Schorndorf

Traumberuf Hebamme? Manuela Bell vom Schorndorfer Klinikum über Hoffnungen und Sorgen

Hebamme Bell
Hebamme Manuela Bell liebt ihren Job und hat die Berufswahl nicht einen Tag bereut. © ALEXANDRA PALMIZI

Zuletzt hatte es reichlich Trubel gegeben, als klar wurde, was in der Reform steht, die ab 2025 das Gesundheitsweisen umkrempeln sollte. Demnach wären nur noch qualifizierte Pflegekräfte im Pflegebudget berücksichtigt. Dementsprechend müsste weiteres medizinisches Fachpersonal anderweitig von den Krankenhäusern finanziert werden.

Die Sorge von mehr als 1,5 Millionen Menschen, die sich an einer Internetpetition beteiligt hatten: Auf den Wochenbettstationen könnte Hebammen gekündigt werden, da diese Stellen nicht mehr refinanziert werden. Dann müssten deren Aufgaben von anderem, nicht auf die Geburtshilfe spezialisiertem Pflegepersonal übernommen werden. Nach dem großen, digitalen Aufschrei ruderte Gesundheitsminister Karl Lauterbach dann zurück: Geburtshilfe und Kinderheilkunde dürften nicht dem Spardiktat des alten Krankenhaussystems unterworfen sein.

Immer häufiger: Verzweifelte Suche nach Kreißsaal und Hebamme

Klar ist aber auch eines: Die Arbeitsbedingungen für Hebammen werden mit den Jahren nicht einfacher. Viele geben den Beruf auf, nicht selten - vor allen Dingen in den Großstädten – müssen die Frauen weite Wege zurücklegen, bis sie ein Krankenhaus finden, das sie in der akuten Geburtssituation aufnehmen kann. Auch wird es immer schwieriger, eine Hebamme zu finden, die die Geburtsvorbereitung sowie die Nachsorge übernimmt.

Anlass genug, bei Manuela Bell, Bereichsleiterin für den Kreißsaal im Schorndorfer Krankenhaus, nachzufragen, wie sich die Situation der  Geburtshelferinnen im örtlichen Krankenhaus darstellt. Bell ist 51 Jahre alt, hat im Oktober 1994 ihr Examen als Hebamme bestanden und arbeitet seit April 2017 in den Rems-Murr-Kliniken. Zuvor arbeitete sie bereits in einem großen Krankenhaus in London sowie im Sudan - eine Lehmhütte war dort der Kreißsaal. Anschließend kehrte sie nach Deutschland zurück und übernahm eine Führungsposition. Denn sie will etwas verändern: neue Standards etablieren, Prozesse optimieren, die Strukturen im Kreißsaal babyfreundlich weiterentwickeln.

Warum haben Sie Ihren Beruf ergriffen?

Als ich sechs Jahre alt war, war meine Mama schwanger mit meiner kleinen Schwester. Die Hebamme, die wir gut kannten, kam zur Vorsorge zu uns nach Hause, und ich war total fasziniert. Damals beschloss ich, dass ich auch mal Babys holen möchte. Diese Hebamme riet mir dann später auch, dass ich eine Hebammenschule besuchen soll. Von meiner kindlichen Faszination über das Wunder „Da kommt ein Baby raus“ bis heute in der Führungsposition im Kreißsaal hat sich natürlich vieles verändert.

Was gibt Ihnen die Arbeit abseits eines monatlichen Gehalts?

Ich bin immer noch begeistert vom Hebammenberuf, weil er einfach eine so große Vielfalt bringt: Wir begleiten und betreuen Schwangere von der Geburtsvorbereitung über Geburt und Wochenbett bis zur Nachsorge. Wir leisten psychologischen Beistand, ordnen Medikamente an. Deshalb tragen wir auch eine sehr hohe Verantwortung, weil wir sehr selbstständig in unseren Entscheidungen und bei der Wahl unserer Mittel und Methoden sind. Natürlich ist unser Beruf auch manchmal traurig, zum Beispiel, wenn ein Sternenkind kommt, so nennen wir Kinder, die tot geboren werden. Auch das gehört dazu, denn Leben und Tod liegen im Hebammenberuf sehr nah beieinander.

Wie ist die Ausstattung im Schorndorfer Krankenhaus, was Hebammen betrifft?

Im Schorndorfer Team haben wir eine gute Konstellation aus erfahrenen und jungen Hebammen, mit der wir die Geburtsbegleitung sicherstellen. Auch auf unserer Neugeborenenstation konnten wir neues Personal gewinnen; auch hier rundet der Einsatz einer Hebamme im Team die Expertise ab. Zusätzlich befindet sich aktuell eine Kollegin aus dem Kreißsaal in der Weiterbildung zur Still- und Laktationsberaterin. Außerdem wird von Januar 2023 an eine Stillberaterin dafür sorgen, dass unsere Wöchnerinnen weiterhin so zufrieden bei uns sind wie bisher.

Könnten Sie mehr Hebammen gebrauchen?

Mehr wäre immer schön. Ja, wir würden natürlich gerne mehr Hebammen einstellen; auch, um den Beruf weiterhin für Einsteiger attraktiv zu halten. Die Situation bei Hebammen ist so, dass die Fachkräfte bundesweit eher knapp sind. Hinzu kommen Ausfälle durch Krankheit oder auch durch Beschäftigungsverbot während des Mutterschutzes, was typisch ist für Frauenberufe. Insofern haben auch wir Hebammen mit dem allgemeinen Phänomen zu tun, dass es in unserem Beruf eine hohe Fluktuation gibt und einen Mangel an guten Bewerberinnen. Deshalb schauen wir uns intensiv auf dem externen Bewerbermarkt um und sind selbst aktiv in der Ausbildung, die wir seit 2016 mit dem Bildungszentrum für Gesundheitsberufe BZG in Winnenden betreiben. Dank der gut funktionierenden neuen Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart gelingt es uns, jährlich neue Hebammen in unser Team zu integrieren. Alleine dieses Jahr wurden zwei Hebammen in Schorndorf übernommen.

Wie würden Sie die Arbeit als Hebamme auf der Entbindungsstation und auf der Wochenstation beschreiben?

Wir arbeiten bei der Betreuung der Schwangeren, der Gebärenden und der Mütter sehr selbstständig in der Schorndorfer Rems-Murr-Klinik und können uns frei entfalten, wie wir vorgehen. Jede Hebamme setzt das ein, womit sie gute Erfahrungen gemacht hat und was für Mutter und Baby individuell passt - ob es um Tees, Aromadüfte, Rückenmassagen oder Gebärpositionen geht. Da gibt es bei uns keine Vorgabe, wir gewähren viel Spielraum, um auf die Frauen einzugehen. Natürlich immer im Rahmen der Richtlinien, die beispielsweise für die Einleitung der Geburt gelten. Unsere Ärzte kommen zur Geburt dazu sowie bei Auffälligkeiten. Das sieht in großen Kliniken oft ganz anders aus. Deshalb gefällt mir hier in Schorndorf, dass wir so eine familiäre und dabei professionelle Atmosphäre haben und vor allem viel Zeit. Und wir freuen uns, dass wir auch als Feedback so oft hören, wie toll die Betreuung von Mutter und Kind bei uns ist.

Fühlen Sie sich ausreichend wertgeschätzt, bezahlt und abgesichert?

Ich kann mich nicht beklagen. Auch die Zusammenarbeit mit Pflegedienstleitung, Chefarzt, Leitendem Oberarzt und Klinikleitung ist hier toll, denn wir haben kurze Wege, regelmäßigen Austausch, Unterstützung im Leitungsteam.

Was würde Ihnen helfen, um die Situation für Hebammen und Gebärende in Kliniken zu verbessern?

Ein Schritt ist schon gemacht, denn die Bundesregierung will die Finanzierung von Hebammen in Krankenhäusern sichern, indem der Personalaufwand für Hebammen ab 2025 vollständig im Pflegebudget berücksichtigt werden soll. Damit soll die Beschäftigung von Hebammen in den Kreißsälen einer unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen gleichgestellt werden. Natürlich ließe sich an den Strukturen immer noch etwas verbessern. Rufbereitschaft reduzieren, weniger Nachtdienste, weniger Fluktuation. Das alles kann man nicht einfach ad hoc ändern, da müsste das Gesundheitsministerium ran.

Was hören Sie von (ehemaligen) Kolleginnen, wie sieht deren Situation aus? Sind alle noch so motiviert und zufrieden, wie sie in ihren Beruf gestartet sind?

Gerade die älteren Kolleginnen, die seit vielen Jahren im Beruf sind, merken natürlich, dass speziell die Schichtarbeit und der Nachtdienst schlauchen. Ich versuche deshalb bei der Dienstplanung, das sinnvoll zu verteilen, um Entlastung zu schaffen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Tun Sie das eher optimistisch oder pessimistisch und warum?

Eher optimistisch. Der Beruf lebt ja fort, es werden immer noch Hebammen ausgebildet, auch bei uns in den Rems-Murr-Kliniken. Seit Herbst 2022 tun wir das nun wie oben ausgeführt in Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Dass der Hebammenberuf dort jetzt in Form eines Studiums erlernt wird, wertet diesen sicherlich auf für eine bestimmte Interessentengruppe. Wobei gleichzeitig auch die Hürde höher wird für jene Berufenen, die kein Abitur haben und auch nicht studieren möchten.

Was macht Ihnen Sorgen?

Bundesweit gesehen, dass die Wahl des Geburtsorts künftig mit längeren Fahrzeiten zu Kliniken verbunden sein könnte, je nachdem, wie sich die Zahl der Kliniken in Deutschland künftig entwickelt. Das macht mir als Hebamme Sorgen, weil die Betreuung bei Vorbereitung und Nachsorge darunter leiden könnte. Schon heute gibt es zu wenig Geburtsvorbereitungskurse und Hebammen für die Nachsorge auf die Fläche gesehen. Dafür muss man sich inzwischen schon anmelden, wenn man ein Kind plant.

Was lässt Sie hoffen?

Siehe oben! Kinderkriegen ist salonfähig geworden in allen Bevölkerungsschichten, Frauen und Männer leben heute Familie, und alles rund ums Kind ist attraktiv. Somit erleben viele Menschen am eigenen Beispiel, wie wichtig wir Hebammen für das Kinderkriegen sind und welch’ wertvolle Leistung wir erbringen. Ich bin auch zufrieden, dass wir bei uns in der Rems-Murr-Klinik Schorndorf eine Wochenbettsprechstunde für Frauen anbieten können, die bei uns entbunden haben und keine Hebamme zur Nachsorge haben. Diese Wöchnerinnen können sich bei Problemen im Wochenbett bei uns melden und in die Sprechstunde kommen.

Ist der Beruf so, wie Sie sich ihn vorgestellt haben?

Ja. Als Kind hatte ich davon zwar andere Vorstellungen. Da dachte ich noch nicht an Blut und Stress. Ich habe im Beruf einfach immer alles genommen, wie es ist, mit allen dunklen und hellen Seiten.

Was bedeutet es für Frauen, wenn sie von Hebammen oder eben nicht von Hebammen betreut werden?

Die Hebamme ist die Fachfrau schlechthin für die Geburt, und diesen Beruf gibt es seit Beginn der Menschheit. Eine Frau im Dorf half immer den anderen Schwangeren und Müttern, oft war es die Dorfälteste. Dabei geht es nicht ums Betüddeln, sondern um die Gesundheit der Mutter und die des Kindes: Wie kommt es in die richtige Lage, damit es wohlbehalten das Licht der Welt erblicken und sich gesund entwickeln kann? Das ist ein großes, weites Feld, das lange vor der Geburt anfängt und ein ganzes Stück danach endet. Für diese physiologische Geburtshilfe, also alles, was im normalen medizinischen Rahmen abläuft, ist ausschließlich die Hebamme zuständig, und dafür werden wir zu allen Zeiten dringend gebraucht. Das gilt insbesondere auch für Rückbildung und Nachsorge.

Was haben Sie in Ihren Jahren als Hebamme gelernt: beruflich, aber auch menschlich?

Mich hat meine Zeit als Hebamme in Afrika geprägt. Das hat mich beruflich und menschlich geerdet, und ich frage mich oft, warum bei uns in Deutschland so viel geklagt wird. Von der Großstadt London aus mitten ins Nirgendwo hat mir gezeigt: Vieles, was wir hier für selbstverständlich nehmen, wäre dort Luxus und gar nicht vorstellbar. Geburtshilfe in der Lehmhütte, kein Strom, kein fließendes Wasser, kein CTG (Wehenschreiber), keine Möglichkeit zum Kaiserschnitt. Da ist man komplett auf das Hebammenhandwerk fokussiert, und das hat mich gelassener und auch demütig gemacht. Man braucht sehr wenig, damit etwas funktioniert, und wir haben große Dankbarkeit erfahren für das, was wir tun konnten.

Was würden Sie jungen Berufsinteressent/-innen raten: Machen oder lieber sein lassen?

Auf jeden Fall machen und den Beruf der Hebamme ergreifen, wenn man Interesse an den Aufgaben spürt. Nicht abschrecken lassen. Hebamme ist und bleibt ein Traumberuf, und ich bereue es auch nach fast 30 Jahren keinen Tag, dass ich ihn ergriffen habe.

Zuletzt hatte es reichlich Trubel gegeben, als klar wurde, was in der Reform steht, die ab 2025 das Gesundheitsweisen umkrempeln sollte. Demnach wären nur noch qualifizierte Pflegekräfte im Pflegebudget berücksichtigt. Dementsprechend müsste weiteres medizinisches Fachpersonal anderweitig von den Krankenhäusern finanziert werden.

Die Sorge von mehr als 1,5 Millionen Menschen, die sich an einer Internetpetition beteiligt hatten: Auf den Wochenbettstationen könnte Hebammen gekündigt

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