Schorndorf

Stadtbücherei: Praktikabel ist gut, zentral ist besser

Stadtbücherei
Der Standort scheint klar, der Zeitpunkt der Realisierung ist es noch nicht. Bücherei-Leiterin Marianne Seidel muss sich noch das eine oder andere Jahr gedulden, bis sie mit ihrer Stadtbücherei in größere Räume – aller Wahrscheinlichkeit nach am Archivplatz – umziehen kann. © Archiv: Büttner / ZVW

Wenn in der Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend nichts Außergewöhnliches mehr passiert, dann wird – mit dem Vorbehalt, dass sich das Projekt für maximal sechs Millionen Euro realisieren lässt – besiegelt, dass die Stadtbücherei ihre neue Heimat am Archivplatz findet.

Video: Hans Pöschko zum Thema Standort der Bücherei, Archivplatz oder Güterbahnhof.

Gut so aus zweierlei Gründen: Erstens, weil der Standort als solcher mit seiner zentralen Innenstadtlage und mit seiner Nähe zu mehreren Schulen der eindeutig bessere ist im Vergleich zum randständigen Güterbahnhof. Und zweitens, weil es höchste Zeit ist, die Diskussion um die zukünftige Unterbringung der Stadtbücherei zu beenden, bevor der Entscheidungsprozess und die Auseinandersetzungen um die beiden möglichen Standorte Formen und Auswüchse annehmen, die zwangsläufig dazu führen müssten, dass Porzellan zerschlagen wird und dass sich in der Stadtgesellschaft Gräben auftun, die nur schwer wieder zuzuschütten sind. Was dem ganzen bisherigen Prozess nicht gerecht würde, weil die Diskussion über die verschiedenen Standortvariationen, beginnend am derzeitigen Standort zwischen Volkshochschule und Stadtpark (Erweiterung oder Neubau), sich fortsetzend über die Idee einer Stadtbücherei in der seitherigen Technikgalerie und gipfelnd schließlich in der Alternative Archivplatz oder Güterbahnhof, bislang sehr transparent und so offen geführt worden ist, dass sich jeder Einzelne und jede Interessensgruppe mit ihren Wünschen, Vorstellungen und Argumenten einbringen konnte.

Stadtbücherei oder Markthalle

Das heißt nicht, dass alle mit der sich jetzt abzeichnenden Entscheidung auf Anhieb glücklich sein müssen. Schließlich ist das Argument, dass sich eine Stadtbücherei im Güterbahnhof möglicherweise unkomplizierter und mit einem praktikableren Raumangebot realisieren lasse, nicht ganz von der Hand zu weisen. Umgekehrt aber gilt, dass eine Stadtbücherei im Herzen der Stadt und in einem historischen Gebäude eine – in Verbindung mit einem Anbau auch architektonisch – spannende Herausforderung ist. Nicht zu vergessen, dass die verkehrliche Lage des Güterbahnhofs im vielbefahrenen Kreuzungsbereich Rosen-/Künkelinstraße vor allem für Kinder und Jugendliche nicht die sicherste ist und dass es mit dem Angebot von Heinz Lochmann, an dieser Stelle eine Markthalle zu bauen, eine hochinteressante und konkrete Alternative gibt. Und dann ist da noch das nicht zu unterschätzende Votum des Gestaltungsbeirats, dass Innenstädte in Zeiten, da der Einzelhandel nur noch bedingt eine verlässliche Größe ist, zunehmend auf öffentliche Einrichtungen als Frequenzbringer angewiesen sind. Das Gegenargument mit der jetzt schon beengten Parkplatzsituation am Archivplatz relativiert sich vor diesem Hintergrund und sollte bei einer Stadtbücherei ohnehin nicht die große Rolle spielen – schon gar nicht, wenn sie, wie gesagt, in unmittelbarer Nachbarschaft mehrerer Schulen liegt. Oder gilt er dann auf einmal nicht mehr, der ansonsten gern genommene Hinweis, dass Büchereien, zumal in Zeiten der Ganztagsschule, mehr und mehr zu außerschulischen Lernorten werden (sollten)?

Die Debatte nicht zum Kulturkampf hochstilisieren

Es gibt also genügend Gründe, die Debatte um die Ansiedlung der neuen Stadtbücherei nicht zu einer Art Kulturkampf hochzustilisieren oder, wenn die Entscheidung endgültig gefallen ist, in dieser Richtung Nachhutgefechte zu führen, sondern zu akzeptieren, dass beide Standorte, der Güterbahnhof genauso wie das derzeitige Technische Rathaus am Archivplatz, gute Lösungen für eine neue Stadtbücherei (gewesen) wären. Dass zu diesem Zugeständnis bislang vor allem die Freunde der Stadtbücherei beziehungsweise deren Vorsitzende nicht bereit gewesen sind, ist insofern bedauerlich und unglücklich, als sich die Frage stellt, wie ein Verein konstruktiv an der Entwicklung der Stadtbücherei an einem Standort mitarbeiten will, den er zuvor im Zusammenwirken mit Lokaler Agenda und Weststadtverein überwiegend beziehungsweise ausschließlich schlechtgeredet hat. Ganz davon abgesehen, dass durch diese kompromisslose Haltung auch Bücherei-Leiterin Marianne Seidel gehörig unter Druck gesetzt wurde – ohne dass ihr zugutegehalten worden wäre, dass sie als Bücherei-Leiterin nun mal auch Angestellte der Stadt ist und deshalb in ihren jeweiligen Meinungsäußerungen nicht immer völlig frei und unbefangen sein kann.

Die Weststadt würde von einer Markthalle mehr profitieren

Nicht nachvollziehbar ist die einseitige Festlegung auf den Güterbahnhof als Büchereistandort aber auch aus Sicht des Weststadtvereins, der sich erstaunlicherweise von einer Stadtbücherei, die in aller Regel ganz gezielt aufgesucht wird, die große Belebung seines Quartiers versprochen hat. Warum es der Verein bislang zumindest nach außen hin noch nicht geschafft hat, sich mindestens die gleichen Effekte von einer Markthalle zu versprechen, bleibt sein Geheimnis und ist wohl der Verstrickung in besagtes Dreierbündnis geschuldet. Denn unter der Hand gibt es schon längst die Einsicht, dass die Weststadt von einer Markthalle letztendlich mehr profitieren könnte als von einer Bücherei, wenn sie bis zur Realisierung des Lochmannschen Konzeptes auch für sich selber die richtigen Lehren und Konsequenzen als Verbindungsglied zwischen Innenstadt und dem Komplex Markthalle/Chairholder/Kino zieht. Ob dafür allerdings ein im Rahmen des Projekts „Zukunftsinitiative Innenstadt“ entwickeltes Open-Gardening-Projekt ausreicht, darf bezweifelt werden.

Zwei Blöcke im Gemeinderat

Bleiben die Akteure in Verwaltung und Gemeinderat. Oberbürgermeister Matthias Klopfer, bekanntermaßen SPDler, ist es – und das mag einigen in der Stadtgesellschaft missfallen – wieder einmal gelungen, ein Projekt und eine Entscheidung in seinem Sinne zu steuern – diesmal mit der durchaus pikanten Note, dass er es geschafft hat, im Gemeinderat eine Mehrheit an der SPD-Fraktion (und den Grünen) vorbei zu organisieren, indem er sich mit der CDU- und der FDP/FW-Fraktion verbündet hat. Wobei der vom Oberbürgermeister gerne aufgegriffene Vorschlag, mit Heinz Lochmann über eine Markthalle auf dem Areal Güterbahnhof zu reden, von CDU-Stadtrat Ingo Sombrutzki kam. Jetzt stehen im Gemeinderat die beiden Blöcke festgemauert in der Erde, was einerseits bedauerlich ist, weil man sich vorstellen könnte, dass eine solche Abstimmung innerhalb der Fraktionen freigegeben wird, was andererseits aber vielleicht ganz gut ist, weil so eine Zufallsmehrheit, die niemand so richtig glücklich machen würde, vermieden wird. Wobei es aber gerade aus der SPD-Fraktion durchaus Signale gibt, dass nicht alle Mitglieder mit der harten und ausschließlich auf finanziellen Vorbehalten basierenden Linie ihres neuen Fraktionsvorsitzenden Thomas Berger einverstanden sind. Aber wer lässt schon seinen Fraktionsvorsitzenden gleich bei seiner ersten großen Abstimmung im Regen stehen!?

Bleibt das Nein zum Archivplatz?

Gleichwohl wird sich Thomas Berger – und dasselbe gilt natürlich für die Grünen – gut überlegen müssen, ob er auch im Gemeinderat, wenn er mit seinem Antrag auf Priorisierung des Standorts Güterbahnhof erwartungsgemäß scheitert, bei seinem Nein zum Standort Archivplatz bleibt oder ob er gemeinsam mit seiner Fraktion diese Alternative, auch wenn sie ihm nur als die zweitbeste beziehungsweise als die zweitsicherste, was die Finanzierung angeht, erscheinen mag, mitträgt. Es würde dem Projekt Stadtbücherei guttun, wenn es, und sei es nur auf Umwegen, von einer breiteren Mehrheit getragen würde. Zumal es ja, wie Berger schon deutlich gemacht hat, ohnehin keinen Zweifel gibt, dass die SPD-Fraktion – und wohl auch die Grünen – auch die Entwicklung des Bücherei-Standorts Archivplatz konstruktiv begleiten würden.