Schorndorf

Teil-Lockdown in Schorndorf: Frust und Sorgen bei den Gastronomen

neuen Corona-Verordnungen
Betreiber Mathias Simon räumt auf. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Tische sind beiseite gerückt, die Stühle aufeinandergestapelt: Nach den Corona-Bedingungen der Bundesregierung haben sich die Restaurants und Kneipen in ihre Zwangspause verabschiedet. Der Frust sitzt tief bei vielen Gastronomen. Viele von ihnen haben in den vergangenen Wochen eine Menge Geld in Heizpilze und die Außenbewirtung investiert. Nun scheinen die Investitionen in den Sand gesetzt zu sein. Im November fehlen nun nicht nur Einnahmen, jetzt drücken auch noch sinnlose Schulden. Ungerecht und unverständlich finden viele Schorndorfer Gastronomen den Lockdown auch deshalb, weil sie in den vergangenen Monaten alle Vorgaben erfüllt hätten. „Wir haben die Regeln eingehalten, es hat nichts genützt“, resümiert Coco-Betreiberin Angelika Sandbiller-Bauer bitter.

Extra einen Heizpilz angeschafft

Die Chefin des Coco gehört zu denen, die ein Zelt gekauft und einen Heizpilz angeschafft haben, damit die Gäste coronagerecht draußen sitzen können. Weil sie alle Forderungen des Landes umgesetzt hatte, hatte die Wirtin mit der erneuten Zwangspause nicht gerechnet. Nun will sie in den kommenden Wochen mit Speisen zum Mitnehmen wenigstens etwas verdienen, das aber sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Ich weiß nicht, wo das hinführt“, sagt sie. Und: „Ich bin bloß froh, dass ich nicht die Einzige bin, die es betrifft.“

Oberbürgermeister appellieren an Ministerpräsident Kretschmann

Tatsächlich trifft es viele. Und am Sinn der Gaststätten-Schließung zweifeln auch etliche Oberbürgermeister, die deshalb an Ministerpräsident Kretschmann geschrieben haben. Unter ihnen auch der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Wie berichtet, verwiesen die Stadtchefs auf die guten Hygienekonzepte von Theater, Oper, Kino, Gastronomie, Hotellerie und Cafés. Als Treiber des Infektionsgeschehens seien diese von eher geringer Bedeutung. „Es ist für uns nicht ersichtlich, dass durch den kompletten Lockdown dieser Bereiche das Tempo der Pandemie ausreichend gebremst werden könnte“, schreiben die Bürgermeister. Doch Kultur und Gastronomie machten das Leben in den Städten wesentlich aus. Sie einfach abzuschalten, gefährde auf Dauer Bürgersinn, Zusammenhalt und Lebensgeist der Stadtgesellschaften. Zumal zu befürchten sei, dass die Eingriffe bis zum Frühjahr verlängert werden. „Das hätte gravierende Strukturbrüche zur Folge“, warnen die Stadtchefs: „Allein mit Geld kann man Unternehmergeist, Kreativität und Leistungswillen nicht erhalten. Dauerhafte Abwertung und Untätigkeit wird viele zum Aufgeben treiben.“

Tatsächlich weiß keiner, wie viele Gastronomen die Corona-Krise überstehen werden. Noch geht Lena Galagorri vom Café de Ville davon aus, dass sie’s schaffen wird, „wenn es nach den vier Wochen normal weitergehen würde“. Schon jetzt befürchtet sie zwar ein schlechtes Weihnachtsgeschäft, nimmt die Zwangspause aber tapfer als neue Herausforderung an: Im Moment versuche sie, sich so wenig Gedanken wie möglich zu machen. Vor fünf Jahren, da ist sie sich sicher, hätte sie die Krise nicht überstanden. Jetzt hofft sie auf ihre Stammkunden. „Die Schließung ist eine Katastrophe, die ich hinnehme“, sagt sie. Und: „Irgendwie geht es weiter. Wie, weiß man nicht.“

Wie? Das fragt man sich auch im „Pfauen“. Das Restaurant geschlossen, die Mitarbeiter in Kurzarbeit, die Situation komplett unklar: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht und was wir vom Staat bekommen“, sagt Bianka Burkhardt. Nachdem sie alles versucht und sich an die Regeln gehalten hätten, werde nun die Reißleine gezogen. „Aber wir sind nicht der Herd, von dem Gefahr ausgeht“, ist sie überzeugt. Im Restaurant säßen die Leute mit Abstand, zu Hause oft viel beengter. Speisen zum Mitnehmen wie Gans to go sind in Planung, doch vorher müsse klar sein, dass diese Einnahmen nicht von der Entschädigung der Bundesregierung abgezogen werden. Wütend und traurig ist auch Silvia Unverdruss, Geschäftsführerin im Courage, für die die Schließung „blinder Aktionismus ist, um die Bevölkerung zu beruhigen“. In der Gastronomie und in den Hotels habe es kaum Infektionen gegeben, zudem wären aufgrund der hohen Infektionszahlen ohnehin nur wenige Gäste gekommen. „Es ist zum Heulen“, sagt sie. Im Courage und in den Remstalstuben soll ein Liefer- und Abholservice organisiert werden und so das Überleben gesichert werden.

Eine Woche geöffnet, dann folgte der erste Lockdown

Am 8. März war die Eröffnung, eine Woche später begann der erste Lockdown, nun folgt die erneute Schließung: Das erste Jahr steht für das Ama Deli definitiv unter keinem guten Stern. „Emotional und finanziell ist es eine schwierige Zeit“, sagt Inhaber Mathias Simon, der auch das Amadeus in Stuttgart betreibt. Nicht alle Gastronomen hätten sich an die Regeln gehalten, räumt Simon ein, in manchen Clubs etwa sei dies nicht der Fall gewesen. Doch darum geht es aus seiner Sicht derzeit gar nicht: Er und viele andere Gastronomen hätten sich vorbildlich an die Vorgaben gehalten, seien aber Teil eines Freizeitbereichs, der geschlossen wurde. Ist das verständlich? „Ja“, sagt er, „man hat dafür auch Verständnis.“ Vor allem habe er nun aber auch die Erwartung, dass die Gastronomen schnelle und einfache Hilfe bekommen. Unterstützt werden sollen die Gastronomen mit 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019. Nur: Da hat es das Ama Deli in Schorndorf noch gar nicht gegeben. „Keiner weiß, wie das berechnet wird“, seufzt Mathias Simon. „Es wird eine Lösung geben. Aber im Moment sitzen wir im Dunkeln.“

Wo Rosa Placentino, Wirtin im Incontro, in absehbarer Zeit sitzen will, weiß sie schon genau: mitten auf ihrer neuen Terrasse, mit Glaswänden und Heizpilzen, die sie für viel Geld bestellt hat. Auch wenn die Außenbewirtung nun doch nicht gefragt ist: „Ich baue die Terrasse auf, dekoriere sie und setze mich drauf“, kündigt die Wirtin an. Die Zwangspause findet sie mehr als ungerecht und ist deshalb auch ziemlich sauer. Dass die Schließung irgendwann kommen würde, habe sie erwartet. „Und es werden keine vier Wochen sein“, sagt sie. „Das wird 100-prozentig verlängert.“

Die Tische sind beiseite gerückt, die Stühle aufeinandergestapelt: Nach den Corona-Bedingungen der Bundesregierung haben sich die Restaurants und Kneipen in ihre Zwangspause verabschiedet. Der Frust sitzt tief bei vielen Gastronomen. Viele von ihnen haben in den vergangenen Wochen eine Menge Geld in Heizpilze und die Außenbewirtung investiert. Nun scheinen die Investitionen in den Sand gesetzt zu sein. Im November fehlen nun nicht nur Einnahmen, jetzt drücken auch noch sinnlose Schulden.

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