Schorndorf

Teenie-Hölle: Was die Corona-Kontaktbeschränkungen für Heranwachsende bedeuten

Teenies leiden unter dem Lockdown
Für manche Jugendliche ist der zweite Lockdown eine enorme Belastung in einer ohnehin verletzlichen Lebensphase. Wo die Seele zu stark leidet, können auch kurzfristige Beratungen bei einer Therapeutin helfen. © Büttner

Schmetterlinge im Bauch, der Kopf voll rosa Watte, zum ersten Mal Hand in Hand gehen, ein zaghafter erster Kuss – und dann die Frage: War das überhaupt erlaubt? Wie geht das zusammen? Abstand halten, Maske tragen und Teenie sein? Wir haben mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anna-Selina Daiß darüber gesprochen, was der erneute Lockdown mit den Jugendlichen anstellt. Entwickelt sich hier eine neue Generation? Die Generation Corona?

Teenies – sie haben einen richtig wichtigen Job zu erledigen: Während ihr Gehirn pubertätsbedingt umgebaut wird, sollen sie sich ablösen von zu Hause, eigene Wege gehen, sich selbst und ihre Möglichkeiten entdecken. Wer 15, 16, 17, 18 Jahre alt ist, dem gehört die Welt. Zumindest gefühlt. Alles steht ihm offen, das Leben liegt vor ihm, will genutzt werden. Freunde, Liebe, Musik, Sport. Unbeschwertheit, Gedankenlosigkeit und Überschwang – das sind die Privilegien des Jugendalters. Und jetzt? Corona verlangt den Teenies und jungen Erwachsenen viel ab. Nun schon zum zweiten Mal ein Lockdown. Sie, die dazu bestimmt sind, Grenzen auszutesten, zu überschreiten, zu rebellieren, sind nun aufgefordert, sich an Regeln zu halten. An die schlimmste, denkbare Regel für Teens und junge Twens überhaupt: Kontaktbeschränkungen.

Teenie-Bedürfnis: Immer neue Menschen kennenlernen

Denn, es sind gerade diese Kontakte außerhalb der Kernfamilie, die die jungen Menschen gerade am meisten brauchen. Im Gegenüber mit anderen Gleichaltrigen, so erklärt’s Anna-Selina Daiß, entdecken sie ihre eigene Persönlichkeit und Identität, ganz abseits von den zu Hause weitergegebenen Regeln. Und: „Kontakt mit Gleichaltrigen“, das heißt üblicherweise nicht Kontakt mit einer Freundin/einem Freund. In dieser Phase des Lebens sei es wichtig, immer neue Menschen kennenzulernen, dabei neu Facetten seiner selbst zu entdecken. Teenies brauchen die Gruppe, in der sie sich zu Hause fühlen.

Corona bremst sie aus

Sie wollen raus von daheim, werden selbstsicherer, emotional unabhängiger. „Der Freiraum außerhalb der Familie ist ihr Entwicklungsraum“, erklärt Daiß. Sie müssen ihre eigenen Rollen finden: Welche Art von Frau oder Mann möchte ich sein, welche Normen und Werte sind mir wichtig, stehen die vielleicht konträr zu jenen der Eltern? All das. Corona aber bremst sie aus. Möglichst nur einen Freund treffen, Jugendtreffs sind geschlossen, die Clubs sind verriegelt, Kinos haben Pause. Nicht mal draußen sind Treffen in größeren Gruppen erlaubt. Und ohnehin: Die kalte Jahreszeit hat längst Anlauf genommen. Wer mag sich schon bei vier Grad auf einer abgelegenen Wiese treffen? Schulpartys, Geburtstagsfeiern – alles Vergangenheit, zurück geht’s in die eigene Kernfamilie.

„Wer einen guten Kontakt mit seiner Familie hat, kann die Ablösung einfach ein wenig herausschieben“, weiß Anna-Selina Daiß. Aber es gebe eben auch Konstellationen, die nicht so einfach sind. Familien, in denen es jetzt richtig schlimm knallt, wo Pubertierende und ihre Eltern aneinandergeraten, es zu Gewalt kommt.

Ein Segen, dass die Schulen noch geöffnet sind

Für Jugendliche aus solchen Verhältnissen sei es ein Segen, dass die Schulen aktuell noch geöffnet sind. Sie geben Struktur und Halt. Immerhin hier sind die so dringend benötigten Kontakte unter Gleichaltrigen noch möglich. Würde es künftig wieder zu Schul-Schließungen kommen, könnte in manchen Familien die Situation auch eskalieren. Gestresste Eltern, gestresste Teenies - keine gute Mischung.

Dazu komme eine neue Dimension von Perspektivlosigkeit. Während der erste Lockdown im Frühjahr noch zu wuppen schien, sehe es jetzt anders aus. Schließlich ist allen klar: Die Infektionszahlen sind hoch wie nie, gleichzeitig steht der Winter erst noch bevor, die Maßnahmen des aktuellen Lockdowns scheinen nur recht langsam zu greifen. Mit einer Durchimpfung der Bevölkerung ist erst gegen Ende des kommenden Jahres zu rechen. Allen schwant: Corona wird uns noch länger fest im Griff haben. Wann das Leben endlich wieder leichter wird, vermag keiner ernsthaft vorherzusagen.

Ausbildungsplätze werden abgesagt, Nebenjobs sind Mangelware

Aber noch etwas kommt dazu: Die Zuversicht in die Zukunft beginnt zu bröckeln, wo Ausbildungsplätze coronabedingt wieder abgesagt werden. Nebenjobs gibt’s kaum noch. Klar, niemand braucht grade in der Gastronomie Aushilfen, der Verkauf stockt, viele Unternehmen ziehen sich aktuell zurück. Und so bleibt für die Jugendlichen eins übrig: das Gefühl der sozialen Isolation. Das gelte vor allen Dingen auch für die Jugendlichen, die sonst wenig Anschluss haben. Aus dem Gefühl der Einsamkeit könnten Depressionen und Ängste entstehen, weiß Anna-Selina Daiß.

Ein gewisser depressive Rückzug sei in dieser Lebensphase zwar normal. Schlage dieser aber beispielsweise in selbstverletzendes Verhalten um oder träten Schlafstörungen ein oder sei eine emotionale Abflachung festzustellen, sei es an der Zeit, sich Hilfe zu suchen. Anlaufstellen könnten die Familienberatungsstellen des jeweiligen Wohnortes sein, aber auch Psychotherapeuten. Jene haben zwar selten langfristige Therapieplätze zur Verfügung, aber vergleichsweise schnell könne man einzelne psychotherapeutische Sprechstunden in Anspruch nehmen, die außerdem von den Krankenkassen bezuschusst werden.

Not sehen, gesprächsbereit sein

Eltern selbst könnten helfen, indem sie ihren Teenies signalisieren, dass sie ihre Not sehen und bei Bedarf immer gesprächsbereit sind. Und wer es dann noch schafft, den geliebten und leidenden Teenie weg von Flimmerkiste und Internet zu locken, gar in die Natur hinaus, der hat schon viel getan. Und noch eins sei wichtig, appelliert Daiß: Die Freiheiten, die jeweils noch erlaubt sind, die sollten den jungen Weltentdeckern auch erlaubt werden. Wo es die Möglichkeit zur Selbstentfaltung gibt, sollten sie eröffnet werden.

Schmetterlinge im Bauch, der Kopf voll rosa Watte, zum ersten Mal Hand in Hand gehen, ein zaghafter erster Kuss – und dann die Frage: War das überhaupt erlaubt? Wie geht das zusammen? Abstand halten, Maske tragen und Teenie sein? Wir haben mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anna-Selina Daiß darüber gesprochen, was der erneute Lockdown mit den Jugendlichen anstellt. Entwickelt sich hier eine neue Generation? Die Generation Corona?

Teenies – sie haben einen richtig wichtigen

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