Schorndorf

Steigende Preise treffen sie mit voller Wucht: Wie eine Schorndorferin von nur zehn Euro am Tag lebt

Rita Costa
Rita Costa in ihrer Wohnung. © Benjamin Büttner

Teures Obst, das wegen einer braunen Stelle in der Tonne landet; überquellende Kleiderschränke, ein Auto, ein Fahrrad und die neuste Technik sowieso: Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Doch das gilt nicht für alle. Nur zehn Euro am Tag hat Rita Costa zum Leben. Mit voller Wucht treffen sie zurzeit die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise.

Alle Ausgaben kommen in ein Haushaltsbuch

Seit Jahren lebt Rita Costa (57) von einer kleinen Rente und Hartz IV. Sie beklagt sich nicht. Die kleine Frau mit den dunklen Haaren und der ruhigen Stimme ist sparsam und diszipliniert. Dass sie jeden Cent zweimal rumdrehen muss, daran ist sie gewöhnt. Zu Hause in ihrer sauber aufgeräumten 38 Quadratmeter großen Dachwohnung hat sie ein großes schwarzes Haushaltsbuch, in das sie alle ihre Ausgaben einträgt, von der Briefmarke bis zum Wintermantel. „Das rate ich jedem“, sagt die 57-Jährige. „Ob mit großem oder kleinem Einkommen.“ Sie selbst bezieht exakt 967 Euro an Rente und Hartz IV. Nach Abzug der Fixkosten wie Miete, Strom, Telekom und einer kleinen Versicherung bleiben ihr 310 Euro – zehn Euro am Tag.

Statt Butter streicht sie jetzt Senf aufs Brot

Viel war das nie, doch derzeit reicht es kaum noch zum Leben. „Man kommt fast nicht mehr über die Runden“, sagt auch die alleinstehende Rentnerin. Noch im Januar zahlte sie für ein halbes Pfund Butter 1,65 Euro, inzwischen kostet die Butter 2,19 Euro. Darauf hat sie reagiert. Statt Butter schmiert sie sich jetzt Senf als Unterlage aufs Brot. Zum Einkaufen geht sie zu Aldi und Lidl, aber auch zum Marktkauf und auf den Wochenmarkt. Eine gesunde Ernährung ist ihr wichtig – auch wenn sie dafür nicht viel Geld ausgeben kann. Der Tafelladen ist für sie allerdings keine Option. Weil sie infolge einer Krebserkrankung nicht lange stehen könne, habe sie um einen Termin fürs Einkaufen gebeten. „Das ging aber nicht“, sagt sie. Einmal stand sie trotzdem 40 Minuten in der Kälte an. „Danach“, sagt sie, „wollte ich nicht mehr.“

Jede Woche spart sie drei Euro

Rita Costa hat gelernt, mit wenig klarzukommen. Jedes Jahr aber fährt sie für drei oder vier Tage in den Urlaub an den Starnberger See. Eine Ferienwohnung gibt es dort erst ab einer Woche Aufenthalt. Also nimmt sie sich ein Zimmer in einer Pension. Am Starnberger See genießt sie das Wasser und den Blick auf die Berge und auch, dass niemand sie kennt. Manche würden sagen, der See sei ihr Kraftort. So ein Wort benutzt Rita Costa nicht, doch die Tage am Starnberger See sind ihr unendlich wichtig. Dafür spart sie eisern das ganze Jahr. „Jede Woche versuche ich, dafür was zurückzulegen. Ich spare drei Euro in der Woche.“

Die Diagnose Brustkrebs warf sie zurück

Seit 1993 lebt Rita Costa, die mit ihren Eltern im Alter von neun Monaten von Sardinien nach Deutschland kam, in Schorndorf. Sie arbeitete in einer Sozialstation in der Hauswirtschaft, musste die Stelle aus seelischen Gründen aufgeben und machte eine Umschulung zur Bürokauffrau. Eine Anstellung in einem Büro hat sie allerdings nie gefunden. Dann kam die Diagnose Brustkrebs und warf sie noch weiter zurück. Ihren Mut hat sie nicht aufgegeben. Sie geht spazieren, fotografiert gerne mit ihrem Smartphone, geht im Sommer manchmal in den Biergarten. „Manchmal verteile ich die Geburtstagspost für die Stadtkirchengemeinde.“

Höhere Stromkosten: Eine Katastrophe für sie

Hat sie Angst vor der Zukunft? Die Furcht, es irgendwann gar nicht mehr zu schaffen? Nein, sagt die Rentnerin mit ruhiger Stimme. „Aber mit der Stromkostenerhöhung steigen meine Stromkosten vermutlich von 40 auf 70 Euro. Dann kann ich gar nichts mehr zurücklegen.“ Damit würde auch der Starnberger See flachfallen: „Das wäre für mich das Schlimmste.“

"Es ist ein Überlebenskampf"

In Schorndorf ist Rita Costa zu Fuß unterwegs, sie spart und rechnet, wo es geht. Ihre Winterstiefel sind acht Jahre alt. Nur manchmal leistet sie sich einen Cappuccino, ein paarmal in der Woche auch Fleisch – Rind oder Geflügel. „Es ist teuer, ein Überlebenskampf“, sagt sie. Ein Kampf, der ihr auch manchmal zu viel wird. Bei ihrer Beraterin bei der Sozialintegrativen Alltagsbegleitung (SOA) kann sie Dampf ablassen. Aber als neulich die Nachricht über die Strompreiserhöhung kam, da sei sie fast durchgedreht. „Ich war nicht mehr ich“, erzählt die ruhige kleine Frau.

"Ich bin stolz, das habe ich in den Genen"

Dass sie sehr wenig Geld hat, dazu steht sie – dafür brauche man sich ja nicht zu schämen. „Wenn ich aber mitbekomme, dass jemand in der Tafel einkauft und dann noch bettelt, dann werde ich aggressiv.“ Wenn man für so wenig Geld einkaufen könne, brauche man nicht zu betteln, findet sie. „Ich bin stolz, das habe ich in den Genen von meinen Eltern aus Sardinien.“

Das Schlimmste verdrängt sie noch

Nachrichten schaut Rita Costa seit dem Ukraine-Krieg im Fernsehen keine mehr an. Den Ukraine-Krieg, sagt sie, ertrage sie nicht. Und was denkt sie über Politik? „Ich wünsche den Politikern, dass sie mal in meine Lage kommen“, sagt sie. „Ich soll Strom sparen – aber wo?“ Schon jetzt lebe sie reduziert, schalte den Fernseher erst am Nachmittag ein. Gratis bekommt sie, was sie für sich gerade am Schönsten findet: „Auf dem Weihnachtsmarkt die Schäfchen zu betrachten.“ Die seien so ruhig und entspannt: „Sie wissen nichts von der Welt.“ Und was ist zurzeit das Schlimmste? Rita Costa zögert, hat vielleicht für einen kurzen Moment die Tage am Starnberger See vor sich, die sie sich nächstes Jahr nicht mehr leisten kann. „Das Schlimmste verdränge ich noch“, sagt sie dann. Was sie sich wünschen würde? Wieder zögert sie und sagt dann einfach: „Dass mir jemand meinen Urlaub am See sponsert.“

„Es gibt viele in meiner Lage, aber sie verbergen es“

Rita Costa hat eine beste Freundin in Wernau, die sie aber nur selten sieht. Weihnachten wird sie wohl allein in ihrer kleinen Dachwohnung verbringen. Das findet sie nicht schlimm. Schlimmer sei Silvester - wenn alle anderen feiern. Rita Costa ist sicher, dass sie nicht die Einzige ist, die mit so wenig Geld leben muss. „Es gibt sicher viele in meiner Lage“, überlegt sie. „Aber viele verbergen es.“

Teures Obst, das wegen einer braunen Stelle in der Tonne landet; überquellende Kleiderschränke, ein Auto, ein Fahrrad und die neuste Technik sowieso: Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Doch das gilt nicht für alle. Nur zehn Euro am Tag hat Rita Costa zum Leben. Mit voller Wucht treffen sie zurzeit die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise.

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Seit Jahren lebt Rita Costa (57) von einer kleinen Rente und Hartz IV. Sie beklagt

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