Schorndorf

Stickoxid-Belastung im gesundheitsgefährdenden Bereich

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Mit diesen Passivsammler-Röhrchen wurden in Schorndorf Stickoxid-Werte gemessen. © Gaby Schneider

Schorndorf. Einen Monat lang haben umweltbewegte Schorndorfer privat Stickoxid-Werte gemessen. Sie wollten wissen, ob es an der Ecke Schlichtener Straße/Burgstraße gesundheitsgefährdende Belastungen gibt. Das Ergebnis gibt eine vorsichtige Entwarnung. Der Grenzwert wurde nicht überschritten. Laut Umwelthilfe liegen die gemessenen Werte aber im gesundheitsgefährdenden Bereich. 

Bundesweit hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Anfang des Jahres zu solchen Messungen aufgerufen. In mehr als 500 Kommunen wurden diese schließlich durchgeführt (wir haben berichtet). Das Ergebnis: Nicht nur in den Großstädten, auch in vielen Kleinstädten werden die Grenzwerte für Stickoxid überschritten. Diese wurden von der Europäischen Union auf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft festgelegt. Zusätzlich existiert ein Ein-Stunden-Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf.

Doch die Deutsche Umwelthilfe stuft bereits Werte ab 20 Mikrogramm als gesundheitlich bedenklich ein. „Ich fand es erschreckend, dass mehr als 90 Prozent der im Februar gemessenen Werte in diesen Bereich fallen“, sagt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch auf Nachfrage unserer Zeitung. „Stark messbare negative Effekte sind dann bereits vorhanden“, sagt er mit Blick auf eine im März veröffentlichte Studie des Umweltbundesamtes. In dieser werden jährlich rund 6000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herzkreislauferkrankungen auf die Langzeitbelastung mit dem besonders gefährlichen Stickstoffdioxid zurückgeführt.

Die Schorndorfer Messung liegt deutlich unter dem EU-Grenzwert

Als Hauptursache für die Belastung mit dem gesundheitsschädlichen Gas gelten in Ballungsräumen die Emissionen von Dieselmotoren. Weshalb die DUH auch mit zahlreichen Klagen gegen Landes- und Bezirksregierungen vorgeht. Fahrverbote für bestimmte Diesel und eine werkseitige Aufrüstung der stark emittierenden Motoren seien notwendig, sagt Resch.

Durch die Aktion „Decke auf, wo Atmen krank macht“ wollte die Deutsche Umwelthilfe nicht nur auf die Gefahr durch Stickoxide hinweisen. Sie wollte auch darauf aufmerksam machen, dass es zu wenige Messstationen gibt. „Denn wir glauben, dass als Fundament für die Luftreinheit zunächst ausreichend Messwerte nötig sind“.

Belastung deutlich höher als im Februar gemessen?

Eine Gruppe von Freiwilligen um den Grünen-Stadtrat Wilhelm Pesch und die Lokale Agenda 21 hat sich im Februar an den Messungen beteiligt. Das Ergebnis für Schorndorf gibt zumindest vorsichtig Entwarnung. Demnach wurde im Februar an der vielbefahrenen Ecke Schlichtener Straße/Burgstraße eine Stickoxid-Belastung von 28,1 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Ein Wert, der klar unterhalb des EU-Grenzwerts liegt.

Tatsächlich, so die Umweltschützer, seien die Belastungen aber deutlich höher als im Februar gemessen. Grund dafür sei der starke Kälteeinbruch während der Hälfte des Messzeitraums gewesen, erklärt Jürgen Resch (siehe dazu auch: Stickoxide und Kälte). Die Einlassöffnungen der Passivsammler seien in dieser Zeit teilweise vereist gewesen und hätten deshalb das Stickoxid nicht richtig aufnehmen können. Der von den Passivsammlern ermittelte Wert liege um etwa zehn bis zwölf Prozent unter dem tatsächlichen Wert, sagt die DUH.

Sie beruft sich dabei auf Referenzmessungen an den offiziellen Messstationen, den Vergleich mit den Februar-Messungen des Umweltbundesamtes sowie den mit der Analyse betrauten Schweizer Wissenschaftler des Labors Passam AG. Weil sich die DUH nicht vorwerfen lassen will, Werte zu verfälschen, sollen deshalb im Juni an knapp 60 Messstellen, die Werte von mehr als 35 Mikrogramm aufgewiesen haben, nachgemessen werden.

Auch im Bahnhofsbereich soll im Juni gemessen werden

Auch die Schorndorfer wollen dann noch einmal mitmachen – obwohl die Kreuzung am Burg-Gymnasium nicht zu jenen Messstellen gehört, die in den Grenzbereich fallen. Die Unterlagen sind bereits an die DUH verschickt. Von Wilhelm Pesch, der das Ergebnis von 28,1 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft „einerseits schade, anderseits toll“ fand, im Juni aber lieber noch einmal messen möchte. Zusätzlich zur Ecke Schlichtener Straße/Burgstraße wollen er und seine Mitstreiter dann noch auf eigene Faust einen Passivsammler im Bahnhofsbereich anbringen, der neben den Stickoxid- auch gleich die Feinstaubwerte misst.


Kritik an Benzinern

Wegen der Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen hat die DUH auch den Benzinern den Kampf angesagt. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Geschäftsführer Jürgen Resch am Montag: „Es ist völlig absurd, dass die Autoindustrie erreicht hatte, dass Benzin-Direkteinspritzer bis 2017 zehnmal mehr Partikel ausstoßen dürfen als Diesel.“

Resch sagte gegenüber der Zeitung, Autohersteller wie Daimler hätten schon vor Jahren den Partikelfilter für Benzinmotoren versprochen. „Bis heute wurde aber auch dieses Versprechen nicht eingehalten.“ Sein Rat an die Verbraucher: „Finger weg von allen Benzin-Direkteinspritzern ohne Filter.“

„Die Bundesregierung muss die Dieselkonzerne dazu verpflichten, die Abschalteinrichtungen zu entfernen und im Rahmen einer technischen Nachrüstung funktionierende Katalysatoren auf Harnstoffbasis auf eigene Kosten einzubauen“, forderte Resch.

Um die Luft reinzuhalten, müsse es nach Ansicht des DUH-Chefs auch Auflagen für Kamine und Holzöfen geben, die schon seit Jahren mehr Feinstaub ausstoßen als alle Fahrzeuge zusammen. „Dort, wo es Probleme mit Feinstaub gibt, müssen entweder Einschränkungen oder Verbote von ungefilterten Kaminen ausgesprochen werden“, sagte Resch. „Die Städte sollten nur noch solche Kaminöfen erlauben, die mit einem Filter ausgestattet oder nachgerüstet sind.“

Stickoxide und Kälte

Das Umweltbundesamt hatte 2017 das Abgasverhalten von Dieselmotoren untersucht und dabei festgestellt, dass der Ausstoß an Stickoxiden umso stärker zunimmt, je kälter die Umgebungstemperatur ist.

Die Abgasreinigung funktioniert dann wesentlich schlechter, schaltet sich bei Temperaturen unter zehn Grad manchmal sogar komplett ab. Den Autoherstellern zufolge sei das nötig, um die Bauteile zu schützen.

Die Technik, das hat der Dieselskandal offenbart, ist auf Laborbedingungen von 20 bis 30 Grad optimiert. Unter diesen Konditionen wurden bisher die Stickoxid-Emissionen von Dieselfahrzeugen gemessen.

Hinzu kommt, dass kalte Luft stärker am Boden bleibt und damit das Stickoxid auch. Im Sommer hingegen steigen die Luftmassen auf, so dass sich der Stoff besser verteilen und mit sauberer Luft mischen kann.