Schorndorf

Stephan Lawall, Volontär im Schorndorfer Stadtmuseum, forscht zu Reinhold Maier

Volo Stadtmuseum
Der wissenschaftliche Volontär Stephan Lawall im Stadtmuseum neben Reinhold Maier, dem er seine Doktorarbeit widmen wird. © Gabriel Habermann

Es ist leider gar nicht so selbstverständlich, dass Wissenschaftler mit ansteckender Begeisterung über ihre Forschungsarbeiten sprechen können. Stephan Lawall kann es! Seit Februar 2021 arbeitet der 26-Jährige als wissenschaftlicher Volontär im Stadtmuseum Schorndorf. Und hat sich dort infiziert. Nicht an Corona, sondern am Virus Reinhold Maier. So geschehen während der Vorbereitung zur Ausstellung über den ur-liberalen schwäbischen Schlitzohr-Politiker im Museum, bei der Lawall mitarbeitete. Dazu gleich mehr.

Pandemiegeschichte der Tuberkulose unter dem Aspekt der Kolonialgeschichte

Zuerst aber erzählt der junge Historiker, der an der Universität Heidelberg Geschichte sowie Ur- und Frühgeschichte (prä-historische Archäologie) studiert hat, geradezu hinreißend von seiner interessanten Masterarbeit. Mit einem scheinbar abseitig kuriosen Thema, das spannend eine Pandemie- mit dem heiklen Thema deutscher Kolonialgeschichte verbindet.

Dabei geht es um den erstmals 1903 in die Diskussion gebrachten Vorschlag, tuberkulosekranke Arbeiter zur Gesundung in das sogenannte„Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika zu entsenden. Die Idee hatte der in Berlin als Hausarzt praktizierende Dr. Julius Katz. Tuberkulose, für die es erst seit den 1940er Jahren wirksam heilende Antibiotika gibt, war ein großes pandemisches Problem. Und ist es, was gern übersehen wird, bis heute.

Um 1880 wurde in Deutschland jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen durch die auch wegen ihres lang(sam)en Verlaufs „Schwindsucht“ genannte Tbc verursacht. Weltweit sterben noch heute jährlich zwei Millionen Menschen an dieser durch Tröpfchenübertragung von einem Bakterium verursachte, ansteckende Krankheit.

Empfohlen wurden damals der guten Luft wegen Aufenthalte am Meer oder in Höhenlagen. Letzteres wäre in Deutsch-Südwest gegeben gewesen. Und so, erzählt Stephan Lawall, warb nun Julius Katz in Artikeln und in Vorträgen etwa bei der Deutschen Kolonialgesellschaft für seine Idee: Im Khomas-Hochland bei Windhoek sollten die Arbeiter akklimatisiert und auskuriert werden und dauerhaft als Siedler in der Landwirtschaft tätig bleiben. Eine innovative Verknüpfung, so Lawall, „des kolonialen Gedankens mit der staatlichen Gesundheitsfürsorge“. Also Afrika – prekär – erstmals für Weiße nicht als todbringend wilder, sondern als heilender Kontinent gedacht.

Es wurde nichts draus.

Gegner dieses Plans betrachteten Tbc-Kranke sowieso als „körperlich minderwertiges Material“. Dann kam während des brutal niedergeschlagenen indigenen Aufstands in Deutsch-Südwest zwischen 1904 und 1906, ein Völkermord, das Projekt erstmals zum Erliegen. Erfahrungen mit einem Pandemieausbruch bei der heimischen Bevölkerung durch Tbc-kranke Siedler im britischen Südafrika kamen hinzu. Schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs verlor Deutschland dann überhaupt seine Kolonien.

Und der patriotische Jude Julius Katz, fragen wir bang, der ist doch hoffentlich friedlich gestorben? „Er ist im Holocaust umgekommen“, sagt Lawall.

Der Netzwerker Reinhold Maier wird das Thema seiner Doktorarbeit

Nun aber zu Reinhold Maier. Über den will er nun seine Doktorarbeit schreiben. Thema? „Ich schaue mir die Netzwerke von Reinhold Maier an.“ Bemerkenswert an ihm sei, dass er „ein selbstbewusster Regionalpolitiker ist und sich auch so versteht“. Durchaus nicht ganz unaktuell: Demokratie im Spannungsfeld zwischen Transparenz und Fädenspinnen hinter den Kulissen. Oder wie Lawall sagt: „Demokratische Strukturen von der unteren Ebene her aufbauend.“ Wir sind gespannt, was Lawall da auslotet, beim knitz-jovialen „Graswurzel“- Politiker hinterm Trollinger-Weinglas an Wirtshausstammtischen.

Eine Uni-Karriere strebt Lawall nicht an. „Mir gefallen die unterschiedlichen Aufgaben im Museum. Die Ausstellungen, das Depot und vor allem der direkte Bezug zu den Menschen, dass man das Erforschte nach Außen tragen kann.“ Und als einen die Sache, die Geschichte sprühend vermittelnden und diskussionsfreudigen Forscher, haben wir Stephan Lawall im inspirierend langen, immer interessanten Gespräch denn auch kennengelernt.

Der in Verne - „zwischen Dortmund und Münster“ - geborene Wissenschaftler treibt ansonsten gern Sport: Fußball, Badminton und Halbmarathon. Auch hört er am liebsten gerade südamerikanische Musik und eine Reggae-Band aus Frankreich. „Die sind jetzt aber nicht weiß?“ Er googelt: „Doch.“ Koloniale Aneignung fremden Kulturguts? Geht aber gerade gar nicht! Wir lachen.

Es ist leider gar nicht so selbstverständlich, dass Wissenschaftler mit ansteckender Begeisterung über ihre Forschungsarbeiten sprechen können. Stephan Lawall kann es! Seit Februar 2021 arbeitet der 26-Jährige als wissenschaftlicher Volontär im Stadtmuseum Schorndorf. Und hat sich dort infiziert. Nicht an Corona, sondern am Virus Reinhold Maier. So geschehen während der Vorbereitung zur Ausstellung über den ur-liberalen schwäbischen Schlitzohr-Politiker im Museum, bei der Lawall

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