Schorndorf

Sinti und Roma-Leben in einem Spindschrank

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Im Rahmen der Ausstellung gab’s auch kleine gespielte Episoden, die Momente der Ausgrenzung darstellten. © Steinemann / ZVW

Schorndorf. Sinti und Roma-Leben in einem Spindschrank ausgestellt, die Silhouetten der ermordeten Guttenbergers auf dem Boden, eine Collage mit Bildern ermordeter Kinder, Schuhkarton-Schubladen, gefüllt mit individuellsten, persönlichen Gegenständen jüdischer Schüler. „Life Trails“ – Lebenswege heißt die Ausstellung, mit der Schüler dreier Nationen ihr schul- und länderübergreifendes Projekt zu einem plakativen Abschluss gebracht haben.

Mitten in der Aula der Johann-Philipp-Palm-Schule hängt eine Wäscheleine. Daran: Hemden, Hosen, allerlei. Daneben etliche Koffer, vollgestopft mit Überlebenswichtigem und scheinbar Unwichtigem. Was mitnehmen, wenn man vertrieben wird?, fragen die Schüler im Rahmen der Ausstellung ihres „Life-Trail“-Projektes sich selbst und ihre Besucher. Was besitzt Wert, wenn wichtige Fragen offenbleiben. Darf man am vorläufigen Ziel bleiben? Gibt es zu Essen? Wie reagieren die Menschen auf Fremde? Was muss in den Koffer? Pullover, Hosen, Unterwäsche, Waschpulver vielleicht, eine Zahnbürste? Oder vielleicht doch etwas, was emotionalen Wert besitzt, was Halt gibt? Ein Buch, alte Bilder, ein Kuschetier, ein Musikinstrument, Erinnerungen?

„Wir sind alle gleich. Wir sind doch alle Menschen“

Auf ihrer Reise durch drei Nationen und drei Zeitabschnitte haben die Schülerinnen und Schüler aus Schorndorf, Antwerpen (Belgien) und Novy Jicin (Tschechien) sich bemüht, eine solche Innensicht von diskriminierten Gruppen zu erlangen. Sie haben mit Sinti und Roma sowie Juden gesprochen, mit solchen, die heute jung sind und mit solchen, die den Holocaust überlebt haben. Mittels Recherchen einschlägiger Literatur und im Museum und haben sie sich außerdem in ältere Zeiten eingearbeitet. Eines hat Fiona Bauer (19) aus Schorndorf dabei gelernt: „Egal, wo wir herkommen, welche Religion wir haben, wir sind alle gleich. Wir sind doch alle Menschen.“

Wie es zu dem Projekt kam? Spanisch-Lehrerin Amparo Morte-Redondo hatte an einer Fortbildung teilgenommen. Dabei erarbeiteten Pädagogen, wie man europäische Projekte, die für Toleranz werben, an Schulen umsetzen könnte. Zusammen mit einem belgischen Kollegen entwickelte sie die Idee für jenes Rechercheprojekt. Ein tschechischer Kollege konnte außerdem gewonnen werden. Die Stiftung „Erinnern Verantworten Zukunft“ fand das Konzept überzeugend und sagte eine Förderung zu. Rund 22 000 Euro, das sind etwa 80 Prozent der Reise- und Projektkosten, waren damit gedeckt. Je 14 Jugendliche aus den drei Ländern konnten an den einzelnen Fahrten teilnehmen. Im jeweiligen Gastgeberland halfen aber stets noch weitere interessierte Schüler mit.

Das Ziel: Überlieferten Vorurteilen und Stereotypen nachspüren, sie entlarven und die entstandenen Leerstellen mit Wissen füllen. „Erst dann können sich die Schüler eine eigene Meinung bilden“, erklärt Amparo Morte-Redondo. Hilfreich sei für die Schüler dabei auch die Erfahrung gewesen, selbst im jeweiligen Ausland fremd zu sein, sich nur auf Englisch verständigen zu können. Sich selbst als anders wahrzunehmen, habe geholfen, sich auf die Geschichten der Minderheiten einzulassen. „Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum weit weg“, weiß die Lehrerin. Da sei der gewählte Ansatz durchaus hilfreich, lobte auch Dr. Caroline Gritschke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Rahmen der Vernissage, in der Englisch durchweg die Sprache der Wahl war: „Sie haben eigene Fragen gestellt und sie mit Erfahrungen gefüllt.“ Es sei spannend, wenn sich junge Leute für solch ein europäisches Projekt einsetzten, europäische Fragen stellten. Schließlich seien sie es, die das zukünftige Europa prägen würden.

Und was haben die Schüler nun bei ihren Interviews gelernt? Sowohl Sinti und Roma als auch Juden, die die 40er-Jahre erlebt haben und heute noch Rede und Antwort stehen konnten, waren glücklich über den Besuch der jungen Schüler, berichtet Amparo Morte-Redondo. „Sie haben sich gefreut, dass sich heute noch jemand für die Dinge interessiert, die ihnen damals zugestoßen sind.“ Dies stets in der Hoffnung, dass so etwas nicht wieder passieren könnte, wenn die jungen Menschen über die Entstehung der Verbrechen Bescheid wüssten. Gerne hätten sie deshalb von ihren Erlebnissen und Leiden erzählt.

Auch die jungen Sinti und Roma hätten bereitwillig berichtet. Erzählten aber vor allem davon, wie ähnlich sie den fragenden Jugendlichen seien. Dennoch würden sie noch immer Opfer von Diskriminierungen. Eine befragte Journalistin mit Sinti und Roma-Abstammung berichtete von vielen Erlebnissen, in denen sie schon ausgegrenzt wurde, und davon, wie schlecht vertreten Sinti und Roma beispielsweise an Universitäten seien. Aber klar, für viele von ihnen ist durch die häufigen Ortswechsel ein kontinuierlicher Schulbesuch unmöglich.

In einer auf Deutschland bezogenen Studie der Bundeszentrale für politische Bildung kamen im Jahr 2011 erschreckende Zahlen heraus: 13 Prozent der befragten 261 Sinti und Roma hatten keine Schule besucht. In der Mehrheitsbevölkerung sind es wahrscheinlich unter einem Prozent. Mindestens 44 Prozent der Befragten hatten keinen Schulabschluss. Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung haben nur 7,5 Prozent der 15- bis 17-Jährigen keinen Hauptschulabschluss. Das verheerende Ergebnis: Nur 18,8 Prozent der Befragten hatten überhaupt eine berufliche Ausbildung absolviert. Immerhin – während beinahe 40 Prozent der Befragten über 50 Jahren keine Grundschule besucht hatten, sind es in der Gruppe der 14- bis 25-Jährigen nur noch rund neun Prozent. Eine Verbesserung der Schulerfolge ist immerhin zu erkennen.

Recht verschlossen gaben sich die befragten jüdischen Jugendliche. Die Schüler legten in den Interviews zwar wie die befragten Sinti und Roma-Schüler großen Wert darauf, dass sie sich nicht von den fragenden Jugendlichen unterscheiden. Wenige gaben zudem an, ein religiöses Leben zu führen. Die meisten aber wollten nicht mit Bild und Namen genannt werden. Zu groß war schließlich doch die Angst wegen der eigenen Abstammung exponiert zu werden. Man wisse schließlich nicht, wer Namen und Bild in die Hand bekomme, erklärt Lehrerin Amparo Morte-Redondo deren Reaktion. Und so wird deutlich: Noch immer ist in den jüdisch-stämmigen Jugendlichen etwas übrig vom Schrecken des Holocausts.

Weitere Infos
Die Spanischlehrerin Amparo Morte-Redondo hat das Projekt auf deutscher Seite federführend geleitet. Aber auch die Lehrerinnen Ina Schulz und Theresia Kieffer hatten auf Seiten der Johann-Philipp-Palm-Schule an der Umsetzung mitgearbeitet.

Gefördert wurden die „Life-Trails“ von der Stiftung „Erinnern Verantworten Zukunft“. Diese will die Geschichte der NS-Zwangsarbeit in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur verankern. Dabei kommen die Opfer zu Wort, die ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus nachkommenden Generationen vermitteln.