Schorndorf

Sexuelle Nötigung einer 28-Jährigen

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Ein 82-Jähriger wurde am Montag vom Schöffengericht wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung und einer Geldbuße in Höhe von 2400 Euro verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Welzheimer eine 28-jährige Physiotherapeutin in seinem Keller sexuell genötigt hat. Seit drei Jahren betreute sie die Frau des Verurteilten. Es bestand ein Vertrauensverhältnis.

Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert, da der Tatbestand der sexuellen Nötigung nicht erfüllt sei, so der Rechtsanwalt. Er spielte den Vorfall herunter: Beide Personen waren „voll angezogen“. Er sprach von einem „misslungenen Kussversuch“, sie sei „Frau der Lage“ gewesen. Ferner sei keine Gewalt erkennbar, das mache allein schon der Größenunterschied zwischen dem kleinen Mann und der größeren Frau deutlich. Es habe sich nicht um eine sexuelle Handlung gehandelt. Das sah Richterin Greiner völlig anders: „Was bleibt übrig, wenn das keine sexuellen Handlungen sind?“ Was war geschehen?

An einem Freitagmittag behandelte die Physiotherapeutin, die als Nebenklägerin auftritt, die Ehefrau des Angeklagten in dessen Welzheimer Haus. Man hätte sich seit drei Jahren gut verstanden. Stolz habe der Mann ihr von seinem Hobby erzählt, ihr auch den Keller gezeigt. Dieses Vertrauen versuchte der Angeklagte auszunutzen.

So soll es gewesen sein: Der Mann lockt die arglose 28-Jährige nach einer Behandlung in den Keller, bittet sie in einen Raum. Dort liegt eine Figur, die sie sich anschauen soll. Das Zeigen dieser Figur bestreitet die Verteidigung nicht, wobei der ältere Herr regungslos im Gerichtssaal sitzt und schweigt. Der Anwalt reduziert die Tat auf eine Umarmung. Weiter: Erst auf den zweiten Blick erkennt die Frau, dass ein Detail der Figur ein Paar beim Geschlechtsakt zeigt. Der Mann sagt: „Ich würde dich gerne mal abends sehen, wie du so unterwegs bist.“ Die Frau reagiert angewidert, zuckt zurück. Der Mann mit den weißen Haaren packt sie an den Händen, zieht sie an sich, will sie küssen. Sein Mund berührt ihren rechten Mundwinkel. Mit seinem Becken stößt er sie dreimal, grapscht ihr an die linke Brust. Weil der Griff sich daher lockert, kann sie sich befreien, rennt aus dem Keller, flieht. So schildert es die junge Frau. Die Staatsanwältin sprach von der Ausübung körperlicher Gewalt, um eine sexuelle Handlung an sich erdulden zu müssen.

Erst Witze unter der Gürtellinie, dann ein Kuss

Detailliert und betroffen schilderte die junge Frau das Geschehen. Der Mann habe auch mal „Witze unter der Gürtellinie“ gemacht. Drei Wochen vor der Tat habe er ihr einen Kuss auf die Wange gegeben. Das habe sie „verwundert und unangenehm berührt“. Danach habe sie die Frau weiterhin behandelt, sei dem Mann aber distanzierter begegnet. Nicht distanziert genug.

Nach dem Vorfall habe sie ihre Mutter angerufen. Einen weiteren Hausbesuch zog sie durch, obwohl sie „durch den Wind war“. Weitere Besuche sagte sie ab. Sie rief bei Ehefrau und Tochter des 82-Jährigen an, schilderte die Tat. Dann informierte sie sich bei der Polizei, wie sie Anzeige erstatten könne, was sie am Montag danach tat.

Im Verlauf der Verhandlung wird deutlich, dass die Frau sich stabil präsentiert, sie war in psychologischer Behandlung, sich aber auch „angeekelt, beschmutzt und beschämt“ zeigt, wie Greiner ausführt. Das seien die Folgen des Übergriffs. Anhaltspunkte einer minderschweren Tat sieht Greiner nicht, sagt sie an die Adresse des Anwalts. Eher könne man fast von einem schweren Fall sexueller Nötigung ausgehen, da der Mann weder gestanden noch sich entschuldigt und vor allem das Vertrauen ausgenutzt und diese Situation vorsätzlich herbeigeführt habe. Drei sexuelle Handlungen lägen vor: Kussversuch, Beckenstoßen und Brustberührung, „ein simulierter Geschlechtsakt“. Daher gelte die Mindeststrafe von einem Jahr. Der Mann sei alt, nicht vorbestraft, daher die Bewährung. Die Zeugin wirke glaubhaft. Die Aussagen von zwei Polizisten unterstrichen dies.

Der Welzheimer Rechtsanwalt des Beklagten, der die Angehörigen der 28-Jährigen zu Kopfschütteln und Schlucken veranlasste, zielte darauf, die Frau als unglaubwürdig darzustellen. Er wollte Widersprüche zwischen dem Polizeiprotokoll und dem Auftritt vor Gericht entlarven. Ohne Erfolg. Er ließ die 28-Jährige den Übergriff in Teilen nachstellen, suggerierte, sie habe im Keller einen Schritt auf den Mann zugemacht. Sie habe nach dem Vorfall eine weitere Behandlung durchgeführt. Wie passe das zusammen? Er fragte, was sie an der Figur so abstoßend finde, die habe doch augenscheinlich zum Verhalten des Mannes, Witze unter der Gürtellinie, gepasst. „Sie sind eine junge Frau. Ich nehme an, dass Sie mit Ihrem Freund auch Sex haben. Was hat Sie an der Figur angewidert?“ Derlei geschmacklos konfrontiert, atmete die Frau tief durch. „Von dem Mann einer Patientin so eine Figur vorgelegt zu bekommen, das widert mich an.“ Nach dem Urteil verließ sie schnell den Gerichtssaal, wohl auch, um dem Anwalt zu entkommen.