Schorndorf

Trotz der Kontaktsperre nicht einsam sein

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Damit so mancher betagte Mensch nicht hinter der Fensterscheibe vereinsamt, können Angehörige einiges unternehmen. © Miriam Doerr & Martin Frommherz

Schorndorf.
Überall ist’s zu lesen. Das Coronavirus scheint vor allen Dingen hochbetagte Patienten mit Vorerkrankungen zu treffen. Also haben sie auch besonders Angst vor dem Virus? Mitnichten. Dr. Mathias Hahn, leitender Arzt der Geriatrie der Rems-Murr-Klinik Schorndorf, hat etwas anderes festgestellt. Viel mehr als unter der Virusgefahr litten die betagten Patienten, die er tagtäglich betreut, unter dem Kontaktverlust, der mit der aktuellen Situation einhergeht. „14 Tage kann man überbrücken, so lange dauert auch mal der Urlaub der Kinder.“ Aber jetzt, wo das Ende der Kontaktsperren kaum absehbar sei, da beginne es durchaus, an manchem Senior zu nagen. Sie wollen ihre Lieben endlich wieder in die Arme schließen. Sorgen um die Gesundheit der Senioren machten sich vor allen Dingen die Jüngeren, die Kinder und Enkelkinder.

Besonders schwierig sei die Kontaktsperre für Menschen mit dementiellen Erkrankungen. Schließlich dürfen ihre Angehörigen sie jetzt nicht mehr im Pflegeheim oder Krankenhaus besuchen, Selbst wer noch zu Hause betreut wird, kann keinen Besuch von außen empfangen, schon gar nicht, wenn auch noch Kinder im jüngeren Haushalt mitleben. Dann stellten sie fest: „Da kommt niemand mehr zu mir.“ Der Weg zu falschen Deutungen sei im Rahmen ihrer Erkrankung dabei kurz. Ängste, Sorgen, Gefühle des Vergessenseins machten sich breit. Gerade bei ihnen, die im Grunde besonders viel Zuwendung brauchten.

Kurze, freundliche Plauderei kann Barriere wegzaubern

„Ihnen ein positives Bauchgefühl zu verschaffen, ist wichtig“, erklärt Hahn. Darum bemühen sich er und seine Mitarbeiter im Krankenhaus beständig. Natürlich sei es ungleich schwieriger, besagtes Bauchgefühl herzustellen, wenn man nur mit Mund-Nase-Schutz das Krankenzimmer betrete. Da reicht das freundliche Lächeln eben nicht mehr, schließlich sieht’s unter der Maske keiner. Drum sprechen die Mitarbeiter noch mehr mit ihren Patienten, versuchen in Gesprächen über Alltägliches, Vertrauen herzustellen, gute Gefühle zu wecken. Sei es eine kurze Plauderei über den Wohnort oder das schöne Frühlingswetter. Sprechen, sprechen, sprechen - das ist das Gebot der Stunde, in einer Zeit, in der Berührungen auf ein Minimum reduziert werden müssen. Besonders schwierig ist es für solche Patienten, die zusätzlich noch Hörschwierigkeiten haben. Schließlich lesen sie üblicherweise auch die Lippen ihres Gegenübers, erschließen sich über Mundbewegungen, was das Ohr nicht mehr verstehen kann. Das fällt nun weg. Ein Schritt weiter in Richtung gefühlter Einsamkeit.

Mehr und mehr sieht Hahn aber auch gesunde und fitte Senioren, die sich blendend mit den sozialen Medien auskennen und sie täglich nutzen. Das sei optimal. Je älter die Menschen würden, desto häufiger zögen sie sich aus Vereinen, Chören, Freundeskreisen zurück. Vielen fehle mit der Zeit einfach die Kraft, um die Wege zu den Treffen zu absolvieren. Dann – oder eben in den Zeiten von Corona – helfen Whatsapp-Nachrichten, Fotos und Videos, die übers Handy verschickt werden, Kontakte über Facebook und vieles mehr. Und so rät Hahn auch den Angehörigen Betagter, öfter mal einen Videoanruf zu starten, mehr zu chatten, wo es denn möglich ist. Aber auch gemalte Briefe von den Kleinsten, andere frohmachende Sendungen über den traditionellen Postweg seien Gold wert.

Durch Isolation verschlechtert sich auch der Allgemeinzustand

Wer nämlich kein Handy bedienen kann und kaum telefoniert, ist andernfalls wie abgeschnitten vom Leben. Wer zudem noch gar bettlägerig ist und nicht einmal alleine hinausgehen kann, der nicht in der Lage ist, Fenstergespräche zu führen, ist besonders gefährdet. Zum einen für depressive Verstimmungen aber auch für Verschlechterungen des Allgemeinzustandes. Hahn, der als Arzt oftmals im häuslichen Notdienst im Rems-Murr-Kreis unterwegs ist, weiß, dass es auch für Verwandte umso schwieriger ist, den Zustand der Mutter oder des Vaters zu beurteilen, wenn nicht einmal deren Wohnung betreten werden darf. „Schließlich kann man manches von außen nicht sehen oder riechen.“

Damit gar übers Telefon eine Verschlechterung der Situation erkennbar ist, muss der Sorgende schon sehr empfindliche Antennen haben. Verschlechterungen müssen die Angehörigen dann nur aus einer womöglich veränderten Stimmlage heraushören. Oft ein Ding der Unmöglichkeit, vor allen Dingen dann, wenn die betreffende Person keine Extraarbeit machen will, wenn sie ihren Zustand nicht offenbaren will.

Was dann hilft? Hahn ist bei seinen Hausbesuchen dazu übergegangen, zusätzlich zu medizinischen Aspekten organisatorische Dinge abzufragen: Ist Post gekommen? Sind Rechnungen zu bezahlen, was soll eingekauft werden? Wo fehlt es sonst noch? Je länger er die Patienten im häuslichen Notdienst kennt, desto mehr Details weiß er von ihnen. Dann wird auch nach dem Hund, der Katze oder dem Wellensittich gefragt. Dann sind Veränderungen leichter aufzuspüren. „Man muss sich einfach ein bisschen einfühlen“, erklärt er. „Augen und Ohren aufsperren und bereit sein zu helfen.“ Dann gelinge es am besten, die Betagten aus der relativen Ferne zu begleiten. Das allerdings gelte nicht nur in den Zeiten von Corona. Das helfe immer, um das Leben Betagter und gar Hochbetagter ein Stückchen heller zu machen.

Schorndorf.
Überall ist’s zu lesen. Das Coronavirus scheint vor allen Dingen hochbetagte Patienten mit Vorerkrankungen zu treffen. Also haben sie auch besonders Angst vor dem Virus? Mitnichten. Dr. Mathias Hahn, leitender Arzt der Geriatrie der Rems-Murr-Klinik Schorndorf, hat etwas anderes festgestellt. Viel mehr als unter der Virusgefahr litten die betagten Patienten, die er tagtäglich betreut, unter dem Kontaktverlust, der mit der aktuellen

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