Schorndorf

So lässt sich nicht planen: Schorndorfer Kulturschaffende fordern Entkopplung von Inzidenz

Kulturlockdown
Milo Tadic, Vorsitzender des Clubs Manufaktur, Sven Pflug, Manager der Künkelinhalle, und Stefanie Grünes, Geschäftsführerin des Kulturforums, (von links) sind optimistisch, auch weil sie sich als Kulturschaffende dazu verpflichtet fühlen. © Gaby Schneider

Die Manufaktur, die Künkelinhalle und das Kulturforum – sie alle hat die Corona-Pandemie aus voller Fahrt ausgebremst, unzählige Veranstaltungen mussten gestrichen oder schon fünf-, sechsmal verschoben werden. Und obwohl sie sich als Kulturschaffende dem Optimismus verpflichtet fühlen: Die Hoffnung, dass es jetzt endlich losgehen kann, ist mit der Kopplung der Lockerungen an die Inzidenzzahlen verpufft. Denn erst, wenn die Inzidenz zwei Wochen lang, also aktuell bis 22. März, unter 50 bleibt, können Theater, Veranstaltungsorte und Kinos wieder öffnen. Doch wie soll man so Veranstaltungen planen und Tickets verkaufen? Dass für internationale Künstlerinnen und Künstler ganz andere Regeln gelten und es selbst innerhalb Deutschlands überall anders geregelt ist, ist dabei noch gar nicht mitgedacht.

Bestes Beispiel ist die „Q-Galerie für Kunst“, die angesichts einer Inzidenz von unter 50 vergangenen Montag hätte öffnen können. Doch weil die aktuelle Ausstellung im Internet stattfindet und die Galerie über keine Sammlung verfügt, die kurzfristig präsentiert werden könnte, bleiben die Wände leer. Die Ausstellung „Erkundungen“ der Kirchheimer Künstlerinnen Monika Schaber und Monika Majer soll perspektivisch rund um Ostern in der Galerie eröffnet werden, weil sich die Skulpturen nicht fürs digitale Format eignen. Doch wohlgemerkt: Sollte die Inzidenz wieder über 50 steigen, dürfen Besucherinnen und Besucher nur nach Voranmeldung in die Galerie kommen. Und bei einer Inzidenz von über 100 sind die Türen wieder zu.

Einziger Hoffnungsschimmer: Eine Open-Air-Saison

Mit dieser Unplanbarkeit und Nichtvorhersehbarkeit kämpfen alle Kulturschaffenden. Das wurde nicht zuletzt bei einem Treffen vergangene Woche bei OB Klopfer klar, an dem auch die Jugendmusikschule, die Volkshochschule, der Jazz-Club, das Figurentheater Phoenix, die Kulturgruppe Oberberken und der Profi-Musiker Rüdiger Kurz teilgenommen haben. Einziger Hoffnungsschimmer ist für sie eine Open-Air-Saison: Nach Ostern will die Manufaktur im Außenbereich aktiv werden. Nach den guten Erfahrungen mit den Sommer-Konzerten im Manu-Hof, soll es ein solches, coronakonformes Programm auch in diesem Jahr geben, schwerpunktmäßig mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region. „Das Programm steht, wir sind in den Startlöchern“, sagt Manu-Vorsitzender Milo Tadic und kündigt an: Da Corona nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine soziale Krise ist, soll es keine teuren Tickets geben, sondern ein Spendenkescher durchs Publikum gereicht werden – und jeder bezahlt, was finanziell möglich ist. Auch das Manu-Kino plant eine Open-Air-Saison. Und für die Kneipe, die, wie die ganze Gastronomie trotz staatlicher Unterstützung zu kämpfen hat, wird es vermutlich sowieso nur im Außenbereich weitergehen können.

Dank Corona-Soforthilfen, von denen die Manufaktur als soziokulturelles Zentrum profitiert hat, konnte während der Zwangsschließung nicht nur in eine neue Lüftungsanlage investiert werden, sondern auch in eine Außen-Soundanlage und -Bühne. Und von der, kündigt Tadic an, sollen alle Kulturtreibenden in Schorndorf profitieren: Die Bühne im Manu-Hof kann gemietet werden – zum Nulltarif.

Solidarität, Zusammenhalt und mehr Abstimmung

Um Solidarität und Zusammenhalt geht es auch Stefanie Grünes, Geschäftsführerin des Kulturforums, und Sven Pflug als Manager der Künkelinhalle. Auf 150 bis 180 gestrichene oder verschobene Verstaltungen bringt es die Künkelinhalle in der traurigen Bilanz seit Beginn der Corona-Pandemie. Das Kulturforum musste 2020 die Gitarrentage, das SchoWo-Bühnenprogramm sowie zwei Ausstellungen streichen und konnte statt der Kunstnacht nur einen coronakonformen Ateliertag anbieten. Noch ist geplant, die Gitarrentage in diesem Mai stattfinden zu lassen, mit dezentralen Workshops und Konzerten in der Manufaktur. Außerdem soll es – entweder am Burgschloss oder im Stadtpark – wieder ein Open-Air-Sommerprogramm geben. Falls in der Künkelinhalle gar nichts gehen sollte und auch weiterhin nur systemrelevante Termine wie Gemeinderatssitzungen und Gerichtsverhandlungen sowie Business- und Streaming-Veranstaltungen stattfinden dürfen, kann sich auch Pflug vorstellen, in den Außenbereich zu gehen. Doch dann ist, darüber sind sich alle einig, Abstimmung gefragt, um sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen: Mit drei tollen Veranstaltungen an einem Abend ist niemandem gedient.

Auch beim Thema Schnelltests, die womöglich Voraussetzung für Veranstaltungen werden können, wollen die Kulturschaffenden kooperieren – auch wenn sie wenig begeistert sind von der Aussicht, ihr Publikum zu kontrollieren. Wie, von wem und wann sich Zuschauer im Vorfeld testen lassen können, das kann durchaus ein Thema werden – ist aber von einer Institution alleine sicher nicht zu bewältigen. Ob das, wie Stefanie Grünes findet, überhaupt Aufgabe von Kulturschaffenden sein kann, und Kontrolle, wie Milo Tadic anmerkt, dem freiheitlichen Anspruch der Kultur eigentlich widerspricht, ist dabei noch gar nicht diskutiert. Genauso wenig die Tatsache, dass in Betrieben, Fabrikhallen und Supermärkten weiterhin Kontakte stattfinden, die im Kulturbereich nicht möglich sind.

"Kultur ist essenziell"

Der Zusammenhalt unter den Kulturschaffenden, das ist für Tadic einer der positiven Effekte der Krise. Die Sehnsucht nach Kultur ist groß – „und wir wollen, sobald es geht, Kultur wieder erlebbar machen“. Streaming-Veranstaltungen – mehr als ein Uns-gibt's-noch-Lebenszeichen kann das nicht sein. Der Telekultur, die viel Geld kostet, beim Publikum aber kaum ankommt, wollen sie endlich einen leibhaftigen Kontrapunkt entgegensetzen. Denn das ist spätestens in diesem, seit viereinhalb Monaten andauernden Kultur-Lockdown klargeworden: „Das Gemeinschaftserlebnis ist der Grund, warum die Leute wohin gehen.“ Und die Künkelinhalle, das Kulturforum und die Manufaktur möchten endlich wieder ihren Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten können. „Kultur ist“, wie Tadic es formuliert, „essenziell“.

Die Manufaktur, die Künkelinhalle und das Kulturforum – sie alle hat die Corona-Pandemie aus voller Fahrt ausgebremst, unzählige Veranstaltungen mussten gestrichen oder schon fünf-, sechsmal verschoben werden. Und obwohl sie sich als Kulturschaffende dem Optimismus verpflichtet fühlen: Die Hoffnung, dass es jetzt endlich losgehen kann, ist mit der Kopplung der Lockerungen an die Inzidenzzahlen verpufft. Denn erst, wenn die Inzidenz zwei Wochen lang, also aktuell bis 22. März, unter 50

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