Schorndorf

Sie wollte nicht der brave Kasper sein

1/3
Puppenspielerin_0
Friedericke Miller als Yoda-Puppenmensch: So sieht moderne Puppenspielkunst aus. © Sarah Utz
2/3
Puppenspielerin
Friedericke Miller als Yoda-Puppenmensch: So sieht moderne Puppenspielkunst aus. © Palmizi / ZVW
3/3
96beddff-7d28-4695-83d5-50d516620eec.jpg_2
Kasperletheater? Weit gefehlt. Szene aus dem Stück „Fürchten!“ © Palmizi / ZVW

Winterbach. Eigene Stücke machen und herumreisen – das war und ist der Traum von Friedericke Miller. Und die 28-Jährige ist dabei, ihn sich zu erfüllen. Obwohl sie sich erst nicht traute, den Schritt zu gehen und sich dem vermeintlich brotlosen Beruf der Puppenspielerin hinzugeben. Nach einem Umweg ging sie ihn doch – und bringt heute mit ihrer Kunst das Publikum zum Schreien.

Mit zwei angeschnallten grünen Ohren und einem Puppenkörper um den Hals wird Friedericke Miller zu Yoda, einer dem kauzigen Zwerg aus Star Wars nachempfundenen Figur im Darth-Vader-Shirt. Sie kauert sich auf den Boden, die Turnschuhe des Gnoms trippeln auf dem Boden, sie zieht Grimassen und haspelt magische Verkaufsangebote, die nicht nur jugendfreie Sprache enthalten. Man kann sich vorstellen, wie die Kinder ab elf Jahren, vor denen sie das Stück spielt, reagieren: „Hihihi, sie hat Penis gesagt!“ Und wie manche der begleitenden Eltern und Lehrer schlucken müssen.

Vielleicht fällt es aber auch gar keinem groß auf, weil es sich einfach einfügt in die Art des Schauspiels, das Friedericke Miller auf der Bühne hinlegt, und weil es ganz andere Schockmomente darin gibt. Das Stück „Fürchten!“ hat sie jetzt bei einem Gastspiel in der Heimat in Schorndorf im Phönixtheater und im Theater hinterm Scheuerntor in Plüderhausen gespielt. Es ist modern, es ist schmutzig, es ist ehrlich und direkt. Ob sie Kasperletheater mache, das wird die 28-Jährige meist als Erstes gefragt, wenn es um ihren Beruf geht. Sie kommt sogar von selbst darauf, ohne dass man die Frage im Gespräch überhaupt stellt. Doch weiter vorbei an der Antwort könnte man damit kaum liegen.

Friedericke Miller kam auf dem Burggymnasium in Schorndorf durch Wolfgang Kammer zum ersten Mal mit Theater und Puppenspiel in Berührung. Sie war in seiner Theater-AG und später bei ihm in der Gruppe Cacca di Cavallo des Plüderhäuser Theaters hinterm Scheuerntor. Doch nach dem Abi gab sie den Gedanken mit dem Theater erst mal auf. Wie das so ist: Die Eltern reden einem ins Gewissen. Die Unsicherheit fängt an, am Enthusiasmus zu nagen: Kann ich davon leben? Was, wenn es schiefgeht? „Dann traut man sich das nicht“, sagt Friedericke Miller. Sie ging stattdessen zum Theologiestudium nach Tübingen. Zweieinhalb Jahre hielt sie es aus. Bis sie einer der alten Spielgefährten aus der Theater-AG besuchte, der in der Zwischenzeit in Berlin Puppenspiel studierte und sie fragte: „Was machst du denn hier?“ Von ihm animiert wagte sie den Versuch, sich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin zu bewerben – und wurde genommen.

In den vier Jahren auf der Hochschule lernte sie alles, was dazugehört: Sprechen, Stimmtraining, Pantomime, Akrobatik, Technik, Dramaturgie, wie verschiedene Puppenarten funktionieren, wie man sich selbst und seine Kunst vermarktet. Und am Ende hatte sie ein Diplom in Zeitgenössischer Puppenspielkunst.

In so was kann man ein Diplom machen? Ja, weil es eben viel mehr ist als Kasperletheater. Aber Moment, nichts gegen Kasper: „Kasper ist super!“, sagt Friedericke Miller. „Aber er wurde missbraucht.“ Er muss heute der Verkehrskasper sein, der Sparkassenkasper, er muss pädagogisch wertvoll und brav sein. „Das ist eigentlich eine anarchische Figur“, sagt Miller, „die alles kann und darf und Grenzen überschreitet.“

Wenn ein Saal voller Kinder durchdreht, ist das Ziel erreicht

Um Grenzüberschreitungen geht es auch in dem Stück „Fürchten!“ mit dem Gnom Yoda, frei inszeniert nach dem Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Und irgendwie auch um die eigene Lebensgeschichte von Friedericke Miller: „Es geht um Existenzangst. Darum, zu sagen: Glaub’ an dich und geh deinen Weg, auch wenn die anderen um dich rum was anderes machen.“ Oder: Wenn man etwas gefunden hat, das man liebt, dann sollte man das weiterverfolgen.

Absehen von der Botschaft haben die junge Puppenspielerin und ihr Kollege Gildas Coustier den Anspruch, ihre Zuschauer emotional mitzureißen. Dabei nehmen sie den Titel „Fürchten!“ ernst. Und wenn ein Saal voller Kinder durchdreht und brüllt, dann haben sie ihr Ziel erreicht.

Normalerweise fürchtet man sich ja nicht im Theater, so wie man das vielleicht in einem gruseligen Film tut, der einen in den Bann zieht. Doch das gute Gefühl des sicheren Abstands im Theatersessel weichen Miller und Coustier durch geschickten Einsatz der Mittel auf: Dunkelheit, Blair-Witch-Projekt-mäßige Videosequenzen, Gruselsound und überraschende Schockmomente. Das Publikum ist mitten drin, darum geht es, das macht für Friedericke Miller den Reiz des Theaterspielens aus. „Alles sein zu können und Welten zu kreieren und die Zuschauer mitzunehmen in eine andere Welt – das finde ich faszinierend.“

„Ich bin keine Institution wie die Schule“

Die Reaktion der Zuschauer direkt zu spüren, das liebt sie. Deswegen spielt sie auch gerne vor Kindern: Ihre Emotionen sind ungefiltert und brechen einfach heraus. Zum Beispiel, wenn derbere Worte fallen, auch der Ausruf: „Das sagt man doch nicht!“ Warum nicht? Friedericke Miller zuckt die Schultern: „Ich bin keine Institution wie die Schule. Das ist meine Sprache.“ Verstellen, das funktioniert in ihrem Konzept des Theaters nicht. Sie muss persönlich mitgehen, sie muss drinstecken. Sie kann sich nicht zum braven Kasper machen.

Und ihre eigenen Eltern? Seien mittlerweile ziemlich stolz auf die Tochter, sagt sie. Immerhin hat die ein Diplom und kann von ihrem Beruf mittlerweile leben. „Sie merken, dass mich das begeistert, was ich mache.“ Die Eltern sind selbst zu Puppentheater-Fans geworden. Auch sie hat Friedericke Miller mitgerissen.

Mehr Infos
Manufaktor heißt die Schauspiel-Companie, die Friedericke Miller mit anderen gegründet hat. Mehr Infos dazu gibt es auf: www.manufaktor.eu.