Schorndorf

Ukraine: Geflüchtete berichten in Schornbacher Brühlhalle von Krieg und Flucht

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Ljuba Romm und Enkeltochter Maria sind auf der Suche, nach einer festen Bleibe im Rems-Murr-Kreis. © Gaby Schneider
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In den engen und nur durch Planen abgedeckten „Zimmern“ finden die meisten Familien nie wirklich Ruhe. © Gaby Schneider

Es herrscht eine gedämpfte, aber keine schlechte Stimmung im Eingangsbereich der Brühlhalle in Schornbach. Ein paar Menschen stehen vor der Türe und unterhalten sich, andere haben sich in ihre provisorischen „Zimmer“ zurückgezogen und hier und da sausen Kinder auf einem Fahrrad durch die Gänge. Seit dem 19. April sind in Schornbach 45 der 2830 Geflüchteten aus der Ukraine untergebracht, die aktuell im Rems-Murr-Kreis leben. Was manche von ihnen berichten, macht sprachlos und wütend.

Die Brühlhalle in Schornbach erinnert von innen an ein provisorisches Nachtlager. Jede Familie hat ihren kleinen, privaten Raum, der lediglich mit Planen von den anderen abgetrennt und nach oben offen ist. In den Garagen der Halle stehen vier Waschmaschinen, daneben einige Wäscheständer mit nassen Klamotten. Und neben der Küche, in der es einige Kochfelder gibt, einen Gemeinschaftsraum.

Bombenhagel über Charkiw: Drei Wochen in der Metro-Station

Leute verschiedenster Nationalitäten leben dort aktuell. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie lebten zum Kriegsausbruch am 24. Februar noch in der Ukraine. 32 Männer und Jungen sowie 13 Frauen und Mädchen, meist Familien, sind aktuell in der Brühlhalle. Eine davon ist Familie Romm. Mutter Rosetta und Vater Georgi sind gemeinsam mit Großmutter Ljuba und ihren Kindern aus Charkiw geflohen. Mit Hilfe einer ehrenamtlichen Dolmetscherin erzählen sie vom Krieg und der Flucht: Als in der Nähe ihres Hauses Bomben einschlugen, suchte die Familie in einer Metro-Station drei Wochen lang Schutz. „Wir hatten drei Tage nichts zu essen und haben geweint“, berichtet Ljuba Romm. Irgendwann folgte dann die Flucht über Ungarn nach Deutschland mit dem Zug. „Unser Auto mussten wir am Bahnhof in der Ukraine zurücklassen“, sagt Georgi Romm, der wegen eines Augenleidens nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurde.

Wo alle ihrer sechs Kinder und 17 Enkel sind, weiß Großmutter Ljuba Romm nicht. Die große Familie sei getrennt worden. Zu ihren Verwandten in der Ukraine halte sie aber Kontakt. Enkeltochter Maria jedenfalls gehe seit einigen Wochen in die Rainbrunnenschule in Schorndorf und habe gleichzeitig ukrainischen Online-Unterricht. Ihr großes Glück sei, dass ihr Lehrer in Schorndorf etwas Russisch könne. Ihren 13. Geburtstag am 26. Mai konnte sie aber leider nicht wirklich feiern, weil aufgrund des Feiertages alle Geschäfte und Gastronomen geschlossen hatten.

Familie Romm sucht eine Wohnung und Arbeit

Nichts sehnlicher wünsche sich die Familie, als ein Ende dieses Krieges, um bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. „Bis dahin wäre es schön, wenn wir hier bleiben und arbeiten könnten“, sagt Georgi Romm. Dafür brauchen sie aber erst einmal eine feste Unterkunft. Die Suche laufe bereits. „Wir kommen hier in der Halle einfach schlecht zur Ruhe.“ Sobald eine Wohnung gefunden sei, wolle sich die Familie auch für einen Deutsch-Kurs anmelden.

Eine ähnliche Fluchtgeschichte erzählen Kyrill und Katja Batiuk, die aus Krematorsk nach Deutschland gekommen sind. Am Morgen des 24. Februar sind sie vom Bombenhagel aufgewacht. Ihre Fluchtvorbereitungen hatten sie schon davor getroffen. „Es gab schon einen Monat vorher Gerüchte“, sagt Kyrill Batiuk während er an seiner Zigarette zieht. Noch am selben Morgen sei das Ehepaar weiter nach Myrnohrad, zu Deutsch Dimitrow, wo die Eltern der beiden lebten. Am Anfang seien sie im totalen „Panik-Modus“ gewesen. „Wir haben eine Woche gebraucht, um uns bewusstzuwerden, was los ist.“ Während der 25-Jährige davon berichtet, bleibt seine Frau mit etwas Abstand auf einem Stuhl sitzen und wischt sich Tränen von den Wangen.

Zerstörte Gebäude und tote Menschen auf den Straßen

Nach einer Woche habe Kyrill dann seine Frau, deren Schwester und Mutter geschnappt und sei in die Westukraine gefahren. Da es dort aber keine Unterkünfte mehr gab, flohen die Frauen am 8. März, dem Weltfrauentag, über die Grenze nach Polen. Kyrill Batiuk, der in der Ukraine für eine Online-Schule gearbeitet hat, konnte erst am 24. März nachkommen, weil es wohl Probleme mit seinen Papieren gegeben hat. Über seine Vodafone-SIM-Karte habe er aber immer Kontakt zu seiner Frau halten können, die über Lemberg, Berlin und Heidelberg schließlich in Schornbach landete. Mit einem Auto sei er schließlich hinterhergekommen.

Ob er nach dem Krieg in die Ukraine zurückkehren wolle, darüber ist sich Kyrill Batiuk nicht so sicher. Er holt sein Smartphone aus der Tasche und will etwas zeigen, von dem seine Frau nichts wisse. Er scrollt durch seine Foto-Mediathek, bleibt dabei total ruhig. Was auf dem kleinen Bildschirm zu sehen ist, sorgt für Sprachlosigkeit, Wut und Trauer: Tote, verbrannte Körper liegen mitten auf der Straße. Neben zerstörten Häusern, eines davon wohl sein altes Wohnhaus, liegt ein abgetrenntes Paar Beine. All das, und seinen Angaben nach auch tote Kinder, hat Kyrill auf seinem Fußmarsch durch Kramatorsk gesehen. Seitdem er das gesehen hat, habe er einen anderen Blick auf das Leben: „Vor dem 24. Februar habe ich an meinen Job, das Haus und ein neues Auto gedacht. Jetzt bin ich glücklich darüber, am Leben zu sein.“

Es herrscht eine gedämpfte, aber keine schlechte Stimmung im Eingangsbereich der Brühlhalle in Schornbach. Ein paar Menschen stehen vor der Türe und unterhalten sich, andere haben sich in ihre provisorischen „Zimmer“ zurückgezogen und hier und da sausen Kinder auf einem Fahrrad durch die Gänge. Seit dem 19. April sind in Schornbach 45 der 2830 Geflüchteten aus der Ukraine untergebracht, die aktuell im Rems-Murr-Kreis leben. Was manche von ihnen berichten, macht sprachlos und

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