Schorndorf

Sturz-Gefahr auf Spielplatz: Stadt Schorndorf widerspricht besorgten Eltern

gefährliches Spielgerät
Im Zentrum der Kritik: ein Gerüst auf dem Spielplatz am Ende der Baiereckerstraße. An dem Aufgang befindet sich keine Absicherung. © Benjamin Büttner

Wie sicher muss ein Spielgerät auf einem Spielplatz sein? Und wie viel Eigenverantwortung kann einem Kind zugemutet werden? Zu diesen Fragen haben Eltern aus Schlichten und die Stadtverwaltung ganz unterschiedliche Meinungen.

Spielgerät ohne Sicherung? Eltern sind "sprachlos"

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein etwa 2,50 Meter hohes Gerüst auf dem Grill- und Spielplatz am Ende der Baiereckerstraße. Zwei Wege führen auf dem Spielgerät nach oben: eine gerade Treppe sowie ein kreisförmig angelegter Steg, der sich immer weiter in die Höhe schraubt. Während an der Treppe ein Geländer zum Festhalten angebracht ist, fehlt an dem zweiten Aufgang jegliche Sturz-Sicherung. Und das, obwohl der Steg am Ende eine Höhe von über zwei Metern erreicht.

„Das macht mich sprachlos“, sagt Dorothee Roos. Die Schlichtenerin geht regelmäßig mit ihren Kindern auf den Spielplatz und ist eine von vielen Müttern, die sich über das Spielgerüst beschwert. „Was, wenn unsere Kinder beim Spielen aus zwei Meter Höhe herunterfallen?“

Eine berechtigte Frage, die für eine Familie bereits zur Realität wurde: „Im vergangenen Jahr ist ein Kind von dem Steg gestürzt, es bekam zunächst keine Luft mehr“, so Enza Schlotz. Die Mutter hat den Vorfall miterlebt und ist seitdem in Sorge, dass es ihrem Kind genauso ergehen könnte. „Wieso stellt die Stadt ein solches Gerüst ohne Sicherung auf? Das verstehe ich nicht.“

Große Gefahr, auf dem sandigen Steg auszurutschen

Vor allem im Sommer sei die Gefahr eines Unfalls besonders groß. Dort werde der Spielplatz in dem 850 Einwohner großen Teilort rege genutzt, meint Dorothee Roos. „Da befinden sich teilweise bis zu 40 Kinder zeitgleich auf dem Spielplatz“. Als Eltern verliere man bei so viel Andrang schnell den Überblick. „Zum Glück kennen unsere Kinder den Spielplatz und meiden den gefährlichen Aufgang“, sagt Enza Schlotz. Bei auswärtigen Kindern sei das allerdings nicht der Fall. „Die Gefahr, dass ein Kind auf dem sandigen Steg ausrutscht, ist sehr groß.“

Dass die Eltern erst jetzt ihren Frust über das Spielgerät rauslassen, habe vor allem einen Grund: „Die Mütter trauen sich nicht, sich zu beschweren. Aus Angst, dass sonst der Spielplatz wegkommt“, meint Rolf Röder, der Vater von Dorothee Roos. Deshalb sei man erst jetzt auf die Zeitung zugegangen.

„Dabei wurde der Spielplatz doch erst im Frühjahr 2020 saniert und neu gestaltet. Eigentlich müsste hier doch alles sicher sein.“ Wieso also stellt die Stadt Schorndorf ein solch unsicheres Gerüst auf? „Es sieht so aus, als sei das Spielgerät nicht fertiggebaut worden“, so Röder. „Ich könnte mir vorstellen, dass das Geländer einfach vergessen wurde.“

Kinder müssen ihre Grenzen erkennen und respektieren

Hakt man bei der Stadtverwaltung nach, ergibt sich ein ganz anderes Bild. „Nein, das Geländer wurde nicht vergessen, sondern bewusst weggelassen“, erläutert Herbert Schuck, Fachbereichsleiter Infrastruktur. Um dieses Handeln nachvollziehen zu können, müsse man wissen, dass Spielplätze nicht nur dem Vergnügen dienen. „Spielplätze sollen die kognitiven und motorischen Fähigkeiten fördern.“

Dazu gehöre auch, dass Kinder ihre eigenen Grenzen erkennen und respektieren. „In diesem Fall müssen Kinder, die sich nicht trauen, über den Stamm zu balancieren, oder unsicher zu Fuß sind, umkehren“, macht der Verwaltungsexperte klar. Zudem wolle man mit dem Spielgerät auch einen Anreiz für ältere Kinder schaffen. „Ohne ein gewisses Risiko ist das Gerät schnell langweilig und uninteressant“, so Schuck.

Fallschutz: Stadt verweist auf 40 Zentimeter starke Sandschicht

Ihm sei allerdings wichtig, zu betonen, dass die Stadt Schorndorf bei der Planung des Spielplatzes keine Normen missachtet habe und alle Standards eingehalten wurden. „Deshalb befindet sich unterhalb des Balanciersteges eine 40 Zentimeter starke Sandschicht als Fallschutz.“ Zudem habe ein zertifizierter Prüfer vom TÜV das Gerät nach dem Bau abgenommen, da es den aktuellen Sicherheitsstandards entspricht.

Auch dass die Stadt die Sicherheit der Kinder auf dem Spielplatz gefährdet, möchte Schuck so nicht stehenlassen. „Wir halten uns an die europäische Spielplatznorm und führen wöchentlich Kontrollen durch.“ Im gesamten Stadtgebiet werden einmal die Woche alle Spielplätze auf Vandalismus und Sauberkeit überprüft. „Alle drei Monate prüfen wir die Spielplätze auf Verschleiß und Funktionalität.“

Daher sehe die Stadtverwaltung im Gegensatz zu den Schlichtener Eltern auch keinen Grund dazu, an dem Steg Nachbesserungen durchzuführen. „Es wird vorerst kein Geländer montiert.“ Man sei dankbar über Hinweise und Verbesserungsvorschläge an den Schorndorfer Spielplätzen. „Doch muss man sich auch bewusst sein, dass die Stadt nicht alle Unfälle verhindern kann.“

Trotz der Aufregung um den fehlenden Absturz-Schutz wollen Dorothee Roos und Enza Schlotz aber nicht alles schlechtreden. „Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit der Situation in Schlichten. Der Spielplatz ist sehr schön und lockt auch viele Leute von außerhalb an.“ Fraglich sei allerdings, wie lange das mit dem Spielgerät noch gut gehe. Und dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis ein zweites Kind stürzt.

Wie sicher muss ein Spielgerät auf einem Spielplatz sein? Und wie viel Eigenverantwortung kann einem Kind zugemutet werden? Zu diesen Fragen haben Eltern aus Schlichten und die Stadtverwaltung ganz unterschiedliche Meinungen.

Spielgerät ohne Sicherung? Eltern sind "sprachlos"

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein etwa 2,50 Meter hohes Gerüst auf dem Grill- und Spielplatz am Ende der Baiereckerstraße. Zwei Wege führen auf dem Spielgerät nach oben: eine gerade Treppe

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