Schorndorf

Straßenkunst – mit Videos als Farben

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Sie waren im öffentlichen Raum unterwegs, aber auch in zwei Vorbereitungsklassen in der Johann-Philipp-Palm-Schule. Dort haben Uta Weyrich und Eva Paulitsch (rechts) geflüchtete Jugendliche um ihre Handyvideos für ihr Kunstprojekt gebeten. © ZVW

Schorndorf. Videodreh mit dem Handy – nichts leichter als das. Kein Wunder, dass auf Mobiltelefonen Unmengen von Filmchen gespeichert sind. Auf die Handyvideos von Jugendlichen haben’s Eva Paulitsch und Uta Weyrich abgesehen: Die beiden Künstlerinnen waren in Schorndorf unterwegs, um Material für eine Videoinstallation zu sammeln, die Teil ihrer „Private matter“-Ausstellung ist, mit der im Juni die Q-Galerie für Kunsteröffnet wird.

Seit neun Jahren sind Eva Paulitsch und Uta Weyrich auf Tour, um in großen und kleinen Städten das zu machen, was zuletzt auch in Schorndorf Ziel von vielen Begegnungen und Gesprächen mit jungen Leuten war: Sie sammeln Handyvideos, damit ihr digitales Archiv größer und größer werden kann. 1600 Filmchen sind auf diese Weise schon zusammengekommen. Und dabei geht es den beiden Künstlerinnen nicht um hochwertiges Material oder spektakuläre Inszenierungen, sie sind auf Alltagssituationen aus. „Wie Tagebucheintragungen, sehr persönlich, sehr privat“, konkretisiert Uta Weyrich. Und ohne großen Aufwand sollen die Handyvideos die beiden Künstlerinnen auch erreichen – über Whatsapp.

Videoshow in der Galerie, aber auch im öffentlichen Raum

Das so aufgelaufene Material verarbeiten sie zu einer Videoinstallation – in Schorndorf erstmals zu sehen bei der Eröffnung der Q-Galerie für Kunst am Sonntag, 12. Juni, 15 Uhr, im Arnold-Areal. Wie bei einer Ausstellung in Frankfurt sollen auch hier Filmloops auf dünnen, vier Meter langen Stoffbahnen abgespielt werden. Dabei kann sich das Gefühl, selbst in einem Film zu sein, bei den Ausstellungsbesuchern einstellen. Und es wird nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern mehrere.

Zugleich sollen die in der Stadt gesammelten Videos nicht nur Museumsbesuchern vorbehalten sein, sondern bewusst der Öffentlichkeit zurückgegeben werden: Aus den Videos geschnittene Blicke werden auf Schaufenster projiziert. Die Videos selbst können über QR-Codes, die auf Plakaten, im Rathaus und im Lichthof der Galerie aufgehängt werden, überall angeschaut werden. Vorausgesetzt, auf dem Smartphone, das den Code einscannt, befindet sich die entsprechende App.

Um all dies vorzubereiten, sind die beiden Künstlerinnen vergangene Woche immer wieder durch Schorndorf geradelt, waren in der Wiesenstraße, nachts um halb zwölf vor der Volkshochschule, im Hammerschlag – und auch einen Vormittag in zwei Vorbereitungsklassen in der Johann-Philipp-Palm-Schule, in denen 30 junge Menschen aus Syrien, dem Iran, aus Kasachstan, Mazedonien, dem Kosovo, Nigeria, Somalia, Gambia und Litauen erst seit kurzem Deutsch lernen.

Überzeugungsarbeit mit Bildern und den eigenen Smartphones

Nicht einfach zu erklären, worum es geht. Doch die beiden Künstlerinnen sind Überzeugungsarbeit gewohnt – auf Deutsch, auf Englisch, mit Jamals Hilfe, den sie ein paar Tage zuvor auf ihrer Tour kennengelernt haben, auch auf Arabisch, aber vor allem über eine Bilderschau und ihre eigenen Smartphones als Anschauungsobjekt. Und irgendwann stiehlt sich auf die ratlosen Gesichter tatsächlich Interesse: Sobald die jungen Flüchtlinge ihre Handys, die während des Unterrichts in Kartons weggepackt sind, in der Hand halten, stöbern sie gleich nach passendem Videomaterial – und sind damit Teil des Kunstprojekts.

Für die Künstlerinnen ist das Archiv, das durch diese Bereitschaft beständig wächst, ein eigenes Zeitdokument, an dem sich auch ablesen lässt, welche Kleidung und welche Musik gerade angesagt sind, und wie sich Jugendliche selbst präsentieren. Sie sehen die Filme als Versatzstücke, in denen sich die Welt in ihrer Schnelllebigkeit spiegelt. Von den Videos vor allem geflüchteter Jugendlicher erhoffen sie sich obendrein, einen Einblick in deren Alltags- und Lebenswelt, in deren Sehnsüchte, Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse und Ängste zu bekommen. Und sie wollen anhand dieser Filmschnipsel, die sie in der Installation zufällig zusammenstellen, „einen Kosmos schaffen, in dem die Besucher ihre eigenen Schlüsse ziehen sollen“, sagt Eva Paulitsch, die seit 2003 mit Uta Weyrich im Künstlerinnenteam zusammenarbeitet. Beide verbindet das Interesse, Alltagssituationen einzusammeln. Die Straße, sagen sie, „ist unser Atelier, die Videos die Farben“.

Internetseite mit 1600 Handyfilmchen
Uta Weyrich, geboren 1963 in Groß-Gerau, und Eva Paulitsch, geboren 1973 in Klagenfurt, haben sich während des Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart kennengelernt. Seit 2003 arbeiten sie als Künstlerinnenteam zusammen und sind in Stuttgart und Berlin zu Hause. Mit ihrem Ausstellungskonzept waren sie bereits in Dortmund, Frankfurt, Zürich, Stuttgart, Mannheim, Freiburg, Göppingen, Potsdam und Ravensburg. Bevor sie nach Schorndorf kamen, waren sie in Dresden auf Video-Sammeltour.

Vernissage ihrer Schorndorfer Ausstellung „private matter“ ist am Sonntag, 12. Juni, 15 Uhr, in der Q-Galerie für Kunst im Arnold-Areal, die bei dieser Gelegenheit nach Umbauarbeiten wiedereröffnet wird.

Das komplette Videomaterial aus neun Jahren ist auf der Internetseite www.pw-video.com zu sehen.