Schorndorf

Syrer macht Kunst aus Käseschachteln

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Im Bahnhofs-Atelier hat Weiso von Renate Busse die Chance bekommen, sich einen kleinen Arbeitsplatz einzurichten. Hier bereitet er – mit der tanzenden Bombe – auch seine Beteiligung an der Rue des Arts in Tulle vor. © Ramona Adolf
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Erst mit Bleistift, dann mit Acrylfarbe: Weiso hat aus der Werkstatt des Kulturforums noch einen ganzen Stapel Schachteln, den er bis zur Ausstellungseröffnung bemalen kam. © Ramona Adolf

Schorndorf. Orientalische Ornamente auf europäischen Käseschachteln. Diese Verbindung ist für Mohamad Alweis – obwohl erst seit einem Jahr in Schorndorf, schon besser unter dem Namen Weiso bekannt – ein Zeichen seines Neubeginns: Vor vier Jahren aus Syrien geflohen, kam er über Ägypten und die Türkei nach Schorndorf. Mittlerweile hat er im Figurentheater Phoenix und im Kunstverein Fuß gefasst. Sein Deutsch wird besser. Anfang Mai eröffnet er seine erste Ausstellung im Café de Ville.

Schon bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, hatte er Deutschland auf dem Plan. Irgendwann einmal. Doch dann fielen die Bomben, noch bevor er seinen Master in Kunst und Innenarchitektur an der Universität in Aleppo machen konnte. An einen Abschluss war nicht mehr zu denken. Kämpfen wollte er im Krieg keinesfalls. Und als ihm sein Vater, der bis 2002 ein hoher General in der syrischen Armee war, dringend riet, seine Zukunft woanders zu suchen, und ihm ein Flugticket nach Kairo in die Hand drückte, war Mohamad Alweis’ Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt.

Doch er konnte sein Studium in Kairo beenden, fand Anschluss an die Theaterszene und hatte dort, wie er sagt, „ein gutes Leben“ – bis ihn wie aus dem Nichts zwei Männer mit dem Messer angriffen und ausraubten. Nach diesem traumatischen Erlebnis zog es ihn fort, er ging auf Anraten seiner Familie in die Türkei. Doch nachdem mehr und mehr Syrer folgten, wurde die Situation immer schwieriger. Zumal er dort niemanden kannte, die Sprache nicht sprach. Wirklich lange überlegte er nicht: Da einige seiner Freunde bereits nach Deutschland gegangen waren, machte auch er sich gemeinsam mit seinem Bruder auf den Weg. „Mit dem Boot übers Meer“, sagt Weiso. Mehr Worte mag er über seine Flucht nicht verlieren. Bewusst hat er die schrecklichen Erlebnisse zur Seite geschoben. Auch an die erste Zeit in Schorndorf denkt er nicht gerne. Zu unwohl hat er sich in der fremden Stadt und dem engen Zimmer im Asylbewerberheim in der Wiesenstraße gefühlt.

Theater- und Künstlerszene brachten die Wende

Und heute will er in Schorndorf bleiben. Das Lebenswelten-Projekt des Figurentheaters Phoenix brachte für ihn die entscheidende Wende. Einen Kulturschock hat er, der in einer offenen Familie in der Großstadt aufgewachsen ist, nicht erlebt. Mit anderen Asylsuchenden und deutschen Mitgliedern des Jugendensembles bekam er die Gelegenheit, auf der Bühne zu stehen. Er lernte die Künstlerin Kathrin Feser kennen und kam über sie auch in Kontakt mit der Schorndorfer Szene. Plötzlich hatte er ein Ziel vor Augen. Eins kam zum anderen: Beim Aufbau der Kunststraße im Sommer 2015, bei der 60 Künstler aus vier Ländern 60 Schaufenster in der Stadt zum Thema „Mare Nostrum - das Mittelmeer“ bestückten, half er eine Woche lang mit, beteiligte sich am Symposium und war gemeinsam mit Kathrin Feser mit Bildern an der Werkschau im Atelier des Kunstvereins beteiligt. Die düsteren Bilder, in denen er seine Fluchterfahrung verarbeitet hat, sind aus heutiger Sicht fast wie ein Abschied von seinem tristen Leben.

Bei der Schorndorfer Werbeagentur Joussen-Karliczek konnte er ein Praktikum machen. Das bunte Punkte-Logo, das für das Zentrum für Internationale Begegnungen in der ehemaligen Schlachthofgaststätte steht, hat Weiso entworfen. Als ihm Oberbürgermeister Matthias Klopfer zu dem gelungenen Design gratulieren wollte, erlebten beide eine Überraschung: Sie kannten sich bereits – von der Verleihung des Bürgerpreises Rems-Murr, mit dem das Lebenswelten-Projekt in der Kategorie „Junge Helden“ ausgezeichnet wurde. Im Dezember folgte dann in Berlin der Deutsche Bürgerpreis in der Kategorie U 21. Und zwei Tage vor Weihnachten bekam Weiso auch noch die Aufenthaltsgenehmigung.

Bei der Kunstnacht ausgestellt

Überhaupt hatte Weiso bisher viel Glück und sagt, er habe zur richtigen Zeit die richtigen Leute kennengelernt: Bei der Kunstnacht war er dabei, mit Bildern, die er an eine Wand nahe Ulrich Kosts Atelier im Röhm-Areal aufhängen – und verkaufen konnte. Bei den Preisen, erzählt er, habe ihm Künstlerin Renate Busse geholfen, die ihm nach der Kunstnacht auch ein Plätzchen in ihrem Atelier im Bahnhof freigeräumt hat. Seitdem ist Weiso Mitglied im Kunstverein – und plant seine erste eigene Ausstellung in Schorndorf.

Die Käseschachteln, die er in der Werkstatt des Kulturforums im Arnold-Areal gefunden hat, bemalt er im Bahnhofsatelier mit orientalischen Ornamenten. Das ist für ihn Ausdruck einer Verbindung, die er im vergangenen Jahr eingegangen ist. Käseschachteln sind für ihn typisch deutsch, die orientalischen Zeichen Ausdruck arabischer Kultur. Eine Bedeutung haben die mit Acrylfarbe gemalten Schwünge nicht. Anders die Herzkurve, die er nach den Anschlägen von Paris der Eiffelturm-Linie folgen ließ – und darunter als Moslem bekannte: „Our hearts with you – Paris“. Oder die Bilder für die Rue des Arts, die im Juli in der französischen Partnerstadt Tulle eröffnet wird: Bei „Dance of Death“ tanzt eine Bombe im Tutu.

Nebenbei Deutsch gelernt

Wie nebenbei hat der junge Syrer Deutsch gelernt. „Wie ein Kind“, sagt der 29-Jährige, für den hier auch Kunst zur Sprache geworden ist. In die Feinheiten der Grammatik steigt er erst ein, seitdem er vor zwei Wochen einen Deutschkurs in Stuttgart begonnen hat.

An der Schorndorfer Volkshochschule hätte er ein halbes Jahr auf einen Platz warten müssen. Jetzt fährt er jeden Tag nach Stuttgart.

Der Kontakt zur Werbeagentur besteht weiter. Tatsächlich sucht Weiso aber eine Möglichkeit, in seinem Beruf als Innenarchitekt Fuß zu fassen.

Und eine eigene Wohnung steht ganz oben auf seiner Wunschliste. Der 29-jährige Syrer will wieder ein ganz normales Leben haben. Die Ausstellung im Café de Ville ist für ihn wie ein Neustart – nach der Devise: „Ich bin da, alles andere ist vorbei.“

Vernissage

Weisos Ausstellung „Käseschachteln“ wird am Mittwoch, 4. Mai, um 20 Uhr im Café de Ville, Beim Brünnele 5, eröffnet. Dort werden die Schachteln mit orientalischen Ornamenten zwei Monate lang zu sehen sein.