Schorndorf

Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen

Prof. Maschke
Prof. Dr. Sabine Maschke, Philipps Universität Marburg. © Palmizi / ZVW

Schorndorf. Rapper texten über Frauen, als wären sie Dreck, und diverse Zeitgenossen laden private Schlafzimmerszenen auf Porno-Portalen hoch: Diese Dinge gehören zum Umfeld, in welchem junge Menschen heute groß werden. Dumme Sprüche, respektlose Anmache, Gegrapsche und Schlimmeres gehören für viele zum Alltag – das hat eine Studie ergeben, um die es jetzt bei einem Fachtag in Schorndorf ging. Eine der Erkenntnisse: Wer oft Pornos schaut, wird eher zum Täter.

Gleichaltrige spielen im Leben eines Jugendlichen eine nicht zu unterschätzende Rolle. 15-Jährige reden über heikle Themen eher mit besten Freunden als mit Eltern oder gar Lehrern. Die Kehrseite: Unter Jugendlichen geht es auch knallhart zur Sache: „Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen hat Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt“ – das ist eines der Ergebnisse einer Erhebung in Hessen, welche Prof. Dr. Sabine Maschke, Erziehungswissenschaftlerin an der Philipps Universität Marburg, in Schorndorf vorgestellt hat. Eingeladen hatte die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt im Rems-Murr-Kreis.

Sexualisierte Gewalt – ein weites Feld. Im Internet werden Mitschüler mit Schimpfwörtern aus dem Porno-Wortschatz bedacht, Jugendliche zeigen anderen gegen deren Willen einschlägige Filmchen, aus Rache schickt jemand ein Nacktfoto der Ex-Freundin an alle, auf einer Party grapscht einer Richtung Brust und Po, eine Gruppe geht ein Mädchen in einem abgelegenen Raum an – oder es kommt zum Äußersten: All das fällt unter den Begriff „sexualisierte Gewalt“, wobei die Wissenschaftler für die Studie in körperliche und nichtkörperliche Gewalt unterschieden und jeweils mehrere Kategorien festgelegt haben.

Solche Vorfälle gehören wie selbstverständlich zur Lebenswelt

Die Antwort auf die Leitfrage nach fast 3000 Befragungen von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren lautete: Ja, sexualisierte Gewalt ist Bestandteil der jugendlichen Lebenswelt. Ein 16-jähriger Schüler bezeichnete es als „fast schon normal“, dass auf Festen gegrapscht oder gegen den Willen des Gegenübers geküsst werde. Mehr als 80 Prozent der Befragten haben Erfahrungen gemacht mit sexualisierter Gewalt – in welcher Form auch immer.

Meist geht das los im Alter von elf oder zwölf Jahren. In rund drei Viertel aller Fälle war der Täter/die Täterin selbst jugendlich. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungs, Förderschülerinnen häufiger als gleichaltrige Mädchen an anderen Schularten, und früh entwickelte Mädchen sehen sich einem vergleichsweise höheren Risiko ausgesetzt, belästigt zu werden. Die umgekehrte Variante gibt es auch: Mädchen beleidigt oder belästigt Junge, oder Mädchen disst Mädchen auf sexualisierte Art und Weise.

Pornos sind nur einen Mausklick entfernt

Diese Themen beschäftigen Jugendliche sehr intensiv, das zeigt die Studie deutlich, und es verwundert auch nicht. In diesem Alter ist es schon anstrengend genug, das Thema Sex und all diese körperlichen Veränderungen auf die Reihe zu kriegen – und dann kommen noch solche Gemeinheiten unter Gleichaltrigen hinzu. Plus ständige Verfügbarkeit von Pornos, einschließlich harte.

Jugendlichen wird in diesen Zeiten viel abverlangt – vermutlich zu viel, deutete Prof. Maschke an. Junge Menschen erhalten früh viel Freiraum, Ältere kennen sich meist mit Handys und sozialen Medien nicht so gut aus – und so nehmen Erwachsene ihre Verantwortung nicht wahr, sichern „Schutzräume“ für Jugendliche nicht. Die Schule sollte solch ein geschützter Raum sein. Ist sie aber nicht. Schule steht im Ranking der Tatorte ganz weit oben.

Massiver Gegenwind bei der Sexualerziehung in der Schule

Bei schwierigen Themen wie diesem fällt immer ein Wort ziemlich oft: Prävention. Prävention muss ganz früh ansetzen – bei der kindgerechten Sexualerziehung im Kinderzimmer und in unteren Klassen in der Schule zum Beispiel.

Aber, so der Einwand einer Teilnehmerin bei der Tagung: Eltern stellen sich allzu oft quer. Wenn Lehrer bei Elternabenden ihr Konzept und ihr Material zur Sexualerziehung vorstellen – dann sehen sie sich allzu oft mit „massivstem Gegenwind“ konfrontiert.

Junge Leute holen sich die Infos dann halt im Netz. Knapp die Hälfte der Jungs schaut laut Studie regelmäßig Pornos, manche fast täglich. Bei den Mädchen liegt der Prozentsatz viel niedriger. Pornografie birgt laut Sabine Maschke „ein gewisses Risiko“: Statt Antworten zu liefern, verstärkt der Konsum dieser Filme die Unsicherheit nur noch. Ein „Gewöhnungseffekt“ entwickelt sich unter den Vielsehern – und intensive Porno-Konsumenten „gehören signifikant häufiger zu denen, die sexualisierte Gewalt ausüben“.



Eine 15-Jährige formuliert drastisch, was sexualisierte Gewalt anrichten kann: „Durch so etwas gehen Leben kaputt. Man sollte keine Späße darüber machen.“ Dr. Björn Nolting hat es an der Esslinger Klinik für Psychosomatik täglich mit jungen Menschen zu tun, die an den Folgen fast zerbrechen.

Der Chefarzt verwies bei der Fachtagung in Schorndorf auf verlässliche Statistiken, wonach im Schnitt ein bis zwei Kinder je Schulklasse sexueller Gewalt ausgesetzt sind, etwa einem Missbrauch in der Familie.

Menschen reagieren verschieden auf schlimme Ereignisse. Sexuelle Gewalt, auch Mobbing, Schläge oder dauernde Demütigungen seitens der Eltern fallen zweifellos in diese Kategorie. Auf eine Vergewaltigung reagiert die Hälfte der Betroffenen mit einer schweren psychischen Störung. Bei Folteropfern liegt der Anteil genauso hoch.

In Esslingen behandeln die Mediziner beispielsweise Jugendliche, die als Kind missbraucht wurden – und es dann im Jugendalter mit sexualisierter Gewalt unter Gleichaltrigen zu tun bekommen. Jemand verschickt Nacktbilder einer ohnehin schon schwer belasteten 17-Jährigen an alle – so etwas „kann wirklich gravierende Folgen haben“, so der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Verschiedenste Symptome beobachten die Ärzte in solchen Fällen: selbstverletzendes Verhalten, Albträume, Angstzustände, Suizidgedanken.

In den USA schossen die Suizidraten Jugendlicher, besonders der Mädchen, nach oben, als die sozialen Medien aufkamen – aus einem einfachen Grund: Aggressoren nutzen gern das Internet, weil es so einfach ist und so schnell geht, jemanden fertigzumachen.

Störungen als Folge von Traumata kann man nicht rein medikamentös behandeln, so Dr. Nolting. Es braucht ein abgestimmtes Therapie-Paket mit vielen Bestandteilen. Für immens wichtig hält es der Arzt, dass Betroffene wieder spüren lernen, sie können etwas bewirken, Einfluss nehmen auf ihr Schicksal. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was sie krank gemacht hat: Sie waren hilflos ausgeliefert, konnten nichts tun – und fühlten sich trotzdem zutiefst schuldig und schämten sich bis ins Mark.

Auch eine Naturkatastrophe kann traumatisch wirken – eben weil man den Gewalten nichts entgegensetzen kann und gar Todesangst fühlt.

Viel häufiger macht allerdings krank, so der Chefarzt weiter, wenn ein Mensch einem anderen Menschen eine Katastrophe zufügt.

Die Studie: Daten zu Opfern wie Tätern

Sämtliche Informationen zur Studie, die sich mit sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen auseinandergesetzt hat, finden sich unter www.speak-studie.de

Etwas mehr als ein Viertel (28 Prozent) der befragten Jugendlichen geben an, mindestens einmal etwas getan zu haben, das mit sexualisierter Gewalt zu tun hat – 36 Prozent der Jungen und 21 Prozent der Mädchen sagten das. Am häufigsten handelte es sich um verbale und/oder schriftliche sexualisierte Gewalt.

28 Prozent der Jungen geben an, schon einmal sexuelle Kommentare oder Beleidigungen über jemanden gemacht zu haben. Bei den Mädchen waren es 16 Prozent.

Zwölf Prozent der Jungen geben an, gegen den Willen einer Person diese an Po oder Brust angetatscht zu haben.