Schorndorf

Sommer-Lesetipps: Welche Bücher die Schorndorfer Redaktion begeistert haben

Buchtipps
Die sonnige Zeit im Sommer bietet sich besonders zum Lesen im Freien an. © Gaby Schneider

Sommer, Sonne, Lesen. Für viele ist die Urlaubszeit auch die Zeit, in der sie endlich einmal wieder die Zeit haben, sich in ein gutes Buch zu vertiefen. An dieser Stelle empfehlen unsere Redakteure deshalb Bücher, die sie gefesselt, unterhalten und Neues gelehrt haben. Von Frauenfreundschaften in Georgien über afroamerikanische Polizisten in den USA kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und der Suche danach, wer der eigene Partner eigentlich ist bis hin zum Sachbuch über die Macht der Geografie und wie sie Staaten beeinflusst – bei unseren Lesetipps ist, wie man so schön sagt, für jeden etwas dabei. In diesem Sinne: Einen schönen (Lese-)Sommer!

„Alles“ von Moritz Hildt

Moritz Hildt ist 1985 in Schorndorf geboren und ging hier zur Schule. Heute lebt er in Tübingen. Seine Erstveröffentlichung 2003, noch als Abiturient, waren kurze literarische Skizzen mit Fotos seines Freundes Jonathan Strotbek, erschienen in Renate Busses „Zitronenpresse“. Inzwischen hat Hildt zwei Romane im Berliner Verlag duotincta veröffentlicht und zuvor 2016 eine Doktorarbeit in Philosophie über die „Herausforderung des Pluralismus“ bei John Rawls herausgebracht. Eher harter Stoff.

Doch keine Angst, sein bereits 2020 erschienener zweiter Roman „Alles“ glüht vor Sinnlichkeit. Und hat zugleich ein großes Thema: Was kann man über einen anderen, besonders aber über eine geliebte Person, wissen? „Alles“? Eine grandiose Selbsttäuschung. Ihr erliegt in diesem Buch Lukas Seeger mit seiner großen Liebe Helen.

Und für diesen jungen Mann, dargestellt als einen Alltagsgenießer der immergleichen Rituale und Wiederholungen, dem es genügt in seiner Arbeit als Kellner aufzugehen, hat Moritz Hildt einen wunderbar candiden Erzählton gefunden, der so viel preisgibt wie verheimlicht. Weil sich dieser Lukas selbst ein Geheimnis ist. Auch er führt ein sich fremdes Leben. Wie wir alle?

Nachdem nun seine Helen, mit der er ein Touristen-Café an der Ostsee betreibt, mit ihrem totgeglaubten, plötzlich aber wiedergekehrten ersten Mann nach Amerika verschwindet, fällt er ins Bodenlose. Gibt es noch Gründe? Er will nun „alles“ wissen.

Dem bisherigen Gelegenheitsnehmer fallen erstmals Entscheidungen zu. Und er reist Helen nach. Mit den drei Stationen (und Kapiteln) „Insel“ (Ostsee), „Sumpf“ (Louisiana) und „Wüste“ (Colorado) entwickelt sich die Geschichte zu einem brütenden Roadmovie mit fast krimiähnlichen Zügen. Da fährt sich einer aus. Und mit ihm wollen auch wir jetzt „alles“ wissen.

Dieser Seeger (Seeker/Sucher) dringt in die Welt dabei eher nicht durch Analyse denn durch ein hyper-aufgewühltes Sensorium für Farben und Gerüche und deren Empfindungsechos ein. Was Moritz Hildt da an Landschaftsimpressionen zaubert, ist so bewunderns- wie beneidenswert. Und dies, große Kunst, ohne mit Beschreibungsfuror seine Figur zu überfordern oder gar zu beschädigen.

Und wie geht dieser Bildungsroman unserer emotionalen Entleerungen aus? Nach seiner Unterweltsfahrt durch Sumpf und Wüste findet Lukas zwar Helen wieder. Aber auch mindestens eine abgründige Wahrheit zu viel. In einer atemberaubend finalen Pointe. Soll hier nicht verraten werden. Am Ende sehen wir ihn allein in einem Trailer in der Wüste. Er wartet. Auf sich? Sitzengelassen so ganz ohne „Alles“. Und wir mit ihm.

Na nich’ ganz. Schon beim Zuklappen webt sich das Buch im Leser nachwehend als verhüllend entbergendes Tuch weiter.

Moritz Hildt: Alles. Roman. 268 Seiten. Verlag duotincta, Berlin, 2020

„Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili

Gut 800 Seiten dick und auch noch als gebundenes Buch: Das wirkt eindeutig abschreckend. Doch Nino Haratischwilis neuester Roman „Das mangelnde Licht“ ist eine Wucht. Sich auf die Geschichte einer bedingungslosen Frauenfreundschaft Anfang der 1990er-Jahre – in einer Zeit des brutalen politischen Umbruchs in Georgien – einzulassen, lohnt sich. Und das Gute ist: Der Roman entwickelt beim Lesen gleich auf den ersten Seiten einen deutlich intensiveren Sog als Haratischwilis 2014 erschienener 1200-Seiten-Bestseller „Das achte Leben“. Auch hier erzählt die 1983 in Tbilissi geborene Autorin, Theaterregisseurin und Dramatikerin von Georgien – vom Zarenreich bis in die Nachwendezeit – und von den starken Frauen einer georgischen Familie.

Vier Frauen spielen auch in „Das mangelnde Licht“ die Hauptrolle: Keto, Ira, Nene und die freiheitshungrige Dina. Vor dem Hintergrund ihrer Freundschaft gewährt die Autorin einen Einblick in die postsowjetische Epoche, in die Grauen des Georgisch-Abchasischen Krieges, in dem auch Russland eine ungute Rolle spielte, und eine korrupte Macho-Gesellschaft. Es geht um Freundschaft, Verrat, Verzweiflung und Vergebung – die ganz großen Themen also.

Dass Nino Haratischwili eine Ausstellung mit Fotos der verstorbenen Dina als Rahmen ihres sprach- und bildgewaltigen Romans nutzt und die drei verbliebenen Freundinnen noch einmal in Brüssel zusammenkommen lässt, ist das geniale Gerüst eines Romans, den Kritiker als den bislang besten der preisgekrönten, georgisch-deutschen Autorin feiern. Bemerkenswert ist, dass die 39-Jährige, die als Jugendliche zwei Jahre in Deutschland war und 2003 zum Studium nach Hamburg kam, ihre Epen auf Deutsch schreibt.

Nino Haratischwili: „Das mangelnde Licht“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2022.

„Dark Town“ von Thomas Mullen

Der Zweite Weltkrieg ist gerade mal drei Jahre vorbei und das öffentliche Leben in den USA noch klar zwischen Schwarz und Weiß getrennt, als Atlanta ein Experiment wagt. In „Dark Town“ - so der Titel des Romans von Thomas Mullen, und zugleich der Name des Viertels, in dem die Handlung spielt - sollen zum ersten Mal überhaupt Afroamerikaner als Polizisten eingesetzt werden. Streifenwagen bekommen sie zwar keine und ihre Befugnisse sind sehr begrenzt – ermitteln dürfen nämlich nur ihre weißen Kollegen. Doch in dem damals noch tief rassistischen Land erscheint diese Idee ziemlich kühn – zumal in den schwarzen Vierteln die weißen Polizisten und ihre Willkür berüchtigt sind.

Viele haben, auch und gerade in der Polizei, großes Interesse daran, dass dieses Experiment mit den acht Männern möglichst schnell scheitert. Als dann ein Mord an einer jungen Afroamerikanerin geschieht, sich keiner dafür interessiert und weiße Polizisten ausgerechnet dem Vater des Opfers die Tat anhängen wollen, werden zwei Männer aus der Einheit der Afroamerikaner hellhörig. Sie beginnen damit, heimlich zu ermitteln. Dabei stoßen sie auf korrupte Gesetzeshüter, soziale Abgründe und ein dunkles, geheimes Netzwerk.

„Dark Town“ ist ein komplexer, doch packend geschriebener und exzellent von Berni Mayer ins Deutsche übersetzter Krimi. Es ist zugleich ein schonungsloses Porträt der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, ihrer Ungerechtigkeiten und Widersprüche. Die Lektüre vermittelt eine Ahnung davon, wie Afroamerikaner in diesem Land einst leben mussten. Und weshalb allzu vieles davon in den USA leider bis heute nachwirkt.

Thomas Mullen: „Dark Town“, Dumont, 479 Seiten, 2016.

„Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert“ von Tim Marshall

Wer sich eigentlich noch nie für Geopolitik interessiert hat, der sollte dieses Buch lesen. Wer sich schon immer für Geografie, internationale Beziehungen und Geschichte interessiert hat, der sollte dieses Buch auch lesen. Tim Marshall schafft es in „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert: 10 Karten erklären die Politik von heute und die Krisen der Zukunft“ auf unterhaltsame Art zu erläutern, wie die geografischen Begebenheiten eines Landes sich auf dessen Entwicklung, Beziehungen zu anderen Staaten und Zukunftsperspektiven auswirken. Auch für den aufmerksamen Nachrichten- und Sachbuchleser sind hier noch überraschende Fakten dabei, hauptsächlich zeichnet das Buch aber aus, dass es Zusammenhänge gut erklärt und einordnet.

Dabei geht der Autor nicht nur auf die spezifischen Begebenheiten der verschiedenen Länder ein, sondern umreißt auch deren Geschichte und erklärt so, wie sie da angekommen sind, wo sie heute stehen - zum Beispiel, indem er erklärt, warum Spanier aus verschiedenen Regionen oft ihre ganz eigene Identität bewahrt haben und misstrauisch gegenüber der Regierung sind oder warum einige Weltmächte so viel Interesse am Horn von Afrika zeigen. Selbst auf strategische Punkte im Weltraum und deren Wichtigkeit für Staaten wird eingegangen.

Am Ende des Buches bleibt dem Leser beziehungsweise der Leserin eigentlich nur der Wunsch nach Ausführungen zu weiteren Weltregionen und danach, was sie so interessant macht – wie gut, dass auch Tim Marshalls etwas älteres und fast gleichnamiges Buchvon 2015 schon im Bücherschrank steht.

Tim Marshall: „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert“, 417 Seiten, dtv, 2021.

Sommer, Sonne, Lesen. Für viele ist die Urlaubszeit auch die Zeit, in der sie endlich einmal wieder die Zeit haben, sich in ein gutes Buch zu vertiefen. An dieser Stelle empfehlen unsere Redakteure deshalb Bücher, die sie gefesselt, unterhalten und Neues gelehrt haben. Von Frauenfreundschaften in Georgien über afroamerikanische Polizisten in den USA kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und der Suche danach, wer der eigene Partner eigentlich ist bis hin zum Sachbuch über die Macht der Geografie

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper