Schorndorf

Tuscaloosa protestiert gegen Rassismus: Wie Schorndorfs Partnerstadt die Situation nach George Floyds Tod erlebt

proteste
Überall in den USA haben Menschen in den letzten Wochen gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert. Symbolfoto. © Patrick Behn / Pixabay

Noch nicht einmal drei Wochen sind vergangen, seitdem der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis bei einer Festnahme von Polizisten getötet wurde. „I can’t breathe“, zu Deutsch „Ich kann nicht atmen“, hat er immer wieder gesagt, während ein Polizeibeamter auf seinem Nacken kniete. Auch als George Floyd bewusstlos wurde, leisteten die vier anwesenden Polizeibeamten keine Hilfe, wenig später wurde er im örtlichen Krankenhaus für tot erklärt.

Immer wieder gibt es in den USA Probleme mit Polizeigewalt gegen Afroamerikaner. Immer wieder gehen Menschen deshalb für mehr Gerechtigkeit auf die Straße. In den vergangenen Wochen seit dem Tod von George Floyd hat der Kampf gegen Rassismus aber noch einmal an Momentum gewonnen. Auch, weil ein Video des Vorfalls weltweit schockierte. Menschen allerlei Herkunft protestierten in den USA und in anderen Ländern gegen Rassismus und Polizeigewalt – selbst in Zeiten der Corona-Pandemie. Wir haben uns umgehört, wie die Menschen in Schorndorfs Partnerstadt Tuscaloosa, Alabama, die aktuelle Situation wahrnehmen.

Friedliche Proteste in der Größe von 500 bis 4000 Teilnehmern

„Im Moment ist die Situation in Tuscaloosa sehr friedlich“, berichtet Sonya McKinstry, Stadträtin in der Partnerstadt. Mehrere Gruppen haben nach dem Tod von George Floyd Demonstrationen in der Größe von 500 bis 4000 Personen organisiert, einige davon waren Jugendbewegungen. Unter ihnen seien zum Beispiel die einflussreichen Bürgerrechtsorganisationen SCLC und NAACP gewesen, die schon lange für die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA eintreten.

„Ich bin wütend über den kürzlichen Mord an George Floyd sowie an den anderen schwarzen Opfern, denen durch Rassismus und Polizeigewalt das Leben genommen wurde“, sagt Sonya McKinstry. Ihr Mann ist ein schwarzer Polizist in Rente, sie selbst hat es nicht mit Polizeigewalt zu tun gehabt. „Es gibt in diesem Land viel Rassismus und ich habe Angst um die Sicherheit meines Sohnes, weil man heutzutage nie weiß, wer sich wirklich hinter einem Abzeichen verbirgt“, sagt die Stadträtin aber. „Ich hoffe und bete, dass wir das Verhalten von denen, die Farbe sehen und ein Abzeichen tragen, verändern können. Und dass wir uns selbst dafür trainieren können, was wir zu erwarten haben, wenn wir in der Gegenwart von Polizeibeamten sind.“

Die Menschen sehnen sich nach Veränderung

Als Stadträtin stehe sie dafür ein, dass es professionelle Diversitäts-Übungen gibt. Polizeibehörden verzichteten oft darauf, externe und erfahrene Trainer in diesem Bereich zu beauftragen und setzten stattdessen auf Seminare von eigenen Angestellten. „Ich will sichergehen, dass die Beamten, die in unserer Stadt, auf unseren Straßen und in unserer Gesellschaft patrouillieren, trainiert sind – entsprechend unserer bestmöglichen Erwartung – und nicht nur so, wie wir es annehmen.“

Die meisten Menschen, die Sonya McKinstry vertritt, sehnen sich laut der Stadträtin nach Veränderung. „Sie haben die Diskriminierung in Bezug auf Jobs, Polizeigewalt und bei ihren allgemeinen Chancen satt“, sagt sie. „Die Menschen, die ich vertrete, wollen gleiche Chancen und Gerechtigkeit für alle.“

Die junge Generation gibt Anlass zur Hoffnung

Pamela Payne-Foster wünscht sich ebenso, dass die Situation in den USA sich verändert. Die afroamerikanische Ärztin aus Tuscaloosa hofft dabei auf die jüngere Generation, insbesondere weiße Jugendliche, die Randgruppen im Kampf gegen Rassismus zur Seite stehen können. „Es passierte mit der Bürgerrechtsbewegung in den Fünfzigern und Sechzigern, als weiße Verbündete überall im Land dabei halfen, Veränderung herbeizubringen“, sagt sie. „Es kann wieder passieren.“

Positiv stimmt die Ärztin, dass an den jüngsten Protesten in Tuscaloosa ein weites Spektrum an Menschen teilnahm. Im Vergleich mit Städten wie New York, Atlanta oder Washington sei Tuscaloosa eine kleine, konservativere, nicht sehr vielfältige Stadt. „Deshalb ist es erfrischend, so eine breite Resonanz aus allen Teilen der Gemeinschaft zu sehen“, findet Pamela Payne-Foster.

Unterstützung kommt aus allen Gruppen der Gesellschaft

Die Afroamerikanerin lebt seit 15 Jahren in Tuscaloosa. Nachdem Donald Trump gewählt wurde, erzählt sie, musste sie nach Birmingham fahren, als in der ganzen Nation Frauen gegen seine Wahl aufmarschierten. Weil es in Tuscaloosa keine große Reaktion auf nationale Probleme gab. Dieses Mal, nach dem Mord an George Floyd, sei die Situation anders. Menschen aus allen Altersklassen und jeglicher Herkunft beteiligten sich an den Protesten. Von einer Totenwache der afroamerikanischen Kirche mit 50 eher älteren Teilnehmern über einen friedlichen Protest auf dem „Government Plaza“, an dem etwa 1000 größtenteils junge Menschen teilnahmen, bis hin zu einer Veranstaltung, die von hauptsächlich weißen Pfarrern organisiert wurde – die Ärztin freut sich, dass die Reaktionen auf den Tod von George Floyd so vielfältig sind. „Ich weiß nicht, ob es am Zeitpunkt liegt, an der Trump-Müdigkeit oder der Corona-Pandemie, aber es fühlt sich so an, als ob die Menschen aufgebracht sind“, meint sie.

Wut, Schmerz und Frustration nach dem Tod von Floyd

Deutlich wurde das zum Beispiel bei einem Protest mit dem Namen „Ministers for Biblical Justice“, also „Pfarrer für biblische Gerechtigkeit“, für den sich kürzlich rund 300 Menschen auf den Stufen des Gerichts von Tuscaloosa versammelten. „In den letzten Monaten und jetzt Wochen hat unsere Nation, hat unser Staat, Unsicherheiten durch Pandemien und durch Morde an Afroamerikanern erlebt – zuletzt wegen des ungerechten Mordes an George Floyd“, adressiert ein schwarzer Kundgeber in einem Video, das unserer Redaktion zugespielt wurde, die Menge. „Als ein afroamerikanischer Mann habe ich Wut, Schmerz und Frustration wegen dieses sinnlosen Mordes und der Tötung von Afroamerikanern erlebt.“

Es reicht nicht, sich einmal zu versammeln, und nicht an die Zukunft zu denken, findet der Mann. „Wir müssen uns nicht nur auf den Stufen des geschichtsträchtigen Gerichts von Tuscaloosa versammeln, um ein Zeichen zu setzen“, fordert der Redner. „Wir müssen in alle unsere Schulen gehen und uns beteiligen. Wir müssen uns dazu verpflichten, uns gegen Ungerechtigkeiten und diskriminierende Vorgänge in allen Bereichen auszusprechen.“

Der Mord an George Floyd war ein schrecklicher Machtmissbrauch

John Kearns ist einer der Pfarrer, die die Veranstaltung mitorganisiert haben. „Jeder, mit dem ich gesprochen habe, stimmt überein, dass der Polizist Derek Chauvin George Floyd brutal umgebracht hat“, sagt der Methodist. Alle seien sich einig darüber, dass der Vorfall ein schrecklicher Missbrauch von polizeilicher Macht gewesen sei. „Alle Polizisten, mit denen ich mich unterhalten habe, sind wütend darüber“, so der Pfarrer. „Das Bild eines weißen Polizisten, der auf dem Nacken eines schwarzen, machtlosen Mannes kniet, stellt brennend bildlich die Frustration dar, die viele Schwarze in den USA fühlen.“

In Long Island aus falschen Gründen angehalten

Auf die Frage, ob er die Proteste in Anbetracht der Corona-Pandemie für angebracht hält, sagt er: „Angebracht ist nicht das richtige Wort. Die Flutwelle des Protests tobt und es gibt einfach kein Halten. Die einzige Frage ist, wie sehr die Demonstrationen den Virus weiterverbreiten.“

Ob Demonstrationen in Pandemie-Zeiten sinnvoll sind, darüber lässt sich sicher streiten. Nicht aber darüber, ob es gute Gründe für die Proteste gegen Rassismus in den USA gibt. „Ich wurde schon aus falschen Gründen von der Polizei verfolgt und angehalten“, berichtet zum Beispiel die Ärztin Pamela Payne-Foster von einem Vorfall, der sich in Long Island, New York, zugetragen hat. Sie hatte spät nachts eine „Minderheiten-Nachbarschaft“ verlassen, um nach Hause in eine „weiße“ Nachbarschaft zu fahren, als sie dort als Assistenzärztin arbeitete. „Zu der Zeit hatte ich einen kurzen Afro, also hat die Polizei vielleicht gedacht, ich bin männlich“, vermutet sie. „Ich bin mit meinem Leben davongekommen, aber die Situation hätte sich schnell zum Schlechten verändern können.“

Der Vorfall, an den Pamela Payne-Foster sich erinnert, ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines Systems, das viele Menschen abschaffen wollen. Was die Proteste bewirken, wird sich zeigen, klar ist aber, dass auch einige der Einwohner von Tuscaloosa systemischen Rassismus satthaben.

Noch nicht einmal drei Wochen sind vergangen, seitdem der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis bei einer Festnahme von Polizisten getötet wurde. „I can’t breathe“, zu Deutsch „Ich kann nicht atmen“, hat er immer wieder gesagt, während ein Polizeibeamter auf seinem Nacken kniete. Auch als George Floyd bewusstlos wurde, leisteten die vier anwesenden Polizeibeamten keine Hilfe, wenig später wurde er im örtlichen Krankenhaus für tot erklärt.

Immer wieder gibt es in den

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper