Schorndorf

So haben die Menschen in Schorndorfs US-Partnerstadt Tuscaloosa die Wahlen erlebt

USA Wahlen  2020
Vor einem Wahllokal in Tuscaloosa hat sich eine lange Schlange gebildet. © Privat

Erst liegt der amtierende Präsident Donald Trump vorne, dann doch wieder der aufstrebende ehemalige Vizepräsident Joe Biden. Unheimlich knapp ist die Auszählung der Wahlen in den USA, knapper als es die Umfragen im Vorfeld vorausgesagt haben, die Joe Biden favorisiert haben. Die Demoskopen lagen allerdings auch schon bei der Wahl vor vier Jahren deutlich daneben. Hinzu kommt, dass Donald Trump sich bereits zum Wahlsieger erklärt hat und mehrere Staaten wegen ihres Wahlprozesses zu verklagen versuchte, bevor überhaupt alle Stimmen ausgezählt werden konnten.

Die USA wählt - und die Welt schaut zu. In diesem Falle wendet sich unser Blick in Schorndorfs Partnerstadt Tuscaloosa in Alabama, von wo aus einige Einwohner erzählen, wie sie die Wahlen und die Zeit vor der Stimmabgabe in ihrem Heimatland erlebt haben.

Stadtrat: Der Anstand zwischen den Parteien ist verschwunden

„Ich bin unglaublich enttäuscht von der politischen Parteinahme, die sich im Land ausbreitet“, sagt Kip Tyner, Vorsitzender des Partnerschaftsvereins in Tuscaloosa. „Ich habe einst für einen US-Senator gearbeitet und der Anstand, den wir damals noch zwischen den Parteien genossen haben, ist leider verschwunden.“ Er sei schon sechsmal in den Stadtrat von Tuscaloosa gewählt worden und dankbarer denn je für seine Parteiunabhängigkeit.

„Ich glaube nicht, dass ich jemals so eine Wahlkampagne erlebt habe“, sagt Kip Tyner. Die Kandidaten verhielten sich im Vorfeld der Wahlen komplett unterschiedlich. Während Donald Trump zahlreiche Kundgebungen im ganzen Land gab, betrieb der frühere Vizepräsident Joe Biden den Wahlkampf größtenteils digital von seinem Zuhause aus. „Ich habe wirklich den Eindruck, dass die Mainstream-Medien dem Präsidenten gegenüber voreingenommen waren, was für mich als Journalist enttäuschend ist“, findet Kip Tyner. Selten seien beide Seiten einer Geschichte gezeigt worden. „Ich habe definitiv das Gefühl, dass diese Wahlen die wichtigsten in der jüngeren Geschichte sein könnten“, so Tyner.

Keine Diskussion über Politik mehr möglich?

Andy Paxton, der in Tuscaloosa wohnt, zeigt sich ebenso enttäuscht davon, dass viele US-Amerikaner Themen nur noch durch die Linse der parteipolitischen Einstellung sehen. „Es macht mich traurig zu sehen, dass bundesweite Wahlen mehr wie Wettkämpfe als demokratische Abstimmungen dargestellt werden“, sagt der Familienvater. „Es macht mich traurig, dass Kandidaten lieber große Kundgebungen halten, um an die Macht zu gelangen, statt ihre Wähler dazu aufzufordern, sich respektvoll und diszipliniert für das Wohl aller einzusetzen.“

Laura Lineberry ist im Vorstand des Partnerschaftsvereins von Tuscaloosa und hat sich angewöhnt, politische Diskussionen mit ihren Freunden oder ihrer Familie, soweit möglich zu vermeiden. „Wir haben einige angespannte Diskussionen geführt, weil wir geteilter Meinung sind“, berichtet sie. „Die Zeiten haben sich definitiv verändert. Die Menschen reden, um sich selbst reden zu hören, nicht um einen offenen und respektvollen Dialog zu führen.“

„Ich will, dass wir gemeinsam in die Zukunft gehen können.“

Sie habe den Eindruck, dass die Demokratie ihres Landes bedroht ist. „Ich habe das Gefühl, dass viele den „vereinigten“ Teil der Vereinigten Staaten aus den Augen verloren haben“, sagt Laura Lineberry. „Die Parteizugehörigkeit ist wichtiger als die Menschen geworden.“ Weil schon die Zeit vor der Wahl für die Amerikanerin aus Tuscaloosa stressig war, hat sie sich noch vor dem Wahltag entschlossen, die sozialen Medien und Nachrichten zu ignorieren, während die Ergebnisse ausgezählt werden, weil sie nur so durch einen für sie schwierigen Tag komme.

„Ich habe Joe Biden gewählt, der der einzige Kandidat ist, der den Heilungsprozess im Land starten kann“, sagt Laura Lineberry. „Der Schaden, der dem amerikanischen Volk in den letzten vier Jahren zugefügt wurde, ist furchtbar. Ich habe es noch nie erlebt, dass die Menschen so gespalten waren. Ich will, dass wir gemeinsam in die Zukunft gehen können.“ Gewählt hat Lineberry coronabedingt schon vor dem Wahltag, weil sie befürchtete, dass die überfüllten Wahllokale ohne Maskenvorschrift nicht sicher genug sein könnten.

Im Wahllokal: "Es herrscht Totenstille."

„Ich bin fünf Minuten, bevor es geöffnet hat, im Wahllokal angekommen“, beschreibt Richard Newton, der früher in Tuscaloosa gewohnt hat und jetzt im etwa eine Stunde entfernten Birmingham in Alabama lebt, in einem Beitrag in den sozialen Medien, der uns zugespielt wurde, seine Wahlerfahrung. Vor ihm in der Schlange, so schätzt er, warteten schon um die 500 Menschen, die meisten von ihnen zwanzig oder dreißig Jahre jünger als der 57-Jährige.

„Es herrscht Totenstille“, schreibt Newton. „Gerade habe ich ein paar Frauen reden und lachen hören. Das war das Einzige, das ich in der letzten Viertelstunde gehört habe.“ Die Menschen verhielten sich ernst. „Es fühlt sich an, wie in einem Landungsboot zu stehen, das sich schwerfällig durch das seichter werdende Meer auf den Strand zubewegt“, so Richard Newton. „Das ist nicht schlimm, es drückt nur den Ernst der Situation aus – und was auf dem Spiel steht.“

Erst liegt der amtierende Präsident Donald Trump vorne, dann doch wieder der aufstrebende ehemalige Vizepräsident Joe Biden. Unheimlich knapp ist die Auszählung der Wahlen in den USA, knapper als es die Umfragen im Vorfeld vorausgesagt haben, die Joe Biden favorisiert haben. Die Demoskopen lagen allerdings auch schon bei der Wahl vor vier Jahren deutlich daneben. Hinzu kommt, dass Donald Trump sich bereits zum Wahlsieger erklärt hat und mehrere Staaten wegen ihres Wahlprozesses zu verklagen

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