenke, die Antwort, dass er das nicht vorhabe. Ähnlich uneinsichtig zeigte sich der Mann, dessen Vorstrafenregister die ganze Palette von Diebstahl und Hausfriedensbruch über Vortäuschens einer Straftat und unerlaubtem Drogenbesitz bis zu Körperverletzungsdelikten ganz unterschiedlicher Schwere umfasst, als der Staatsanwalt in seinem Plädoyer kurzzeitig als Alternative zu einer Freiheitsstrafe die Ableistungen von 100 oder 150 Arbeitsstunden in den Raum stellte, „weil Arbeit nicht das ist, was er gerne macht“. Arbeitsstunden werde er natürlich nicht ableisten, sagte der Angeklagte, dem just zu diesem späten Zeitpunkt einfiel, dass er an jenem Tag ja unter starkem Alkoholeinfluss gestanden und nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Und überhaupt sage er ohne seinen Anwalt – wobei er vor Gericht ohne einen solchen auftrat – nichts mehr.

„Wir waren einfach gut dabei“

Zuvor hatte der großspurig auftretende und Richterin und Staatsanwalt immer wieder ins Wort fallende 48-Jährige den damaligen Vorfall damit erklärt, dass er und seine Freundin „gut drauf“ gewesen seien. Seinen halbherzigen Versuch, sich dafür zu entschuldigen, dass sich das Ganze vor den Augen von spielenden Kindern abgespielt habe, konterkarierte der Angeklagte sofort wieder, als ihm Richterin Petra Freier vorhielt, er habe damit rechnen müssen, dass da Menschen vorbeikämen. „Ich konnte doch nicht damit rechnen, dass so ein Spanner unterwegs ist“, sagte der 48-Jährige mit Blick auf den Zeugen, der den Akt auf einem Handy-Video festgehalten hat, das im Gerichtssaal abgespielt wurde. Aus Sicht des Staatsanwalts „halt mitgemacht“ hat die 32-Jährige, die zu diesem Zeitpunkt noch als Altenpflegerin in einer Kreisgemeinde beschäftigt war, dann aber ihren Job verloren hat, als ihr Arbeitgeber durch wen auch immer von der Geschichte erfahren hat. „Ich hab’ gar nicht groß darüber nachgedacht, wir waren einfach gut dabei“, sagte die Angeklagte vor Gericht und beteuerte, sie habe ihr zum damaligen Zeitpunkt massives Alkoholproblem mittlerweile im Griff. Und was besagten Vorfall in der Vorstadtstraße angehe, so könne sie sich eigentlich erst wieder so richtig von dem Zeitpunkt an erinnern, an dem die Polizei aufgetaucht sei. Derzeit macht die 32-Jährige gerade ein Bewerbertraining beim Jobcenter, während der 48-Jährige, der nie eine Ausbildung abgeschlossen und der aus früheren Beziehungen zwei Kinder hat – einen erwachsenen Sohn, zu dem er keinen Kontakt hat, ein knapp fünfjähriges Kind, zu dem ein Abstandsgebot verhängt ist – sich seine Zeit mit Kartenspielen, Alkohol und weiteren Straftaten vertreibt. Seit er vor etwa einem Jahr zum vorläufig letzten Mal aus der Haft entlassen worden ist, ist er schon wieder dreimal straffällig geworden.

Enthemmt und uneinsichtig

Kein Wunder, dass der Staatsanwalt in seinem Plädoyer zu der Einschätzung kam, dass Haftstrafen den Angeklagten offensichtlich nicht besonders beeindrucken, dass aber jede andere Art der Bestrafung auch nichts bewirkt – wenn man davon absieht, dass es der 48-Jährige immer irgendwie geschafft hat, Geldstrafen abzustottern. Mit der Richterin war sich der Staatsanwalt einig, dass es für eine kurze Freiheitsstrafe besondere Gründe braucht, dass die beim Angeklagten aber zweifelsfrei gegeben sind. Und einig war sich das Gericht auch in dem Punkt, dass die beiden Angeklagten durch die starke Alkoholisierung zwar enthemmt und uneinsichtig, aber keinesfalls unzurechnungsfähig waren. Vergleichsweise glimpflich fiel die Bestrafung der 32-Jährigen aus: Sie wurde zu 50 Tagessätzen à zehn Euro verurteilt, die sie in Raten abzahlen kann oder die, so Petra Freier, vielleicht sogar in gemeinnützige Arbeit umgemünzt werden können.