Schorndorf

Taschenspezialist Andreas Uhlig sorgt sich um den Schorndorfer Einzelhandel

Lederwaren Uhlig
Im Moment darf Andreas Uhlig sein Lederwarengeschäft nicht öffnen, für „Click & Collect“ eignet sich seine Ware aber eher nicht. © Gabriel Habermann

Der Einzelhandel tut sich schon seit Jahren schwer, dann kam Corona – und obwohl Andreas Uhlig von seiner Stimmungslage eher zuversichtlich ist und im vergangenen Sommer in seiner Einkaufspolitik einiges richtig gemacht hat, die Situation macht ihm Sorgen. Schon 2019, als er während der Remstal-Gartenschau die Besucher auch an seinem Lederwarengeschäft an der Johann-Philipp-Palm-Straße vorbeiströmen sah, erinnert sich Uhlig, habe er zu seinen Angestellten gesagt: „Denkt euch diese Menschen weg, dann seht ihr, wie viele tatsächlich da sind.“

Für ihn, sagt Uhlig, sei’s damals schon absehbar gewesen, dass die Kundenfrequenz in der Innenstadt sinkt. Und er ist froh, dass er sich vor einem halben Jahr von seinem Bauchgefühl leiten ließ und vorsichtshalber weniger Ware geordert hat. Auch, weil es in der Lederwarenbranche Hersteller gibt, die keine Stornierungen annehmen. Im Hinterkopf hatte er dabei auch das Ergebnis einer Bürgerbefragung aus dem Jahr 2015, die schon damals gezeigt hat: Für Jüngere – und damit sind in diesem Fall alle unter 45-Jährigen gemeint – ist die Schorndorfer Innenstadt weit weniger attraktiv als für Ältere, die vergleichsweise treu zum Einkaufsstandort Schorndorf stehen.

Parkplatzdiskussion: Für Uhlig wie eine „Vertreibungspolitik“

Schon damals, also vor fast sechs Jahren, war für ein Viertel der jüngeren Käuferschicht der Einkauf im Internet eine Alternative, im Gegensatz zu den über 60-Jährigen, die nicht mal zehn Prozent ihrer Einkäufe im Internet tätigten, dafür aber mehr als 60 Prozent in der Innenstadt. Die Erkenntnisse aus dieser Befragung kommen Uhlig immer wieder dann in den Sinn, wenn in der Stadtverwaltung und im Gemeinderat munter darüber diskutiert wird, innenstadtnahe Parkplätze deutlich zu reduzieren, sie stellenweise ganz zu streichen. „Das kommt für mich“, sagt Uhlig, „einer Vertreibungspolitik gleich.“

Wer Parkplätze auf dem Archivplatz oder auch dem Unteren Marktplatz opfern wolle, lasse die Bedürfnisse älterer Menschen, die sich meist schwertun, längere Strecken zurückzulegen, außer Acht. Und dabei, erinnert Uhlig, ist die ältere Bevölkerung „für die Innenstadt wichtig“. Gehe es mit der Kundenfrequenz so weiter, so die Befürchtung, „gibt es in zehn bis zwölf Jahren keinen nennenswerten Einzelhandel in den Städten mehr“.

Und obwohl der 56-jährige Einzelhändler zuversichtlich sein will und es für ihn, wie er sagt, kein Weltuntergang ist, ob die Läden wieder im Februar oder erst im März öffnen können, die coronabedingten Einschränkungen setzen natürlich auch ihm zu. Auf kluge Ratschläge, er solle einen Online-Shop eröffnen, kann er nur entgegnen: Im Textil- und Accessoirebereich liegt die Rücksendequote bei bis zu 50 Prozent. Die Kosten, die dadurch entstehen, „können nur von großen Versandhändlern getragen werden“. Mit denen mithalten zu wollen – was die Einkaufskonditionen und die Rabatte angeht: sinnlos.

"Click & Collect": Sinnlos in beratungsintensiver Branche

Auch „Click & Collect“, also die Möglichkeit für die Kunden im Lockdown, die Ware nach vorheriger telefonischer Bestellung abzuholen, funktioniert aus seiner Sicht in einer Branche nicht, in der Kunden den Artikel gerne in die Hand nehmen und begutachten.

Das Dilemma zeigt sich für Uhlig im Moment ganz deutlich bei den Schulranzen: Seit 15 Jahren veranstaltet der Einzelhändler immer am letzten Samstag im Januar eine Schulranzenmesse, die in all den Jahren im Schnitt 800 Besucherinnen und Besucher in die Barbara-Künkelin-Halle gelockt hat, coronabedingt in diesem Jahr aber nicht stattfinden kann.

Die Versuche, Eltern und Schulkindern Beratungsgespräche außerhalb der Geschäftszeiten anzubieten, um weniger Kunden zeitgleich im Laden zu haben, hat der Lockdown vereitelt. Im Moment bekommt Uhlig zwar täglich zwischen zehn und 15 Anfragen, doch da er niemand in den Laden lassen und beraten kann, ist ihm klar: Wer mit dem Schulranzenkauf nicht noch ein bisschen warten kann, den hat er an die Konkurrenz im Internet verloren.

Mit der Baustelle nebenan ist die Laufkundschaft weg

Und dabei hält er den Standort an der Johann-Philipp-Palm-Straße, wo schon seine Eltern ihr Lederwarengeschäft hatten, eigentlich für gut – „solange man keine Baustelle hat“. Seit einem Jahr fühlt Andreas Uhlig sich durch die benachbarte Baustelle massiv beeinträchtigt. Anfang 2020 wurde das Gebäude Johann-Philipp-Palm-Straße 22 abgerissen und neu gebaut.

Eigentlich sollte „Ernsting’s Family“ im Dezember einziehen, daraus wurde bis dato nichts: In den kommenden zwei Monaten, schätzt Bauherr Thomas Bürkle, wird es so weit sein. Und sobald es das Wetter zulässt und der Gipser loslegen kann, wird auch das Gerüst verschwinden.

Das bedeutet für Uhlig: „So lange haben wir keine Laufkundschaft.“ Und ob der Straßenabschnitt bis vor zum Marienstift tatsächlich einmal Fußgängerzone wird – Uhlig hat seine Zweifel: „Das ist ein alter Hut, passiert ist bisher nichts.“ Trotzdem hofft er, dass der neue Eigenbetrieb Tourismus und Citymanagement – trotz des ungünstigen Starts in Corona-Zeiten – vernünftige Konzepte für den Einzelhandelsstandort entwickelt.

Und obwohl Uhlig nie Mitglied bei Schorndorf-Centro und auch im BdS war („ich mache gern mein eigenes Ding“), hat er sich bisher immer an Aktionen wie dem Frühlingserwachen oder dem Sommernachtsshopping beteiligt. Für ihn hat Schorndorf „Potenzial“. Sollten dann auch noch Produkte angeboten werden, die es nicht überall gibt, dann hat die Stadt als Einzelhandelsstandort für ihn auch noch Zukunft.

Und wären alle Vermieter so wie Uhligs, wäre sowieso alles gut: Sie sei, sagt der 56-Jährige, von sich aus auf ihn zugekommen und habe ihm angeboten, wenn’s Probleme gibt, solle er sich melden. In dieser Situation ist Uhlig zum Glück (noch) nicht.

Der Einzelhandel tut sich schon seit Jahren schwer, dann kam Corona – und obwohl Andreas Uhlig von seiner Stimmungslage eher zuversichtlich ist und im vergangenen Sommer in seiner Einkaufspolitik einiges richtig gemacht hat, die Situation macht ihm Sorgen. Schon 2019, als er während der Remstal-Gartenschau die Besucher auch an seinem Lederwarengeschäft an der Johann-Philipp-Palm-Straße vorbeiströmen sah, erinnert sich Uhlig, habe er zu seinen Angestellten gesagt: „Denkt euch diese Menschen

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