Schorndorf

Sonderausstellung im Stadtmuseum: Mehr Schorndorfer Opfer der NS-"Euthanasie" als gedacht

Stadtmuseum
Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler in der Sonderausstellung, die auch an die Schorndorfer Opfer der „Euthanasie“ erinnert. © Gaby Schneider

Ende März schon wurde die Sonderausstellung über die „Aktion T4“ und die Schorndorfer Opfer der NS-„Euthanasie“ eröffnet – und mit dem Lockdown bald wieder geschlossen. Seit Anfang Juni endlich kann das Stadtmuseum wieder besucht werden. Eine Führung durch die Ausstellung konnte Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler bereits Ende des Monats anbieten. Das eigentliche Begleitprogramm – mit weiteren Führungen und Vorträgen – soll aber erst nach der Sommerpause im September starten. Sehenswert ist die Ausstellung aber schon jetzt: Sie zeigt die Wanderausstellung „Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes“ aus Berlin und widmet sich in einem zweiten Teil den Schorndorfer Opfern sowie den regionalen Institutionen Diakonie Stetten, Zentrum für Psychiatrie Winnenden und der Vernichtungsanstalt Grafeneck. Und die Zeit, in der das Stadtmuseum für Besucher geschlossen war, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genutzt, um die ursprünglich für 2020 geplante Ausstellung zu überarbeiten und zu erweitern.

Mindestens 17 Schorndorfer „Euthanasie“-Opfer

„Verlegt nach Grafeneck“ – dieser Hinweis in der Patientenakte findet sich bei mindestens 17 Menschen aus Schorndorf. Die Lebenswege von Albert Kohler, Elsa Heinrich, Karl Hottmann, Marie Anna Fetzer aus Schorndorf und Helene Krötz aus Oberurbach sind bereits bekannt und Teil der Ausstellung. Die Recherchen von Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler und vor allem von Volontär Stephan Lawall aber haben zwölf weitere Opfer mit Bezug zu Schorndorf aufgedeckt; bei der Mehrzahl handelt es sich um ältere Menschen, geboren in den 1880ern und 1890ern. Fündig wurde das Team vor allem im Bundesarchiv, auf dessen Internetseiten eine Liste aller Opfernamen einsehbar ist. Dass es die 70.000 Patientenakten, die in der NS-Diktatur von Anstalt zu Anstalt weitergereicht wurden, überhaupt noch gibt, ist letztlich dem Stasi-Archiv zu verdanken.

„Nach dem Zusammenbruch der DDR sind dort 30.000 dieser Akten aufgetaucht“, weiß Dr. Andrea Bergler. Um an weitere Informationen zu kommen, wurden die Einrichtungen angefragt, in denen die Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung damals untergebracht waren und wo noch große Datenmengen schlummern. Fündig wurden die Schorndorfer Historiker aber auch in den Staatsarchiven in Ludwigsburg und Sigmaringen. Die Ergebnisse der Recherchen sollen im Herbst vorgestellt und in die Ausstellung integriert werden. „Langfristig“, kündigt Dr. Bergler an, „sollen die Opfer auch einen Stolperstein bekommen.“

Wanderausstellung über die Tiergartenstraße 4

Geplant wurde die „Euthanasie“-Aktion der Nationalsozialisten zentral in einer Villa am Rand des Berliner Tiergartens, wo sich heute die Philharmonie befindet. Als Namensgeber der „Aktion T4“ ist die Tiergartenstraße 4 in die Geschichte eingegangen: Zwischen 1940 und 1941 erfassten die Nazis von dieser Berliner Villa aus systematisch mehr als 70.000 Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung, deportierten sie in insgesamt sechs Vernichtungsanstalten und ermordeten sie dort.

Im Fokus der Ausstellung, die noch bis Ende Januar zu sehen sein ist, stehen aber auch Fragen zur Herkunft, zu Hintergründen und zum Anstaltsalltag der Opfer, die in den „Heil- und Pflegeanstalten“ Stetten im Remstal und Winnental in Winnenden untergebracht waren. Marie Anna Fetzer etwa befand sich nach der Diagnose in der „Universitäts-Nervenklinik“ Tübingen zuletzt in Winnenden. Von dort wurde sie, gerade mal 32 Jahre alt, 1940 mit einem Bus nach Grafeneck deportiert und am gleichen Tag umgebracht. An sie erinnert seit 2016 in der Römmelgasse auch ein Stolperstein.

Um die Lebensgeschichten der Opfer zu veranschaulichen, gibt es in der Ausstellung auch zwei Glasvitrinen mit zeittypischen Exponaten: eine Puppe, weil Helene Krötz auf Fotos immer mit einer abgebildet ist, ein altes Radio, weil sie gerne getanzt hat. Außerdem ist Strick- und Nähzeug in den Vitrinen zu sehen, weil sie zum Alltag der Menschen gehörten – und, weil „man oft ein falsches Bild von solchen Einrichtungen hat“, wie Dr. Bergler findet.

Schizophrenie: Bei 58 Prozent der Opfer Standarddiagnose

Eine Fahne in der Ausstellung widmet sich auch den Diagnosen dieser Zeit. Und so erfahren die Ausstellungsbesucher, dass bei 58 Prozent der Opfer Schizophrenie die Standarddiagnose war und Unheilbarkeit sowie Arbeits- und Bildungsunfähigkeit Auswahlkriterien für die Deportation in eine Vernichtungsanstalt waren. Tatsächlich war die Auswahl aber trotzdem oft sehr willkürlich. Da im Nationalsozialismus von „Gnadentod“ die Rede war, wird heute von der sogenannten „Euthanasie“ gesprochen, das Wort wird in Anführungszeichen gesetzt.

Schließlich hat das Stadtmuseum für die bisher bekannten Opfer fünf Tonfiguren aus Jochen Meyders „Kunstprojekt Grafeneck 10.654“ angekauft und sie ausgestellt: Mit 10.654 einzeln modellierten Terrakotta-Figuren erinnert der Künstler aus Dotingen bei Münsingen an alle Menschen, die 1940 in Grafeneck ermordet wurden.

Info

Die Sonderausstellung ist noch bis 27. Januar 2022 im Saal des Stadtmuseums zu sehen, und zwar dienstags bis samstags von 14 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 17 Uhr. Alle aktuellen Informationen zur Ausstellung und zu den Besuchermodalitäten gibt es auf www.stadtmuseum-schorndorf.de.

Ende März schon wurde die Sonderausstellung über die „Aktion T4“ und die Schorndorfer Opfer der NS-„Euthanasie“ eröffnet – und mit dem Lockdown bald wieder geschlossen. Seit Anfang Juni endlich kann das Stadtmuseum wieder besucht werden. Eine Führung durch die Ausstellung konnte Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler bereits Ende des Monats anbieten. Das eigentliche Begleitprogramm – mit weiteren Führungen und Vorträgen – soll aber erst nach der Sommerpause im September starten. Sehenswert ist

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